Neuland in Hamburg

Erst kurz nach elf ist es, als ich einen Parkplatz in der Hansestadt ansteuere.
Das ist erstaunlich früh für mich, aber ich will ja noch was sehen, bevor es wieder mal dunkel wird. Denn das passiert zu dieser Jahreszeit ebenfalls erstaunlich früh.

Just als der Motor erstirbt, sehe ich im Rückspiegel das unvergleichliche Auto der unvergleichlichen Frau Hiob in die Straße biegen und seinerseits eine Parklücke ansteuern. Das ist gewiss göttliche Vorsehung, denn unser Date ist erst nachmittags.

So ist Frau Hiob denn auch bass erstaunt (Gruß an Seppo). Souverän wie ein Westernheld lasse ich sie stehen, um in die Prärie zu reiten.

Der Bus ist schon wieder teurer geworden, obwohl ich dem Fahrer listig ein näher liegendes Ziel nenne. Schlimm, das. Aber dafür hat Hamburg ja auch was zu bieten: die neue U 4! (Dass Berlin 9 U-Bahn-Linien hat, erwähnen wir hier mal nicht.)

Noch nie benutzt, die neue Route in der alten Heimat. Nun aber dringend nachholen. Ich bin gespannt, wie ich sie im Tunnelgewirr des Knotenpunkts Jungfernstieg entdecken werde. Ach ja, richtig. Die tiefste Station der drei wurde bereits 1973 mit vier Gleisen ausgerüstet. Angedacht war eine andere Zweiglinie, dann hat man es sich anders überlegt, sodass die zwei Gleise 40 Jahre lang „funktionslos blieben“. Kennt man ähnlich aus Berlin.

Jetzt aber! Hochgespannt betrete ich den Zug Richtung Elbbrücken, Endpunkt der neuen Strecke quer durch die HafenCity. Fast drei Kilometer geht es durch die Schwärze bis zur ersten Station, dazu noch unter Fleeten (so heißen in Hamburg die Stadtkanäle) und Hafenbecken hindurch. Ob das gutgeht?

Wird schon. „Bauen am Wasser“ kann Hamburg eigentlich von Natur aus. Zwar prasselte vor Jahren im Autobahn-Elbtunnel mal ein dicker Strahl von oben auf die Fahrbahn. Es war nur eine geborstene Frischwasser-Versorgungsleitung, aber dem Vernehmen nach gaben die Autofahrer doch mächtig Gas. Das wurde denn auch nicht geahndet.

Mittags erreiche ich die Endstation. Elbe, Einsamkeit, eisiger Wind.

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Die neue U-Bahn-Station (l.) äfft ein wenig die alten Elbbrücken nach

Hier soll ein (noch ein!) Kreuzfahrtterminal entstehen, Wohnungen mit teuren Lofts, Bürotürme. Öde, sandige Brachen umgeben mich. Hier war der Abenteuerspielplatz meiner Jugend. Erkenne ich noch was?

Ich stapfe westwärts, dem Wind entgegen. Er kommt immer von Westen hier, das wusste schon Hermann Claudius: „Hier ist noch nicht das Meer … Und dennoch geht sein Atem heimlich um …“

Aber zu seiner Zeit sah es hier anders aus. Es gab noch keinen „Baakenpark“, und es gab keine Fußgängerbrücke quer über das Baakenhafen-Becken. Wie sollten denn die Schiffe auch sonst reinkommen? Na ja, vorbei. Alles wird anders.
Der „Baakenpark“ kommt mir mit seinen grünen Bepflanzungen „auf verschiedenen Niveaus“ und den akkurat angelegten Wegen zwischen Spiel- und Sportplatz neben den unfertigen eckigen Penthouse-Fragmenten höchst „reißbrettartig“ angelegt, ganz schwer künstlich vor. Und genau das ist er ja.

Recht künstlich, die Idylle. Die Angler kümmert’s wenig

Einen Berg entdecke ich, sagenhafte 15 Meter hoch. Natürlich künstlich, aufgeschüttet aus dem Elbsand des Baakenhafens, an dem man diesen künstlichen Park anlegte. Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch raufklettern, er nennt sich „Himmelsberg“, führt aber nicht so weit in die Höhe. Sicher Bauvorschriften, vielleicht plant man ja noch einen Segelflugplatz hier.

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Der erste Berg im neuen Jahr. Trekkingstiefel sind aber unnötig

Tatsächlich gibt es schon vereinzelte Spaziergänger, trotz des unwirtlich grauen Wetters, einige Kinder nutzen den Spielplatz rege. Wo sie in dieser Bau-Brache wohnen, erschließt sich mir nicht, gewiss sind es Touristen, genau wie ich. Oder sie haben bereits eine Wohnung gekauft/gemietet und warten auf das Richtfest. In beiden Fällen gehört ein festes Portemonnaie dazu, denn welcher Vermieter will bei den heutigen Baupreisen 70 Jahre auf „Amortisation“ warten? Wasserblick versteht sich hier ja von selbst.

Man merkt, ich werde missmutig. Zumal das wüste (Ex-)Hafengelände noch so unerschlossen ist, dass es nirgendwo was zu essen gibt.

Rüber zur Versmannstraße. Zur „Pfeilerbahn“. Auf unzähligen gemauerten Bögen fuhren hier die Fernzüge ab dem Deichtor in Richtung der Elbbrücken, nach Süden, in die Welt. Gemauerte Bögen, wie sie die Berliner Stadtbahn noch heute hat, sinnvoll genutzt sogar: Wunderbare Adressen wie „Fa. XY, S-Bahn-Bogen 432“ gibt es da.

„Meine“ Pfeilerbahn ist weg. Unschöne Spundwand-Elemente stützen jetzt das Gleis, was meine Laune nicht hebt. Freie und Abrissstadt Hamburg. Nun gut, vermutlich hätten die alten Ziegel den U-Bahn-Bau parallel zu den Ferngleisen nicht ausgehalten. Schade. Es beginnt halt eine neue Zeit.

War mal schöner (Copyright links: strassenkatalog.de)

Auf eine alte Zeit dagegen treffe ich am Lohsepark. Auch hier, wie in Berlin-Grunewald an Gleis 17, fanden „Osttransporte“ statt, die Deportationen von Juden, Sinti und Roma. Etwas betroffen von meinem Nichtwissen verweile ich an diesem Gedenkort. Auch ihn kannte ich bisher nicht. 20 Transporte gingen hier zwischen 1940 und 1945 auf die Reise ohne Rückkehr. 20 Tafeln am Gleisrest. Die Namen von fast 8000 „Passagieren“.

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Am Ende der „Fuge“, ein Pfad mit immer höher werdenden Mauern, der diese „Einbahnstraße“ beklemmend symbolisiert, stoße ich auf ein Info-Schild. Am ehemaligen Vorplatz dieses einstigen „Hannoverschen Bahnhofs“. Ganz unten die bissige zweisprachige Bemerkung: „Über Proteste der Hamburger Bevölkerung gegen die Deportationen ist nichts bekannt.“

Natürlich nicht. Niemand wusste etwas. Alle wussten nichts.

Man verzeihe mir das Zitat von Erich Mielke, Stasi-Chef einer ebenfalls vergangenen Zeit, hohes Tier einer anderen Diktatur. Oder soll man „Unrechtsstaat“ sagen?

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Die Laune bessert es auf dem weiteren Spaziergang nicht. Immerhin finde ich ein kostenloses öffentliches WC. Und die feine historische Speicherstadt ist noch da. Nur noch ein, zwei Brücken von hier in die Hamburger City, die alten Kopfsteinpflasterstraßen sind jetzt durchaus belebter. Viele strömen in die HafenCity, in den Teil, der schon fein bebaut und erschlossen ist.

Davon profitiert das Restaurant „Fleetschlösschen“, ein früheres Zollgebäude, das nun problemlos für einen Matjes auf Schwarzbrot 10,50 Euro verlangen kann.

Es war ein langer Marsch, ich bin leicht ermüdet, auch wenn ich das gigantische Neuland noch nicht komplett erkundet habe. Möglicherweise wird hier irgendwann ein Gebiet entstehen, das als städtebauliches Kleinod gefeiert wird, insgesamt alles schöner als früher, wo der Hafen hier am Nordufer der Elbe noch brummte. Wir werden sehen.

Da vorn müsste die U-Bahn-Station Messberg sein. Frau Hiob wartet. Matjes mag sie nicht, auch nicht für 10,50 Euro. Ich habe das Tor zur Welt gesehen. Was liegt näher, als exotisch essen zu gehen?

Das Land verrate ich nicht. Wir sind in Hamburg. Das ist ja das Tor zur Welt.

Ein Gedanke zu “Neuland in Hamburg

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