Der Mönch stürzt auf dem Weg zur Latrine die Treppe hinunter

„Die Hitze war drückend, der Zug überfüllt.“

So beginnt eine Kurzgeschichte des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer. Auch er war unterwegs und hat auf dieser Reise Unheimliches erlebt. Wer mag, kann jetzt sogleich googeln, wer nicht, begleitet mich bei drückender Hitze in den Harz.

„Die Hitze war drückend“. So weit gehe ich mit der Weltliteratur also konform, sitze allerdings im klimatisierten Auto statt im Zug. Gut so. Womöglich hätte ich am Bahnhof Halberstadt trotzdem den schnieken alten Wasserturm übersehen. Die B 81 jedoch führt vor der Gleisbrücke geradewegs auf ihn zu, der Anblick verführt prompt zu einem Foto-Stopp.

Eine Brocken-Besteigung war ja nun lange angesagt, die zweite in meinem Leben. März und April war zu früh, mein Kontaktagent im Harzdörfchen Wieda riet wegen Schnee und Nebel ab. Nun ist es also Ende Juni geworden, und es hat weit über 30 Grad.

Schaun mer mal. Oh, da schaun mer scho: Nicht weit hinter Elbingerode taucht er am Horizont auf. Sieht gar nicht so schlimm aus. Aber die Hitze …

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Ja, das ist er. Die Wetterstation auf dem Gipfel verrät ihn. Will rauf

Vielleicht wird es ja morgen kühler? Wie auch immer, um einer Dehydrierung vorzubeugen, nehmen wir auf der Terrasse das ein oder andere Bier, einen „Harzer Grubenlicht“ und Mini-Fläschchen Kräuterkram zu uns. Diese „Minis“ sind sehr lecker und schmecken auch gar nicht wüst alkoholisch. Bis jemand aus der lustigen Runde die Fläschchen studiert und anerkennend ruft: „Oha! Die haben ja 35 bzw. 44 Prozent!“

Echt? O je. Da ist es leider zu spät. Mir gelingt zwar noch ein Foto der unzähligen leeren Mini-Fläschchen in einer Kiste im Abstellraum, hier veröffentlicht werden kann es aufgrund eines Handy-Defekts leider nicht. Es ist vielleicht besser so, auch um Unruhe in der Bevölkerung zu vermeiden. Gute Nacht.

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„Unzählige“ Fläschchen. Wieso unzählig? Wir könnten sie durchaus zählen. Wir wollen nur nicht

Lange vorm Frühstück bin ich wach. Wie das kommt, ist rätselhaft, aber ich mache einen Spaziergang bergan. Ich rede es mir als „Brocken-Training“ für morgen ein, aber es ist wohl absehbar, dass dies ein Selbstmordkommando würde.

Schade irgendwie. Ich habe weitaus schlimmere Touren hinter mir, zum „Ötzi„, in Slowenien, am Eiger … Aber ich werde mich nicht damit abfinden, dass ich älter geworden bin. Schließlich ist es jetzt, Ende Juni, nur die außergewöhnliche Hitze, die einen etwas lustlos macht …

Wir gehen stattdessen ins Kloster. Erstens ist das moralisch sehr nötig, in Anbetracht der gestrigen Sünden, zweitens ist die nahe Ruine in Walkenried UNESCO-Welterbe, und etwas Kultur schadet nie. es muss ja nicht nur Trinkkultur sein.

Das Ensemble ist sehr sehenswert, auch und gerade in der strahlenden Sonne, die mal wieder etwas sehr heiß herniederbrennt.

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Am gotischen Zisterzienser-Kloster wurde einst 80 Jahre lang gebaut

Die Kirche ist verfallen, das „Klausurgebäude“ aber auf zwei Stockwerken erhalten, und der Eintritt lohnt sich. Kühle Stille lädt zur inneren Einkehr ein, aber sich im Auditorium in eine der bereitliegenden Wolldecken zu hüllen, um so in äußerster Ruhe auf etwaige Eingebungen zu horchen, ist heute nicht mein Ding.
Interessant wäre natürlich zu beobachten, ob Besuchermassen, z.B. aus Berlin, die Decken tatsächlich, wie erbeten, zusammengefaltet wieder in die Kästen legen. Statt sie einfach in den Raum zu schleudern und weiterzugehen. Aber heute ist nichts los. Wir sind recht allein.

Im Obergeschoss ist es nicht mehr ganz so erhaben heilig, aber das Museum hat eine dezente Ausstellung mit etwas Multimedia, erleuchteten Schaukästen und Infotafeln eingerichtet. Es wird dem sakralen Ort gerecht, und lernen kann man auch was.

Schmunzeln müssen wir bei diesem Bild, passend dicht bei den einstigen Latrinen.
Es scheint sehr berühmt für die damalige Zeit zu sein, ich fand es hier unter „Das Archäologische Fenster zur Stadtgeschichte Bad Windsheim“), was nun wirklich ganz woanders ist.

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Pardauz, da liegt der Mönch. Immer schön vorsichtig auf der Treppe sein (Bild: stadt.bad-windsheim.de)

Der Sinn dieser frühen Karikatur erschließt sich uns nicht ganz, zumal die Mönche hier, anders als anderswo, kein Bier gebraut haben (was ja dann auf Treppen Probleme bereiten kann).
Wir erinnern uns an unsere einstige Stammkneipe, ein recht enger Raum, von dem eine noch engere Treppe hinunter zu den Latrinen, äh, Toiletten führte.

Die alte Zeichnung beweist somit: Die großen wahrhaften Probleme der Menschheit haben sich seit 800 Jahren. gar nicht so sehr verändert.

Das ist beruhigend, und man könnte jetzt ein fettes Schnitzel essen.

Während meine Begleitung später noch zu tun hat, starte ich ein weiteres „Brocken-Training“. Eine kleine Drei-Stunden-Tour durch die Hügel. Und da passiert es.

Ganz sicher ist während des Kloster-Besuchs der Heilige Geist in mich gefahren. Und ebenso sicher hat er gemerkt, dass ich im letzten Blog ganz gehässig über Damen lästerte, die immer ihre Handys fallen lassen.
Und jetzt will er sich rächen. Die Strafe.

Wie immer enden hier irgendwelche Forstwege im Nichts, ich weiß aber genau, dass ich in diese Richtung weiter will, kann mich ja auch (wer hätte das gedacht?) an der Sonne orientieren. Also querfeldein. Ein steiler Abhang, Rutschen, ein Baum. Um nicht mit dem Gesicht dagegen zu prallen, nehme ich die linke Körperseite. Hosentasche, Handy.

Mehr werde ich hierzu nicht sagen. Sehr peinlich. Nur so viel: Meine Laune entspricht jetzt keinesfalls mehr der Meereshöhe, auch am nächsten Morgen droht es grauenvoll heiß zu werden, und die Westflanke des Brocken soll waldlos und ohne Schatten sein.
Soll ich um drei Uhr früh starten? Wenn die Sonne sich noch in Moskau versteckt? Und der Rückweg? Und wo bleibt mein Frühstück?

Ich fahre vorzeitig zurück nach Berlin. Die Madame im Navi nennt diesmal eine andere Strecke, keine Ahnung warum, ich folge ihr. Die Strecke ist genauso lang, eher schneller. Es passt alles gut. Frau Navi ist klüger als ich. Sieht man ja schon am Handy.

Alles nicht so wild. Die Zeit in Wieda war nett. Und der Brocken wird ja nicht weglaufen.

Eher befürchte ich, dass er schmilzt.

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