Das Blaue Band – es geht um Zehntelsekunden

Wie man mit dämlichen Reißer-Zeilen Leser fischt, bewies ich ja schon im letzten Beitrag, genau hier.

Nein, ich habe am heutigen Samstag nicht den Atlantik in Rekordzeit überquert. Unter anderem deshalb nicht, weil mich die Zeitverschiebung auf dem Rückweg etwas stören würde. Immerhin steht eine Arbeitswoche bevor.

Und doch ist der Titel mit Bedacht gewählt. Denn beides kommt vor: eine Gewässer-Querung sowie diffiziles Arbeiten mit Zeitabläufen.

Ich bin nämlich wieder mal Komparse beim Film!

Wie spaßig (und brutal) das da zugehen kann, belegt die legendäre Massenklopperei aus der hochgelobten Serie „Babylon Berlin“. Da ich die sehr souverän überlebt habe, darf ich heute noch mal ran.
Wieder ist es „Babylon Berlin“, wieder spielt es im Jahre 1929, in – natürlich Berlin, und ich bin befördert: Vom Kommunisten verhauenden Polizisten zum gestandenen Offizier der „Reichswehr“. Nun ja, man wird älter. Sogar das Eiserne Kreuz ist dabei. Auf diverse Nachfragen gebe ich an, es sei für meine Verdienste in und um Verdun, so ca. 1917.

Ehrfurchtsvoll staunen die Kameraden, äh Komparsen. Natürlich gehen wir alle voll in unseren Rollen auf.

Unser Komparsenbetreuer („Führer“ ist in diesem Fall, 1929, zu früh, und heute schon gar nicht mehr üblich) ermahnt uns zu ordentlichem Benehmen. Beim Set zu „Stauffenberg“ seien einst zwei Komparsen während der Pause in ihren SS-Uniformen samt Hakenkreuzbinde ins Hotel „Adlon“ marschiert, boten den verblüfften Gästen einen 1944 recht verbreiteten Gruß mit dem rechten Arm – und weg waren sie wieder. Bis heute weiß man nicht, wer die zwei waren. Also pfui.

Nun von der Kostümhalle zum Filmset. Obwohl es noch sehr früh am Morgen ist, nehmen wir den Crew-Bus mit abgedunkelten Scheiben, um etwaige Spaziergänger nicht übermäßig zu beunruhigen. Es geht über den Landwehrkanal hinweg zum „Reichswehrministerium“.

Da dies seit geraumer Zeit nicht mehr existiert, geht es ersatzweise zum Berliner Kammergericht in Schöneberg. In dem altehrwürdigen Gebäude stehen heute keine Verhandlungen an, daher dürfen wir es als Kulisse nutzen.

Vorher aber stranden wir an einem sehr jungen Gerichtspförtner, der dennoch sehr heftig mit den uralten preußischen Tugenden Ordnung und Disziplin verwurzelt ist.

„Bitte binden Sie sich alle diese blauen Bänder um!“

„Das wird nicht nötig sein“, lächelt unser Komparsenführerbetreuer. „Wir drehen hier was Historisches, die Kostüm-Damen werden es uns sowieso gleich wieder abreißen.“

„Nein, die Bänder müssen sein. Sie sind ja alles betriebsfremde Personen, da ist das Vorschrift!“

Wer jetzt einwenden mag, dass 16 voll ausstaffierte 1929er Reichswehr-Soldaten und -Offiziere schon durch ihre Erscheinung eine Art „Zugehörigkeit“ zum lang angemeldeten Filmdreh zeigen, liegt völlig falsch.
Denn: Es besteht ja die Möglichkeit, dass sich ein völlig Unbeteiligter exakt an diesem Samstagmorgen eine gleichartige Uniform beschafft, dann auf eigene Faust durch einen Luftschacht oder die Kanalisation ins Berliner Kammergericht eindringt und sich dann einfach unter uns 16 Komparsen mischt.

Obwohl er in Wahrheit gar nicht zur Filmproduktion gehört!

Um diese, zweifellos sehr reale Möglichkeit auszuschließen, also das blaue Band.

Schreckt so was einen deutschen Offizier? Natürlich nicht. Das blaue Band wandert in die Hosentasche. Historientreue geht vor. Nicht umsonst mussten alle ihre modernen Armbanduhren abnehmen. Wir sind hier nicht im Malle-Ferienclub. Wir drehen hier einen Film. Wegtreten!

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Fein viel Drehplatz am Samstag: Berliner Kammergericht (Foto: berliner-zeitung.de)

Also imposante Eingangshalle des „Reichswehrministeriums“ nun. Nein, natürlich ist es das real existierende Berliner Kammergericht. Ich bewundere den hübschen Mahagoni-Sekretär an der Treppe und das entzückende schwarze Uralt-Hörer-Telefon. Kein Wunder, dass es mit der Digitalisierung der Berliner Verwaltung nicht vorangeht.
Ach so, das gehört ja schon zum Filmset. Verzeihung.

Eingangshalle also, bewegende Szene am Reichswehr-Wachhabenden, während meine Komparsen-Kollegen nach einem ausgeklügelten Plan im Hintergrund geschäftig entlanglaufen sollen.
Als altgedienter Verdun-Veteran beobachte ich das zunächst mal als „Supervisor“. Alles scheint okay. Na ja, scheint. Ich habe ja keine Ahnung.

„Der Herr links sollte besser erst eine halbe Sekunde später losgehen. Und du dort, bitte, genau dann, wenn er die Säule erreicht hat!“
Es erfordert mehrere Takes, bis alles auf die Zehntelsekunde passt. Ich war auch schon bei bedeutend kürzeren Produktionen dabei, aber okay, wer guckt das?

Meine große Stunde kommt ja. Als ranghöchster Offizier soll ich dann dem „Generalmajor“ zum Abschied salutieren, wegtreten, während sich der Schauspieler „Ernst“ daraufhin in einer fast dreiminütigen Einstellung einer Dame im Gespräch widmet.
Drei Minuten Einstellung, schlimm. Hitchcock-Manierismus.

Natürlich beherrsche ich Salutieren und Wegtreten nach einer halbstündigen Einweisung mit einem echten Ex-Soldaten perfekt. Kein Bogen im Handgelenk, Wegtreten nur links, Gewicht auf linke Ferse, Drehen und Nachschieben mit rechtem Vorderfuß, Zehntelsekunde Stillstand, ab. Meisterlich.

Aber in den Folgeminuten der Einstellung, die ich versteckt auf dem Treppenabsatz verbringe, ist ja immer noch was zu verbessern. Reset, auf Position, Ton ab, uuund … BITTE!

Wir haben es, irgendwann. Der „Ernst“, dem ich dauernd salutieren muss, ist, peinlich, ich googele es später, der recht bekannte Schauspieler Ernst Stötzner. Seine „Theaterstimme“ fällt durchaus auf. Ich rede besser nichts.

Aber die Detailversessenheit fasziniert mich. Sie steckt an.
Ich frage vorsichtig, ob man die, richtig gehende, Uhr oben an der Treppe beachtet hat. Mögliche „Anschlussfehler“ könnten die Folge sein. Doch, hat man.

Aber erst kurz vorm Heimweg, ins Kostümdepot, fällt mir noch was in der altehrwürdigen Halle des Gerichtsgebäudes auf: Ein Relief mit dem Profil des alten seriösen Herrn Günter von Drenkmann, Schnurrbart, Glatze, einst Präsident dieses höchst realen Berliner Kammergerichts. Wird dieses Relief im Bild sein? Zur Zeit, in der die nun glücklich abgedrehten Szenen spielen, war er 19 Jahre alt.

So eine Erbsenzählerei. Wer bin ich denn, mich in die Produktion einzumischen? Sicher ist auch das bedacht worden, das Relief also nicht im Bild.

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Mit dem blauen Band der Bürokratie: Auch „Reichswehr-Soldaten“ müssen dies beim Filmset tragen

Anders wäre es vielleicht mit gewissen blauen Bändern. Die sind nur ganz schwer wieder vom Handgelenk zu befreien. Wenn da nun doch eines unterm Uniform-Ärmel hervorlugt …?

Tja, dann wissen wir ja, wer verantwortlich ist. Die Produktion nicht und wir auch nicht. WIR haben einen sauguten Job gemacht.

In diesem Sinne: CUT! und AUS! Danke.

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