Läuft bei Tarzan

Ja, es läuft. Ob ICH laufen kann, ist wieder eine Sache der Schuhe und eine ganz andere Frage. Dazu später was.

Zunächst ist die polnische Grenze wieder offen. Frau Hiob quiekt vor Vergnügen, als wir bei Pomellen den verlassenen Kontrollposten ihrer einstigen Heimat passieren. Bei strahlendem Sonnenschein schalte ich das Abblendlicht ein, wie es sich hier gehört, man hat allmählich die Routine.

Routine hat der Leser ja auch schon, wenn es hier um Stettin geht, insofern im Osten nichts Neues. Neu ist allenfalls der Blick aus unserem vorzüglichen Apartment direkt über dem abends quirligen Marktplatz.

Das blaue Haus ist das meistfotografierte in Stettin.
Eine Ehre, gleich nebenan zu wohnen

Frau Hiob hat Behördenkram zu erledigen und macht ausgesprochen gute Erfahrungen, was eigentlich sofort eine große Litanei an Berlin-Bashing rechtfertigte. Nein, hatten wir auch schon hier.
Frau Hiob ersteht ihr Wunschfahrrad, das sich schon lange in ihrem Kopf, auf einem Foto in ihrem Handy − und im 90 Kilometer entfernten Swinemünde befindet. Machen wir nicht, „Carrefour“ im „Turzyn Centrum Handlowe“ hat das Traumstück. Und um die Ecke gibt es einen Hartschalenkoffer, zu einem wirklich günstigen Preis.

Harte Schale, Tarzan, klar. Aber einen „Hartschalenkoffer“ besaß ich noch nie. Die Rollen meines ähnlich geräumigen (und erbärmlichen) Stoff-Koffers wurden 2016 (!) von „Delta Airlines“ beim USA-Besuch beschädigt. Ob das nun aus Bosheit über den bevorstehenden Wahlsieg Donald Trumps geschah, ist nicht mehr zu klären, zumal ich ihn gar nicht gewählt habe. Nachdem er, also der Koffer, aber zusehends auseinanderfiel, musste ein neuer her. Tolles Schnäppchen. Hoffentlich.

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Bald wird der „Neue“ auch unterwegs sein

Natürlich werde ich hier nicht erwähnen, dass man in Stettin, anders als Berlin, nicht von Horden aggressiver Bettler bedrängt wird. Denn als ich das neulich tat, wurde mir postwendend Rassismus unterstellt. Warum, bleibt rätselhaft. Manche suchen wohl immer einen Grund. Andere lesen einfach weiter.

Da wir also nun beide begeistert von unseren Käufen sind, zeige ich der Hamburgerin Frau Hiob den Weg nach Lubieszyn, also in Richtung des deutschen Pasewalk, „und dann immer der Sonne hinterher nach Westen.“
Das lehnt sie ab. Wie unsportlich.

Na okay, schließlich hat auch sie einen Hartschalenkoffer dabei, und das deutlich längere Zeit als ich. Will mal nicht so sein. In Berlin treffen wir auf den Eurocity aus Prag, der Frau Hiob, ihren Hartschalenkoffer und das neue Fahrrad bereitwillig aufnimmt. Gute Fahrt, Lady!

Und nun ab an die Arbeit. Also nach Hause. Zwar komme ich am (einstigen) Arbeitsplatz vorbei, aber man will dort noch keinen Mitarbeiter-Ansturm.

Noch herrscht Corona.

Nicht jeder in Berlin begreift das nach den vorsichtigen Lockerungen. Auswüchse sind hier zu sehen. Die Firma jedoch meint, für wen es gut läuft, möge noch zu Haus bleiben.

Und, ja, es läuft gut. Es läuft für Tarzan. Das sehe ich an den Nachrichten der zunächst furchtbar störrischen ING-Bank, die ja nun endlich mit einer „Ja, okay“-Mail einen Depotübertrag von einer Schweizer Bank ermöglicht hat. Der klare Schnitt, den ich plante, ist somit vollzogen.
Natürlich ist das rechnerische Minus im Depot mit den zusätzlichen Fonds noch größer als vorher, schließlich haben alle unter dem Börsenabsturz gelitten und tun es noch.

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Um das Konto komplett aufzulösen, müsste ich einen Brief schreiben. Aber es wird kostenlos weitergeführt. Und mal ehrlich: So ein Not-Rappen im Alter? Auf einem Konto in der Schweiz? Das hat was. Man weiß nie, wozu es gut sein kann

Aber was soll’s?

Denn jetzt kommt es ganz fett. Das Telefon klingelt, und der Personalleiter ist dran.

Ältere Langjährige Leser erinnern sich an die „präcoronale“ Zeit. Ja? Damals beschrieb ich gewisse Beunruhigungen, Umstrukturierungen und Personalgespräche. Die Idee mit der Altersteilzeit.
Alter? Ich? Absurd. Bin ich solch ein Saurier? Aber es wäre eine Lösung, um der darbenden Firma zu helfen. Nachdenken. Die rechtlichen Hürden. Würde es reichen? Die Zeit? Welche Fristen? Macht die Rentenversicherung mit? Und vor allem: Macht die Firma mit?

Und dann kam Corona.

Alle diese Überlegungen gerieten in Vergessenheit, als das Stadtleben knirschend wie ein Rennwagen im Kiesbett zum Erliegen kam.
Tut mir leid, diese Metapher ist einfach zu schön, um sie nicht noch ein drittes Mal hier zu verbraten.

Home-Office. Betrieb must go on. Ein Abschiedsbesäufnis mit den Kollegen, die das Abfindungsangebot annahmen, musste ausfallen. Im Büro schon mal gar nicht. Das Lokal gegenüber: undenkbar. Und dann waren sie weg. Im Chatprogramm „Teams“ sah ich, wie der Chef sie als Teilnehmer löschte, neue, unbekannte Namen kamen dazu.

Und nun ist der Personalleiter am Telefon.

Es ist so weit.

Ich werde Rentner. Nein, zu früh. Aber alt. Alt werde ich. Oder bin es jetzt. Würde es sonst „Altersteilzeit“ heißen? Der Personalleiter, nach „einigem Hin und Her“, hat es „durchgekriegt“.

Montag unterschreiben wir den „Altersteilzeitvertrag“. Schrecklich. Oder toll.

Ich kenne dieses Modell von meinem betagten Vater und einem weniger betagten Kollegen. „Blockmodell“. Ein paar Jahre weitermachen, für weniger Geld. Dann ein paar Jahre gar nix mehr machen, für das gleiche weniger Geld. Ein Angebot, das man, frei nach Marlon Brando, „nicht ablehnen kann“.

Als Philanthrop ein Dilemma: Ich weiß, dass Hunderttausende durch die Corona-Krise nicht diese Chance haben, ja, nicht einmal die Chance, vielleicht überhaupt je wieder in Arbeit zu kommen. Ich fühle mich also nicht hundertprozentig wohl bei dem Gedanken, obwohl es, ja, es läuft gut.

Konsum. Konsum soll das Zauberwort sein. Die Wirtschaft ankurbeln.

Ich tue es. Bevor ich dieses schrieb, habe ich nach dem Anruf des Personalleiters hoch emotionalisiert (und natürlich hoch egoistisch) die nächste Reise klargemacht. Tut mir leid, ist pfui. Aber ich kann niemandem helfen, indem ich hierbleibe.

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Überbleibsel aus einem polnischen Kiosk. Passend für eine kleine Feier am Abend

Der Berg ruft. Welcher? Lasst euch überraschen. Ich laufe schon mal mit den Schuhen, die mich in Thüringen so gequält haben, zum Supermarkt und zurück. Sind rund 1200 Meter. Geht ganz gut. Wie erwähnt, darf man links nicht zu fest schnüren.

In den Alpen werde ich merken, ob die Schuhe okay sind. Eigentlich glaube ich, sie sind es nicht. Dann wird es neue, teurere geben. Jeder darf mal Fehler machen. Ob ich die neuen dann in Amsteg oder Andermatt kaufe, ist egal. Aber ein Schweizer Ort sollte es schon sein. Denn die letzten Schuhe, bevor sie am Brocken starben, stammten aus Lauterbrunnen/BE. Und die brachten Glück. Bis sie eben … Na ja.

Wäre schon nett, wenn ich wieder so ein Paar finde.
Zum richtig guten Laufen. Ich meine ja nur.

Denn es läuft grad gut. Doch, es läuft.