Schon wieder: Ende einer Ära

Das mit der Mauer-Umrundung zieht sich aber gewaltig.
Immerhin ist es schon zwei Monate her, dass ich die erste Etappe in Angriff nahm. Eine ganz, ganz schwache Leistung also.

Allerdings sind entsetzliche Dinge passiert, die ein zügiges Fortkommen erschwerten. Fortgekommen ist zwar doch was, auch ich (also im Sinne von „unterwegs“, wie heißt denn das sonst hier?), fortgekommen also, und zwar mehr, als mir lieb war.

Mein braves Auto ist verreckt. Ein vermutlich irreparabler Motorschaden.

Das leise Klackern wird lauter, der Ölstand ist okay, die Temperatur auch, und das Klackern wird unerträglich. Eine Werkstatt im einsamen Mecklenburg, emsig lauschende Leute, die den Kopf wiegen.
Der ADAC-Mann ist missgelaunt und ziemlich unkooperativ, bevor er wieder abzieht. Davon nehme ich aber den gesamten Rest-ADAC in dieser Angelegenheit ausdrücklich aus, deren Leute sich später rührend kümmerten.

Erst mal weiter. Wer schleppt mich ab? O ja, Papa macht das, zu dem wollte ich ja eh, er weilt im Urlaub am See, nur 19 km entfernt. Hier ein Hoch aufs Handy.

 

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Doch, er könnte schon noch allein da rauftuckern. Aber der Lärm …

 

Nun steht der Wagen auch gleich idyllischer, auf dem leeren Hof eines Autohauses in der Nähe. Schlüssel und Erklärung in den Briefkasten, fertig. Nun erst mal ganz viel Bier trinken und telefonieren, alles gleichzeitig. Die Eltern schwimmen derweil im See.

Heimreise nächster Tag, ich lerne ganz viele kleine Bahngesellschaften kennen, den „HANS“, die „ODEG“ … Sie kämpfen sich tapfer durch die Steppe, auf holprigen Gleisen, die von der Reichsbahn, Verzeihung, der Deutschen Bahn, mangels blühender Landschaften längst aufgegeben wurden.

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Durchdringende Pfiffe an jeder Feldweg-Kreuzung: Die Hasen und Rehe haben es längst kapiert

Der Fahrpreis ist mir egal, alles wird der ADAC erstatten, theoretisch könnte ich sogar ein Taxi nehmen, aber man ist ja kein Unmensch. Andere Fahrer wollen auch mal eine Panne haben.

Gar nicht egal aber ist, dass der Getränkeautomat in Waren/Müritz zwar meine Münzen schluckt, dann aber jede weitere Interaktion einstellt. Das kann ich nun gar nicht leiden, zumal es sehr heiß ist und der Schaffner des Zuges nach Oranienburg mahnend auf die Uhr deutet. Ohne Getränk also weiter. Das wird ein empfindliches Nachspiel haben. Blühende Landschaften, pah. Wenn es nicht mal Wasser gibt …

Der ADAC wird mir den Wagen leider nicht nach Hause bringen. Dazu müsste das Autohaus beschwören, dass eine Reparatur lohnt und kein „wirtschaftlicher Totalschaden“ vorliegt. Und dazu, ja, dazu kann man sich dort nicht durchringen.
Also schon wieder Ende einer, recht kurzen, Ära.

Zwei Tage Verkaufsversuche verlaufen schwierig. Auch wenn jetzt wieder die Rassismus-Keule geschwungen wird und man mir tiefbraune Nazi-Ideologie vorwerfen mag: Keiner der Menschen, die „jeden Motorschaden sofort zum Spitzenpreis“ ankaufen, spricht einigermaßen Deutsch, es ist nur unverständliches Krächzen, das regelmäßig mit „100 Euro“ endet. Ebenso regelmäßig dann mein Hinweis, dass es nicht um vier Reifen, sondern ums ganze Fahrzeug geht, Gespräch beendet.
Immerhin ist jetzt das bösartige Vorurteil widerlegt, dass diese Mitbürger nur Gemüsehandel können.

Also Ebay. Dort stehen weit schlimmere Schäden, die dennoch viele und vernünftige Gebote bekamen. Gut, dass ich ein schönes Schnee-Foto aus dem Harz habe, sogar der Wagen ist mit drauf.
Geht sehr schnell. Ein Herr aus Polen, dessen Name genauso klingt, der aber ein exzellentes Deutsch spricht. Bestimmt will man dort jetzt besser auf einen nochmaligen Angriff aus Deutschland vorbereitet sein. Oh, das hätte ich mir aber jetzt sparen können.

Am dritten Tag noch mal eine Reise an das Ende der Welt. Nummernschilder mitnehmen. Und anderes Wertvolles aus dem Wagen. CDs, Navi. Nein, ich verschenke nix. Erst recht nicht den tollen Alpen-Wanderstock. Der hat einen schönen eingeschnitzten Steinadler, war am Stilfserjoch schon auf 3000 Meter Höhe und liegt für alle Fälle immer im Kofferraum. Und es ist anzunehmen, dass er bei einem Verbleiben dort nicht mehr die Alpen sehen wird. Nein, er gehört zu mir. Auf diesem Wege ein lieber Gruß an den Schenker Helmut K.

Neue Reise also. Da es der 13. ist, kann man das Ergebnis voraussehen. Kurz vor Wittenberge muss mein Zug einen ICE vorbeilassen, der eigentlich schon fast in Hamburg sein sollte, aber Verspätung hat. Die habe ich nun. Aber es gibt eine klare Rangfolge, und ich sitze ja nur in einem IC. Beruhigend also, dass entsprechend der Rangordnung mein kleiner Nebenbahn-Anschluss auf mich warten wird.

 

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Bös dräuende Wolken in Wittenberge. Das hebt die Stimmung nicht wesentlich

 

Tut er nicht. Er ist weg. Seit 3 Minuten. Weg? Wieso weg? Ach ja: Der kleine Schienenbus hat den klangvollen Namen „Prignitz-Express“, ist also doch irgendwie was Besseres.

Im gigantischen Bahnhofsgebäude von Wittenberge sitzt ganz hinten eine einsame DB-Dame, die nicht viel zu tun hat, denn hier beginnt bereits, von Berlin aus gesehen, das Ende der Welt. Ich bitte alle Elbbewohner dort vorsorglich um Entschuldigung, falls ich damit falsch liegen sollte, an diesem 13. jedenfalls kam es mir so vor.

Die DB-Dame hebt netterweise meine „Zugbindung“ mit einem schönen Amtsstempel auf, um eventuell mitreisende Schaffner zu beruhigen. Ich kann dann noch die schönen blauen Wagen eines Eurocity aus Prag bewundern. In den ich, wenn alles gutgeht, auf der Rückreise einsteigen werde.

Auch diese Stunde geht rum, der „Prignitz-Express“ hat strengen Taktfahrplan, der allerdings in Pritzwalk in Rauch, also Dieselrauch, aufgeht. Der Fahrplan ist durch meine Verspätung kaputt, für die letzten 37 Kilometer sieht der neue Reiseplan 2 Stunden und 6 Minuten vor.
Das halte ich für etwas sehr langsam. Diese Strecke schafft ja die Berliner U-Bahn-Linie 7 in einer Stunde. Und sie hält dabei noch viel öfter.
Und ich würde das in der Zeit ja mit dem Fahrrad schaffen. Also auf der Straße des 17. Juni, zwischen Brandenburger Tor und Ernst-Reuter-Platz. So mal hochgerechnet, ja?

Der ADAC zahlt alles, und das Taxi ist nach wenigen Minuten da.
Der Fahrer ist froh, dem „Wessi“ über die Trübnisse dieser strukturschwachen Region zu berichten, über den Verfall der Häuser, übelste Tricksereien mit Fördergeldern der einstigen Treuhand, das Aussterben der ganzen Region, den Wegzug der Jungen.

Er und sein Kompagnon haben sich arrangiert: Die Krankentransporte zwischen Altenheim und Arztpraxen sind eine beständige Einnahmequelle, auch die Berliner Charité ist auf der Einsatzliste, oft geht es zum Flughafen Rostock-Laage. Anders als die Berliner sind die Prignitzer nicht so für Berlin-Tegel. Der Rot-Rot-Grün-Senat übrigens auch nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es geht schon irgendwie immer weiter in der Prignitz. Muss ja. Auch für mich.

 

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Der See ist noch da, schön. Aber umrunden mit dem Auto ist nicht

 

Am Autohaus ist die Tasche schnell gepackt, die Nummernschilder noch, den Schlüssel. Einmal noch aus dem umgitterten Hof vor den Zaun fahren, denn Samstag wird er abgeholt, da ist dann niemand da. Dieses Klackern! Als ob der Motor gleich entzweiknallt. Entsetzlich. Was mag das kosten?

Mein Bus kommt. Dank Taxi bin ich wieder „voll in der Zeit“. In Meyenburg erwische ich knapp den Schienenbus „HANS“, später auch den schon morgens begrüßten tschechischen EuroCity. Der will diesmal in die Gegenrichtung, heim nach Prag.

Für mich ist in Berlin Endstation. Ich lasse den Wagen offiziell stilllegen, die Kennzeichen darf ich behalten, noch acht Wochen sind sie für mich reserviert. Man weiß ja nie.

Samstagfrüh klingelt mich der Fahrer des Käufers aus dem Bett. Er hat genug (na ja) Geld dabei, einen Trailer, Papiere, Schlüssel, gute Fahrt. Ich muss nicht noch mal da rauf in die Prignitz, außerdem fährt er nicht über Berlin zurück.

Vor einigen Stunden meldet der polnische Käufer per WhatsApp Vollzug. Wir kennen uns nur vom Telefon. Hat er gemerkt, wie traurig ich das alles fand? Er schickt ein Foto mit: der Wagen, noch auf dem Hänger, irgendein Platz, irgendwo in Polen. Im Hintergrund adrette Klinkerhäuser, etwas Grün, Garagentore.

Mach’s gut, Alter! Lass Dich nicht ausschlachten! Zu edel, Dein ganzes Innenleben.

Mission erfüllt. Exakt eine Woche nach der tragischen Schicksalsfahrt. In Berlin kann man sehr gut ohne Auto auskommen. Aber ich habe ja noch die Kennzeichen, spart rund 30 Euro bei der nächsten Zulassung. Schaun mer mal.

Es wird schon weitergehen. Muss ja. So wie in der Prignitz auch.

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