Fahrrad gesucht

„Schande über dich!“, denke ich mir.

„Seuche und Pestilenz über dich, Höllenfeuer und ewige Verdammnis!“

Das sind so meine Gedanken, als ich abends im Dunkeln aus dem Büro trete, um mein Fahrrad aufzuschließen und heimzuradeln. Es ist nicht nur dunkel, sondern seit einigen Tagen noch dunkler, nämlich eine ganze Stunde früher.
Wer also die Zeitumstellung am letzten Sonntag verschlafen hat: Hier ist der entscheidende Hinweis von Tarzan.

So dunkel, dass ich mein Fahrrad nicht finde, ist es aber nun wieder nicht. Dass ich es nicht finde, hat einen anderen Grund: Es ist weg!

Zähneknirschend wanke ich auf dem Gehweg hin und her, laufe vor und zurück, ob es nicht doch woanders steht. Nicht völlig ausgeschlossen, so kleine Alltags-Blackouts eines gestressten, in die Jahre gekommenen Großstädters. Aber natürlich Unfug: Dort ist das Halteverbotsschild, dort am Mast war es angekettet, und das ist es nun nicht mehr.

Halteverbot? Aha! So wird der geneigte Leser jetzt denken. Als Laie meine ich jedoch, dass das Schild nur für Autos auf der Straße gilt, nicht für daran angeschlossenen Räder auf dem Gehweg. In Berlin ist natürlich alles möglich. Da ich aber aus verschiedenen Gründen nicht an eine Polizei-Aktion glaube, muss es wohl geklaut sein.

Seuche und Pestilenz über dich!

Zwei entsetzliche Dinge kommen hinzu: Noch am Vorabend prahlte ich lauthals, wenn auch unhörbar, auf WhatsApp, dass heute auf dem Heimweg der 5000. Kilometer mit dem Rad erreicht wird. Dazu kommt es nun nicht mehr. Der Tacho (ist zum Aufstecken und Abnehmen, es wird ja so viel geklaut) bleibt in meiner Jackentasche an diesem Abend auf 4998 Kilometer stehen.

Zum Zweiten kaufte ich noch am selben Morgen einen neuen Mantel für das frisch geflickte Rad. Der alte war nach 5000 Kilometern (neiiiin, eben doch nicht ganz 5000) arg verschlissen, wurde gegen einen toll schwarzen neuen für 23,95 Euro ausgetauscht.

Der Dieb, dieser verabscheuungswürdige Abschaum der Menschheit, wird es nicht zu würdigen wissen. Er braucht das Rad nicht zum Fahren, sondern um seine Drogensucht zu finanzieren. Wahrscheinlich verlangt er 25 Euro dafür, das ist dann etwas mehr als 23,95 Euro. Ja.

So eine dumme Sau. Mein braves Veloziped, das mich rund um West-Berlin gebracht hat. Immer brav der einstigen Mauer entlang, die bewegenden Touren waren natürlich auch Thema hier, schließlich heißt der Blog „TarzanUnterwegs“.

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Mein Radl ist weg!

Tarzan ist dann mal per Bus unterwegs. Der dreist-diebischen Drecksau wünsche ich, dass ihn der Doppelstöcker mit mir drin erfasst und zerquetscht, da er wie alle Asozialen hier natürlich das Licht nicht eingeschaltet hat. Die Mit-Zerquetschung meines Rades nehme ich billigend in Kauf, da ich stocksauer bin. Hauptsache, ER bleibt zeitlebens gelähmt. Es kommt dann anders, und ich ohne Zwischenfall zu Hause an.

Mit dem Formular der Internetwache kenne ich mich mittlerweile gut aus. Auch mein vorheriges Velo wurde direkt vorm Büro geklaut. Da sieht man mal, wie arbeitsam ich bin. Von „meinem“ Bürohaus, das sich „vielstöckig auftürmt“ (wo hab ich diesen genialen Ausdruck mal gelesen?), kann man aus vielen Fenstern gut auf den Gehweg mit den vielen Fahrrädern hinunterschauen. Wenn man nicht grad arbeitet, versteht sich.

Zu vermuten ist also, dass die Kreatur, die jetzt mein Rad hat, den Schutz der frühen Dunkelheit genutzt hat. Oder auch nicht. Das vorige Rad verschwand im Juli, immerhin bald zweieinhalb Jahre her, bei hellem Tageslicht. Keinen hat die Aufknack-Aktion am stählernen Fahrrad-Gerüst gestört. Berlin halt.

Vielleicht ist der frühere Diebstahl sogar meine Schuld. Kurz vorher hatte ich einen anderen Radler, der fast unter einem Kühlergrill gelandet wäre, freundlich aufgeklärt: „Rot heißt Rot!“
Keine Beschimpfung, eine simple Feststellung, so wie „Ein Klavier ist ein Klavier“ oder „Der Himmel ist wolkenlos“. Meist wird dennoch, gemäß des Soziologie-Modells „Berlin“, sofort gebrüllt: „Halt die Schnauze, du dummes Schwein, ich stech dich ab!“

Dieser Radler blieb stumm. Vielleicht hat er beobachtet, wie ich mein Rad anschloss, sich dann auf etwas subtilere Art „gerächt“. Ist mal ’ne Vermutung.

Gut kenne ich auch die Schreiben betr. Fahrraddiebstahl, mit denen mir mitgeteilt wird, dass die Ermittlungen eingestellt sind. Zwei habe ich schon in meiner Sammlung.

Dieses Mal ist es vielleicht ein klein bisschen anders. Das Rad ist versichert und hat eine polizeiliche Codierung. Ein Beweis mehr, dass der, na gut, ich sage höflich Täter, komplett fahrig auf Drogenentzug war. Wer sonst klaut ein Rad mit unentfernbarem Polizeiaufkleber? Mit Tesakrepp verdecken? Was nützt das? Solche kranken Elemente sind doch viel zu dämlich, den zweiten versteckten Miniaufkleber zu finden.

Schaun mer mal, würde man in Bayern sagen. Um der Polizei zu helfen, durchforsche ich erst mal die Kleinanzeigen bei Ebay. Erfahrungsgemäß sollen geklaute Räder da ganz schnell landen, wobei ich nicht glaube, dass „mein“ Dieb überhaupt Internet hat.

Ich scrolle zurück bis zum frühestmöglichen Tatzeitpunkt und bin überrascht, was für Massen da im Minutentakt reingestellt werden. Wenn man die dreißig Seiten, die den möglichen Zeitraum von knapp 26 Stunden abdecken, hochrechnet, müssten übers Jahr gesehen ca. 277 Billiarden Fahrräder zum Verkauf stehen. Wohlgemerkt nur in Berlin. Tolle Stadt, das.

Morgen ist wieder Fahrrad-Verkaufstag. An einer bestimmten Brücke. Alles Gangster. Alles Kriminelle. Alle Räder geklaut. Klar, dass „mein“ Dieb dahingeht. Er weiß, dass es da schnell Bargeld für den nächsten „Schuss“ im nahen in einem der nahen Drogenparks gibt. Aber ich weiß es auch. Und ich wohne an dieser Brücke. Und werde recht früh einige Spaziergänge machen.

Wie zum Hohn erreicht mich wieder eine WhatsApp, die mein Nörgeln kritisiert. Es geht nicht ums Fahrrad, sondern um früheres Nörgeln, ich nörgele ja gern. Wegen des Fahrrads, dessen Diebstahl mir ja auch wieder nicht passt, gibt’s sicher bald Nachschlag.

Kritikpunkt: Ich möge mich gefälligst glücklich schätzen, im weltweit bewunderten Berlin zu wohnen, das ewige Meckern sei nur eine Marotte der Berliner (stimmt!) und wenn wer sagt „Ich finde es nicht gut, wenn …“, ist er AfD-lastig (Quatsch!).

Wir werden es wohl in diesen Zeiten hinnehmen müssen, dass jede Kritik, an was auch immer, von Einzelnen hysterisch als „Nazi“ und „rechts“ und „AfD“ gebrandmarkt wird.
Schwamm drüber. Muss man nicht drauf eingehen.

Natürlich bin ich begeistert, in Berlin zu wohnen. Ich singe und tanze den ganzen Tag. Immerhin habe ich einen Fahrrad-Diebstahl unverletzt überlebt. Es hätte viel schlimmer kommen können, hier nachzulesen.

Berliner Polizisten ist es untersagt, außerhalb des Dienstes (obwohl sie immer im Dienst sind) ihre Waffe zu tragen. Es könnte ja etwas passieren. In diesem Fall ging die Deeskalations-Strategie auf: Dem Fahrraddieb ist nichts passiert. Gar nichts.

So wird es von mir erwartet: Singen und Tanzen in der schönsten Stadt der Welt.

Mal im Ernst: Solange ich hier im Zentrum des Verbrechens wohne, selber minütlich Opfer werden kann (und nun unverletzt eines bin) gestatte ich mir die alleinige Deutungshoheit darüber, was ich toll finde und was nicht.

Ermahnungen aus westdeutschen Städten, in denen Polizeistreifen flanieren und man die Straßenbahn benutzen kann, ohne mit einem Messerstich herausgetragen zu werden, sind für das Hauptstadtleben null hilfreich.

Brauchen wir eine Schluss-Pointe? Ja, morgen fahre ich mit dem Zweitrad zum Fahrradhändler und mache eine förmliche Meldung. In dem großen Radhaus sitzt auch die Versicherung, die kümmern sich dann.

Das Zweitrad hat die liebe Frau Hiob bei einem Berlin-Besuch auf der erwähnten Gangster-Brücke gekauft. Es steht nun in meiner Wohnung, für künftige Gast-Besuche mit Ausflügen. Es hat nur 25 Euro gekostet.

Es ist sehr gut in Schuss.

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