Mein Körper. Noch ein Körper. Und Wein mit Körper

Wunderschönes Wochenende allen Mitlesern!

Wer hätte gedacht, dass hier ein Blog-Beitrag beginnt, ohne gleich das leidige Thema Corona zu thematisieren?

Tut er aber doch. Sorry. Aber es sind gute Nachrichten. Egoistisch, wie es meine Art ist, tue ich der Welt kund:

Ich. Habe. Einen. Impftermin.

Okay, weltbewegend ist dies nicht. Aber angesichts der Tatsache, dass schon soooo viele geimpft sind, und dass immer noch soooo viel Impfstoff fehlt, doch schon recht positiv, äh, beachtlich. Wer hier einen Widerspruch sieht, dem sei gesagt: Alle Medienberichte sind selbstverständlich manipuliert, und alles ist von oben gesteuert und erlogen. Hier jetzt den HTML-Code „Satire aus“ einfügen.

Ich bin am Dienstag dran und schon sehr gespannt. Ich muss noch das Info-Blatt und den Anamnese-Bogen ausdrucken und unterschreiben, das geht flott im Internet-Café mit einem USB-Stick. Noch toller wäre es natürlich im Büro, was aber zurzeit wegen Corona (da ist das böse Wort!) und Homeoffice nicht möglich ist. Vielleicht ersetzt mir die Firma ja die 40 Cent für das Internet-Café.

Nach der Impfung (dem „Piks“) beginnt dann ein neues Leben. An dieser Stelle sei den gleichgeschalteten gesteuerten Medien gesagt, das sich „Piks“ NICHT mit „ie“ schreibt. Aber das wird hier nix bringen.

Bringen wird mir der „Piks“ bedeutend Neues: Ich werde mein Handy verkaufen können. Denn mit dem implantierten Chip von Bill Gates werde ich „frei“ telefonieren können, mittels „WindowsPhone“ natürlich. Die NSA wird zwar meine Gespräche abhören können (der Chip sendet durch die Oberarmhaut), auch was ich der Wirtin zurufe („Jenny, noch ein Bier bitte!“), wird selbstverständlich in Washington oder Langley (bei der CIA) protokolliert Aber das ist verschmerzbar. Denn die Impfung mit dem Bill-Gates-Chip beinhaltet ja ein Zusatz-Feature: Die gesamte Weltkarte mit der zugehörigen Navigations-Software habe ich dann im Kopf. Haha.

Eher Brei im Kopf haben die brüllenden „Querdenker“, die diese Thesen anbeten. Aber natürlich brauchen wir auch jene, immerhin geht es um demokratische Meinungsvielfalt. Mir geht es eher um eine Impfung. Und die kommt ja nun.

Dann mal frohgemut aufs Fahrrad. Auch hier gute Nachrichten: Eine lockere Speiche, mit Spezialgerät sicher in zwei Minuten zu beheben, dauert nun nicht mehr „zwei bis drei Monate“, sondern nur noch „ein bis zwei Wochen“. Und das, obwohl Fahrrad-Werkstätten als „systemrelevant“ doch immer geöffnet hatten. Berliner Tempo eben.

Ich verzichte und erwerbe um die Ecke einen neuen Fahrradschlauch für 3,50 Euro. Um den dauernden Luftverlust im Hinterrad mal abzustellen. Tatsächlich hat der alte Schlauch zwischen mittlerweile drei (!) Flicken immer noch ein Mini-Loch. Ich tausche ihn, ohne der diffizilen Gangschaltung zu nahe zu treten. 20 Minuten. Tarzan-Tempo eben.

Nur gute Nachrichten also.

Bevor ich meine Tour zu einer Weinlesung in Britz antrete, möchte ich den „Schwerbelastungskörper“ sehen.

Es geht hier keineswegs um ein Spiegelbild meiner selbst , z.B. im Hotelzimmer, nach einer anstrengenden Bezwingung der Schneekoppe. Nein, der „Schwerbelastungskörper“ ist eine Art Wahrzeichen von Berlin. Eins von vielen, das man nicht unbedingt kennt, vielleicht sogar nicht kennen muss.

Weitab vom Ku’damm und anderen Touristen-Hotspots liegt bzw. steht das Monstrum, versteckt im Grün, an einer kleinen Straße in Tempelhof, nahe den S-Bahn-Gleisen: der „Schwerbelastungskörper“.

Ein kreisrunder Betonbau, der nach nicht viel aussieht, aber so circa einige Milliarden Tonnen schwer ist. Der nicht unbedingt geisteskranke, aber für einen ebensolchen Führer arbeitende Architekt Albert Speer wollte (oder sollte) testen, ob der Boden wohl die utopische Mega-Magistrale der damals geplanten „Reichshauptstadt Germania“ aushalten würde. Eine sieben Kilometer lange Piste, 120 Meter breit, mit entsprechenden Prunkbauten inkl. eines Triumphbogens sollte hier entstehen.

Wie wir heute wissen, kam es nicht dazu. Ein von Speers Chef angezettelter Weltkrieg endete wenig glorreich, im zerbombten Berlin blieb einzig der „Schwerbelastungskörper“ übrig, einsam versteckt im Grün. Nebenan rauscht die S-Bahn vorbei.

Und nun stehe ich vor dem geschichtsträchtigen Monstrum. Und kann nicht auf das Gelände. Heute ist der einzige Tag, an dem das Gittertor verschlossen ist. Immerhin belehrt mich ein Schild, dass auf dem Gelände des „Schwerbelastungskörpers“ Vorsicht zu walten hat. Richtig hübsche Fotos vom „Schwerbelastungskörper“ gelingen aber durchs üppige Grün hindurch nicht. Das belastet mich etwas, aber nicht unbedingt schwer.

Direkt nebenan steht ein 10-stöckiges Wohnhaus. 1965 wurde es gebaut, Berlin-typisch ist, dass man, als dann alle Mieter eingezogen waren, den „Schwerbelastungskörper“ endlich sprengen wollte. Das ging nicht, wegen des jetzt nahen Wohn-Hochhauses. Fragen zu Berlin? Nö. Oder?

Ich entere frech das Haus, der Aufzug (von 1965!) bringt mich nach oben. Ja, so gelingen doch noch Fotos. Sogar die Fenster im Treppenhaus sind zu öffnen. Reflektionen und Spiegelungen vermeiden. Journalistische Fingerübungen. Okay, eingeschlagen hätte ich das Fenster trotzdem nicht.

Jetzt noch ein paar Kilometerchen nach Mariendorf. Leicht durstig rolle ich an Tausenden sich stauenden Autos vorbei. Hat unsere Nicht-Verkehrssenatorin Günther womöglich doch recht? Gibt es einfach zu viel Verkehr, müssen alle Autos weg aus der Stadt?

Ich habe gewisse Zweifel an der These vom „hohen Verkehrsaufkommen“. Jede Schlange, ob im Supermarkt oder auf der Straße, hat ihren Ursprung ganz vorn. Nicht in der Mitte, nicht hinten, sondern vorn. Ganz vorn. Und wer dort ist, beeinflusst durch sein Handeln oder Nichthandeln alle Nachfolgenden. Siehe auch Walter Röhrl.

Die simple Logik bestätigt sich auch hier. An jeder grünen Ampel, die ich, in vollem Bewusstsein der Bedeutung dieser Farbe, zügig überquere. Die Kennzeichen der anderen, für die Grün nur irgendeine Farbe ist, nenne ich hier nicht, das wäre gemeine Diskriminierung. Sie sind ohnehin reiner Zufall. Ganz bestimmt.

Bierchen. Die Pinte hat den trefflichen Namen „Sargnagel“.

„Was empfehlen Sie nach 12 km Radfahrt?“ — „Weeß ick doch nich!“ Berliner Schnauze.

Berliner Wein ist nicht ohne. Der Weiße nennt sich „schnieke“, der Rote „heißt knorke“. Dufte, wa?

Nun also zum Weingut, zur Lesung. Nein, nicht Lese, hatten wir hier schon. Der bedeutende Autor Matthias Gerschwitz hat mir den heutigen Tag empfohlen. Ich schicke ihm per Facebook ein frisches Foto der Reben: „Rate, wo ich bin.“
Da taucht er aus den Reben auf, ich hatte ihn gar nicht gesehen: „Rate, wo ich bin.“
Eine tolle Sache also, dieses Facebook.

Heute liest Carl-Peter Steinmann zwei Episoden aus seinem Buch. Es geht um den schrägen Welterkenntnis-Guru Jakob Kuni, der in den ersten Nachkriegsjahren Berlin mächtig in Atem hielt. Steinmann entdeckte 1999 sein Grab auf einem „Armenfriedhof“ in Schöneberg nahe der Autobahn Und er trieb eine Zeitzeugin auf, die 1948 dabei war. Heute dabei ist sie jedoch nicht, Steinmann selbst ist schon rüstige graumähnige 75.

Die zweite Episode behandelt einen ebenso schrägen Untergrund-Radiosender in Zeiten des Kalten Krieges. Mit geschickt eingesprenkelten „Störsignalen“ erweckte er den Eindruck, „aus dem Westen“ zu senden. Und saß doch tatsächlich mitten in Ost-Berlin.

Da habe ich mal wieder viel Neues „unterwegs“ erfahren. Und es gab viel Sonne und Wein.

Und das ist, so kurz nach dem Aufwachen aus der Corona-Starre, doch schon ein beachtliches Fazit.