Prähistorisches und Künftiges

Eigentlich wollte ich am Samstag Tristan besuchen.

Tristan wohnt auch in Berlin, zumindest an diesem Wochenende noch. Danach wird er auf eine Reise gehen, wo ich ihn dann nicht so rasch wiedersehen kann.

Tristan ist ein Saurier, genauer: ein Tyrannosaurus Rex. Er ist nun schon einige Zeit tot, was aber verständlich ist, denn im umgekehrten Fall wäre er 65 oder auch 66 Millionen Jahre alt. Und so alt wird ja kein Schwein.

Tristan ist eigentlich Amerikaner, was auch verständlich ist, seit wir Spielbergs „Jurassic Park“ gesehen haben. Gefunden wurde er, also sein Skelett, 2010 in Montana, eigentlich eher eine Bergbau-Region. Offenbar etwas früher auch Saurier-Region.

Wie nahezu alle Amerikaner hat Tristan zwei Vornamen, der zweite ist, nicht lachen, Otto. Da ist es nur recht und billig, dass er nun in der Hauptstadt Berlin seinen Lebensabend verbringt. Wenn man das so sagen kann.

Ähnlich wie Steinzeitmann „Ötzi“ wurde auch Tristan auf gesundheitliche Probleme untersucht. Da er sich eher wenig bis gar nicht mitteilen kann, wurde er, nun ja, sein Schädel in der berühmten Charité für eine Computer-Tomographie „dazwischengeschoben“. Davon können so manche Patienten, die weniger als zwölf Meter lang sind, oft nur träumen. Aber immerhin wissen wir jetzt, dass Tristans Unterkiefer entzündet war. Kann ja mal vorkommen.

Auch ohne zahnmedizinische Kenntnisse will ich nun Tristan mal live sehen. Ein letztes Mal. Denn demnächst wird er päckchen-, also puzzleweise nach Kopenhagen ausgeliehen. Vorher darf das Volk noch bei freiem Eintritt Abschied nehmen.

Die Ankunft am Naturkundemuseum lehrt mich dann etwas über jenes Volk. Mit „Einbahnstraße“ oder einer rot leuchtenden Ampel können sie nichts anfangen, aber wenn das Museum freien Eintritt verspricht: Ja, DAS können sie lesen.

Die Menschenschlange reicht nordostwärts bis zum Horizont, wo in etwa die Kreuzung Chausseestraße im niesel-nebligen Dunst liegt. Gut möglich, dass sie bis zum Nordbahnhof oder dem Tegeler Flughafen reicht.

 

Massenauflauf vor klassischer Kulisse. Warten für Tristan

Das tue ich mir nicht an. Wegen so ein paar Knochen? Also, ich bitte Sie.

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Das war ja klar: Einer der Wartenden scheint kollabiert zu sein. Ich konstatiere: akutes Dino-Ansteh–Syndrom

Ich weiß, dass ich dem allgegenwärtigen Dino-Hype hier nicht gerade das Wort rede, und sicher fiebern jetzt auch die Millionen Mitleser auf ein Foto von Tristan. Also hier ist eins, aus geschilderten Gründen nicht von mir:

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Tristan beißt nicht mehr. Fotograf Thomas Uhlemann hat’s ausprobiert und überlebt

So ganz mag ich aber noch nicht von der Kultur lösen, besuche also den Buch- und Antikmarkt am Bode-Museum. In der gleichen Straße wohnt die Kanzlerin, da hier also der einzige Platz Berlins ist, wo Polizei zu sehen ist, schiebe ich mein Rad vorschriftsmäßig durch die Antiquitäten.

Es gibt Bücher, Nippes, Tand, CDs aus neuerer Zeit und zwei wunderschöne Wählscheiben-Telefone aus alter Zeit. Mit einer Anekdote zweier Jugendlicher, die bei diesem Anblick staunen: „Krass, Alda, was ist DAS denn?“ kann ich nicht dienen. Es gab sie halt nicht. Und hier steht ja nur, was wahr ist.

 

Die Preziosen des Antikmarkts bilden einen gewissen
„bourgeoisen“ Gegensatz zum Inhalt des Bode-Museums. 

Und einen Dinosaurier finde ich auch nicht im Angebot, dazu sind die feilgebotenen Dinge doch zu neu. Also genehmige ich mir eine Bratwurst unter der S-Bahn-Brücke. Der Kiosk-Mann dürfte, erst recht zu Sommerzeiten, das Geschäft seines Lebens machen. Vielleicht könnte das meine Zukunft sein, mein ganz persönlicher Lebensabend.

Nanu, so nachdenklich, Tarzan? Ja, richtig: Wir kommen jetzt vom mächtigen Raubsaurier Tyrannosaurus Rex zu einem viel winzigeren Tier, was auch gerne auf Raubzug unterwegs ist. Die Heuschrecke.

In der Landwirtschaft ist sie gefürchtet, als Tier, das alles wegfrisst und weiterzieht.
In der Nicht-Landwirtschaft, wohl aber in der Wirtschaft des Landes, ist sie ebenso gefürchtet, wenn auch in anderem Gewand. Stichworte: Investor, Fusion, Kapitalbeteiligung.

Auch mein Arbeitgeber hat nun eine dieser „Heuschrecken“ ins Boot geholt, und angekündigte „Umstrukturierungen“ verursachen große Unruhe.

Im Allgemeinen denkt man ja, diese „Heuschrecken“ zerschlagen Unternehmen, werfen eine Menge Mitarbeiter raus und ziehen nach fünf Jahren weiter. Das ist natürlich völliger Humbug.

Denn in unserem Fall stellt die „Heuschrecke“ Kapital für neue Geschäftsfelder zur Verfügung, wirft eine Menge Mitarbeiter raus und zieht nach fünf Jahren weiter.

Wie man sieht, ist es also ganz anders. Nicht immer diese Vorurteile, ja?

Dennoch: Kaum ist die Heuschrecke da, hat sie auch schon das Terrain sondiert. Nun steht also auch mir ein „Mitarbeitergespräch“ bevor …

„Guten Tag, Tarzan. Nett, dass Sie Zeit fanden. Schauen Sie
sich doch mal dieses tolle Abfindungsangebot an!“

„Ja, sehr hübsch. Auch grafisch sehr nett aufbereitet. Mit den Zahlen
und dem Rentenausgleich, wirklich gut gemacht. Tschüs dann!“

“ He, wo wollen Sie denn hin?“

„Na, an meine Arbeit zurück!“

„Moment, Moment, so geht das nicht. Das Angebot war doch für Sie.
Nehmen Sie wieder Platz.“

So oder ähnlich wird es nächste Woche ablaufen. Nicht zum ersten Mal.

Als vor 10 Jahren schon mal gespart werden musste, präsentierte man mir einen Fehler, den ich vor vielen Jahren fast gemacht hätte. Der Zeuge, der die Panne damals noch rechtzeitig entdeckte, saß streng dreinblickend daneben.

Der Betriebsrat protestierte mit einer waghalsigen Argumentation: Der Fehler sei schon Jahre vergangen und vergessen und würde hier nur als Grund vorgeschoben, um Personal loszuwerden.

Wie gesagt, sehr gewagte Argumentation. Wo das doch sicher ganz und gar nicht der Fall war. Aber es funktionierte, und ich blieb. Bis heute.

Nun müssen wieder Kosten gespart werden. Ich hätte da durchaus einige interne Ideen, die nicht mal Fachwissen, nur etwas Verstand erfordern. Aber ich bin nicht der, der Einsparvorschläge macht. Ich bin der, der womöglich eingespart werden soll.

Nun bin ich entsprechend von Unruhe durchdrungen. Wie immer, wenn man nicht weiß, was wird. Und wie viele andere Kollegen natürlich auch. Es werden in dem drohenden Gespräch sicher diverse Möglichkeiten ausgelotet, die alles beinhalten können: Alles bleibt wie es ist. Oder es gibt Arbeit in einem neuen Geschäftsfeld. Oder es gibt ein tolles Altersteilzeit-Modell.

Ja, Altersteilzeit. Schreckliches Wort. Gerade für jemanden, der schon beinahe den Eiger bezwungen hat. Ach, ist auch schon etwas her.

Oder es gibt eine tolle Abfindung. Dabei denke ich unwillkürlich an einen Würstchenstand unter einer bestimmten S-Bahn-Brücke.

Ich weiß es nicht. Nächste Woche werde ich es wissen. Auch die Betriebszugehörigkeit ist nicht ohne und spielt eine gewisse Rolle. Ja, ich altes Wrack. Aber am Beispiel des Tristan kann man sehen:

Saurier sterben nie wirklich.