Jan Fedder, ein Abschied und die Polizei

Mut, Zuversicht, Vertrauen. „Die 20er-Jahre können gute Jahre werden.“

Dies ist in etwa die Botschaft, die sich durch Angela Merkels Neujahrsansprache zieht. „Veränderungen zum Guten sind möglich.“ Angesichts der Tatsache, dass Frau Dr. Merkel vorerst Bundeskanzlerin ist und auch bleibt, entbehrt das ja nicht einer gewissen Ironie.

Ihre Rede, verbunden mit einer Rücktrittserklärung zum 1. Januar, hätte die Motivation, sich „offen und entschlossen auf Neues einzulassen“, womöglich noch erhöht. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung.

Vorerst haben wir noch den 31. Dezember. Ein Tag, ähnlich berühmt wie der eine Woche zuvor. Ein Tag, wo dauernd gefragt wird, was machst du, wo wirst du sein, was planst du? Ein Tag mit Gedöns, Verpflichtungen irgendwie. Ein Tag, der, zumindest dieses Jahr, bei mir von einer gewissen Ruhelosigkeit geprägt ist.

Er beginnt unschön mit einer WhatsApp-Mitteilung am Morgen: Jan Fedder ist tot.

Nicht-Fischköppe, also Nicht-Hamburger, und von denen soll es welche geben, werden vielleicht nicht ermessen können, was diese Nachricht in mir auslöst. Die Berliner hatten ihren Juhnke, „Pfitze“ und die Knef.

Hamburg hatte Jan Fedder. Er ist nicht mehr.

Weitab von St. Pauli, dem Kiez (Hamburg hat nur einen, hehe!) und den Landungsbrücken beschließe ich spontan, ein „Astra“ auf das TV-Idol zu trinken. Sollte in der Weltstadt Berlin nicht schwer sein, einst fand ich in Charlottenburg, noch nicht komplett integriert, sprich auf „Berliner Kindl“ geeicht, sogar ein Lokal mit „Holsten“-Bier.

War das jetzt genug Schleichwerbung? Denke schon, und mit dem „Astra“-Bier wird es dann doch schwieriger als gedacht.

Zunächst habe ich mir ein Spezial-Abenteuer ausgedacht, was auch nicht mit großen Unkosten verbunden ist. Wer kennt nicht die Udo-Lindenberg-Textzeile aus „Reeperbahn“?
„Die Abende sind teuer … doch es gibt kein Abenteuer!“ Noch ein Hamburger Urgestein, das raucht und trinkt, wie es sich gehört. Und wie Jan Fedder. Dem hat es leider nichts genutzt.

Und Unkosten? Dieses Wort wurde am 1. Weihnachtsfeiertag vom Wirt der „neuen“ Stammkneipe höchst elegant germanistisch zerpflückt. Auf der Einladung zur Feuerzangenbowle stand nämlich „Unkosten: keine“. Rein linguistisch bedeutet dies, dass sehr wohl Kosten anfallen, da es eigentlich eine doppelte Verneinung ist. Tatsächlich fielen dann keine Kosten an. Jedenfalls geiles Zeug.

Mein kostengünstiges Abenteuer soll mich heute mal in den „Kiez“ (ja, Berlin hat unzählige, hehe) um die Pallasstraße in Berlin-Schöneberg führen. Hier gab es in den vergangenen Jahren einige böse Böller-Vorfälle, für den Senat Anlass, hier eine kleine Sperrzone einzurichten, in der Silvesterknaller verboten sind. Das Gebiet, das Berlin-typisch Flickwerk ist, kann man hier bewundern:

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Schon am Nachmittag mache ich mich etwas mit der Gegend vertraut. Und während anderswo bereits die Hölle los ist, bietet die Steinmetzstraße tatsächlich eine himmlische Oase der Ruhe. Ich erforsche noch die Gegend ums „Pallasseum“, ein gigantischer Wohnblock, quer über der Durchgangsstraße erbaut. Gitter überall, einen Innenhof wage ich nur kurz zu betreten, ein sehr trüber „Gemeinschaftsgarten“ (okay, zu der Jahreszeit …). Eine unwirtliche Betonwüste. Die offenbar alljährlich Gewalt gebiert.

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Die Berliner Kodderschnauze nennt das edle „Pallasseum“ natürlich abschätzig „Sozialpalast“

Gewalt, die heute nicht mehr hingenommen werden soll. Um 18 Uhr tritt das Verbot in Kraft. Wie bequem gewisse Zeitgenossen dennoch in das Sperrgebiet hinein feuern können, zeigt dieser Bericht.

Ich finde eine entzückende Kneipe mitten in der Sperrzone. Mit Schleichwerbung ist es jetzt aber mal vorbei, ihr findet sie ja sowieso. Bevor die Hölle losbricht (oder eben auch nicht), besuche ich noch mal das „Hoeck“ im brav-bürgerlichen Charlottenburg. Eine lieb gewordene Tradition, die ich schon hier begeistert zu Neujahr 2019 beschrieb.

 

Nichts ist verändert, wie sollte es auch seit 1892. Kellner Arne nach wie vor da. Nein, nicht seit 1892. „Tarzan! Ein Fläschchen mit Kugel, wie gehabt?“ Natürlich, wie gehabt. Feuerzangenbowle haben sie ja nicht.

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Dann kann’s ja losgehen

Altbekannte Gesichter sind nicht zu sehen, dafür ein unbekanntes, das mir auffällt. Die Dame ist nicht mehr jung, aber alt auch nicht. Sie ist schlank, obwohl sie dauernd zum Büfett im Nebenraum läuft. Unter ihrem grauen Haar wirkt ihr Gesicht nach mehreren verstohlenen Blicken von mir (für ihr Alter) attraktiv, ja eigentlich sogar elegant.

Sie ist ganz allein an ihrem Tisch, und in den wenigen Esspausen wippt sie beseelt zur Musik. Die ist zweifellos aus ihrer Jugend, im „Hoeck“ hält man es mit der Tradition, und zu Suzy Quatro („Give me Love“) singt sie sogar leise mit.

Vielleicht ist sie sehr einsam. Vielleicht ist sie neu zugezogen. Ich habe sie noch nie hier gesehen, was allerdings kein Wunder ist, wenn man selbst aus diesem Kiez wegzieht.

Wer jetzt gewisse Absichten bei mir vermutet, hat sich geschnitten. Ich bin, wie eingangs erwähnt, heute von einer gewissen Ruhelosigkeit erfasst. Und ich will noch mal in die Schöneberger Sperrzone, deren mögliche Ruhe diese Ruhelosigkeit kompensiert.

Und ich habe noch eine Mission zu erfüllen: ein „Astra“-Bier auf den von uns gegangenen Jan Fedder trinken. Noch vier Stunden bis Mitternacht.

Es liegt bereits dichter Rauch über der Wilmersdorfer Straße, als ich zur U-Bahn aufbreche. Diesmal laufe ich die Potse hinab und bin bass erstaunt (Hallo, Seppo!) ob der mächtigen Polizeipräsenz.

Wie gesagt: Dann kann’s ja losgehen

Ohne Durchsuchung kann ich in die Sperrzone vordringen und betrete die Kneipe noch mal. Nach „Astra“ frage ich gar nicht erst. Die große Auswahl in „meinem“ Späti wird’s schon richten. Denn die einzige St.-Pauli-Fankneipe dort in der Nähe hat genau am heutigen Silvesterabend zu.

Jan Fedder hätte es hier gefallen. Man raucht, trinkt, schwatzt. Die Probleme der kleinen Leute halt: Einer musste am Nachmittag Luftballons aufblasen, immer mehr, bis er erschöpft die Arbeit an zwei Nichtraucher delegierte. Und draußen: Todesstille. Höchst ungewöhnlich, aber so wollte ich es heute. Und angenehm ist es auch.

Das „Astra“ wartet. Erneut durch den Polizeikordon zur U-Bahn, nicht ohne den teils vermummten Beamten ein Lob auszusprechen. Die geisterhafte Kriegs-Szenerie mit Wasserwerfern und Hundertschaften (wir erinnern uns: um ein zeitweiliges Böllerverbot in einem 250 mal 250 Meter großen Block durchzusetzen) zeigt eindrucksvoll, was in dieser Stadt möglich ist. Und das kann man ruhig zweideutig sehen.

Noch eine Stunde bis Mitternacht.

Der Späti hat kein „Astra“. Entnervt genieße ich ein anderes auf Jan Fedder, ein unangenehmes Sakrileg. Zehn Minuten vor Mitternacht komme ich in der neuen Stammkneipe an. Die paar Meter weiter nach „Cheffes“ unrühmlichem Abgang sind zu verkraften.

Man empfängt mich mit Sekt, Weizenbier, und es wird dann noch mächtig bunt draußen. Mehr bunt als laut.

Wir können tageslichtähnlich – und auch grün oder rot

Von den Terrorzuständen an der nahen Sonnenallee und in Leipzig-Connewitz erfahre ich erst später. Ebenso von den üblichen „Beißreflexen“ twitternder Politiker. Linken-Lady Juliane Nagel hält die Anwesenheit der Polizei für eine Provokation, also hat sie die Steinwürfe und Angriffe auf Beamte selbst verschuldet.

Aha. Die 1100 Straftaten im polizeilosen Görlitzer Park haben die Opfer dann wohl durch ihre Anwesenheit auch selbst provoziert. Das klingt logisch, Frau Nagel. Die Leute hätten ja nicht dort entlanglaufen müssen.

Saskia Esken, Chefin der sich ohnehin schon sehr den Linken annähernden SPD, springt ihr bei, fordert eine „Überprüfung der Einsatztaktik“.

In der Schöneberger Sperrzone bemerkte ich keine wie auch immer geartete „Provokation“ der Beamten. Aber was weiß denn ich schon.

Ich weiß ja nicht mal, dass im Hinterzimmer der neuen Stammkneipe Dutzende „Astra“-Kästen lagern. „Wi hebbt so viel dor, wi verkaufen dat!“, werde ich Tage später bannig nordisch belehrt.

Tja. Etwas spät. Jan Fedder hätte milde den Kopf geschüttelt und „Mann, Mann“ gebrummelt. Vermutlich mit einem „Du Dröhnbüdel“ hinterher. R.I.P.