Warum einfach, wenn’s auch …

Ich bin denn mal wieda im Harz.

Genauer gesagt, in Wieda. Mal wieda im sterbenden Dörfchen.

Ja, ich weiß, der Kalauer ist abgenutzt, aber wenn selbst die lieben Freunde vom Silberbach sagen: „Wieda kommt wieda“ …?
Oder sagten sie: „Mit Wieda geht’s bergauf“? Egal. Ich ließ kein Tonband mitlaufen. Tatsache ist, dass die zwei ein neues Haus bezogen haben, einige Meter niedriger (geografisch gelegen, nicht das Haus).

Ihr früheres Domizil zu kaufen, war eine Option. Allerdings nicht zu dem Fantasiepreis, den die begeisterte Maklerin für das zu sanierende Objekt verlangte. Vielleicht verwechselte die ortsunkundige Dame Wieda mit Wuppertal, wo auch „alle verdammten Straßen bergauf oder bergab gehen“. Für Cineasten: Es ist ein Zitat von Günter Lamprecht aus dem Film „Stellenweise Glatteis“.

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Noch immer schmiegt sich Wieda eng und lang gestreckt ins TaL Was sollte sich auch geändert haben?

Soweit zur Bildung. Zwecks Bildung der notwendigen Proteine kehre ich mal wieder im „Schützenhaus“ ein. Natürlich hat auch hier wieder der Inhaber gewechselt, nicht mehr der Italiener Pino hat das Sagen, sondern der eher brummelige Costa. Wir sind jetzt griechisch.

Was per se nicht schlecht ist. Meine Freunde aus dem Silberbach loben zumindest die Calamaris begeistert, haben das Lokal auch schon recht gefüllt erlebt.

Das ist mir zwar nun, mitten in der Woche, nicht vergönnt, aber „tot“ ist der Schützenhof deshalb auch nicht. Von meinem dereinst ausgesuchten „Stammplatz“ (Tarzan ist Gewohnheitstier) kann ich unauffällig belauschen, wie Leute immer wieder nach Plätzen für eine größere Feier („so 8 bis 10 Leute“) nachfragen. Für Costa alles kein Problem.

Richtig spannend wird es, als vier Leute für eine bevorstehende Feier nachfragen (für Costa kein Problem) und sich dann auf ein Bier hinsetzen, um alles zu besprechen.

„Ja, wie machen wir’s denn nun?“, dringt vom Tisch drüben an mein Ohr-

Ja, wie? Hatten die vier nicht vorhin nach einer 10-Personen-Feier mit viel Essen und Getränken gefragt? Und Costa sagte, zwar maulig, aber zugänglich: „Alles machbar“?

Der „Assi“ und die Köchin würden diverse Platten bringen, alle bedienen sich, lachen und stoßen auf den Jubilar oder was auch immer an? Ist das nicht einfach?

Ist es offenbar nicht. Unter den vieren entsteht eine sanfte Diskussion.

„Wollen wir erst das Gemüse bringen lassen und dann das Fleisch?“

„Und was ist mit Vorspeisen?“

„Ja, die sowieso. Aber was ist mit Salat? Vorher oder nachher?“

„Ist das nicht egal?“

„Ja, vielleicht. Aber wegen Gemüse? Ich meine, die Jutta isst doch kein Fleisch. Sie wird sich aufs Gemüse stürzen, und dann ist für die anderen nichts mehr da!“

„Dann lassen wir halt den Salat vorher bringen.“

„Ja, da hat Jutta nichts davon. Sie mag doch diese milchige Sauce nicht. Man könnte ja vorher etwas Gemüse bringen lassen, und dann das Fleisch mitsamt Gemüse für die anderen etwas später.“

„Ja, aber ich hätte gegen einen leckeren Salat vorher nichts einzuwenden.“

„Schon klar, aber dann müssten wir …“

Als es dann irgendwann um die Farbe der Servietten geht, bin ich überzeugt, dass es hier um eine sehr seltene, großartige Jahrhundertfeier gehen muss. Oder dass die vier einfach nichts Besseres zu tun haben. Was in Wieda verständlich wäre.

In Wieda brennt noch Licht. Und hübsche Türen haben sie auch

Während drüben also die Weltprobleme gewälzt werden, fällt mir der Slogan „Simplify your life“ ein. Ein Ratgeberbuch von Werner Küstenmacher, das ich weder gelesen noch beherzigt habe. Dementsprechend unordentlich sieht meine Wohnung aus.

Aber die vier dort haben’s erst recht nicht gelesen. Eine Tischreservierung mit einer Himalaja-Expedition zu verwechseln, könnte mir jedenfalls nicht passieren. Auch ohne Herrn Küstenmacher kann ich meinen Alltag recht simpel, im Sinne von unkompliziert, gestalten.
Und die seltsame Diskussion dort drüben erinnert mich auf fatale Weise an das Leserforum des „Tagesspiegel“. Die Klientel dort zerpflückt mit Genuss jeden vorangegangenen Beitrag, und man kann sicher sein: Wenn einer schreibt „Zwei plus zwei ist vier“, dann beharken und beschimpfen sie sich noch mehrere Seiten lang darüber, warum das nicht stimmen kann oder doch stimmt.

Das erschütterndste neue Beispiel dort betrifft ein Café in Berlin-Moabit. Es ist recht beengt, und Gäste wie Servierer litten unter den hineingestopften Kinderwagen. Keiner konnte unfallfrei zum Klo gelangen, das Servieren eines Kaffees geriet zum gefährlichen Balanceakt.
Die Inhaberin platzierte Schilder „Kinderwagen bitte draußen lassen“ und bot dort sogar Abschließmöglichkeiten an. Der mit Berliner Gebräuchen vertraute Leser ahnt natürlich schon, wie die Gäste reagierten: Es interessierte sie überhaupt nicht. Ebenso wenig wie eine rote Ampel oder eine Einbahnstraße. Sie ignorierten das Schild, stopften den Raum einfach weiterhin mit Kinderwagen voll. Und zerkratzten so alle Wände.

In ihrer Not brachte die Wirtin zwei Poller an, die nun keine Kinderwagen mehr durchließen. Das fiel dem Autor Albrecht Selge auf, er twitterte ein Foto und entfachte ungewollt einen Medienwirbel samt Shitstorm, an den die westliche Welt noch lange denken wird.

Möglicherweise sogar mehrere Stunden lang. Bis eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Zum Beispiel das Foto einer schwedischen Jugendlichen, die im überfüllten ICE auf dem Boden sitzt. Ach nee, diesen Weltenbrand hatten wir ja schon. Was bin ich doch zerstreut.

Auch der „Tagesspiegel“ berichtete also über das „Pollergate“ und lieferte seiner Disput-erprobten Leserschaft Stoff für bislang sieben Seiten im Forum. Nicht groß erwähnenswert, die Leute dort sind durchaus fähig, auch 20 Seiten lang über eine fallen gelassene (ggf. auch lockere) Schraube zu diskutieren.

Hier aber tat sich Foristin „YvonneD“ in solch verbissener, selbstherrlicher, dogmatischer und belehrender Art hervor, dass es eine Sünde wäre, den Lesern dieses Blogs das vorzuenthalten.

Ein Warn-Disclaimer muss aber leider sein, gerne auch in Rot:

Das Anklicken des folgenden Links kann zu psychischen und körperlichen Störungen wie Fassungslosigkeit, Entsetzen und Kopfschmerzen führen. Auch ein Nervenzusammenbruch kann nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden.

Bereit? Na, denn:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-poller-cafe-in-berlin-moabit-jetzt-spricht-die-betreiberin/25305106.html

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Haben Sie’s überlebt? Fein.

Zum Schluss noch etwas Einfaches. Ich bin wieda hier im Harz, um die jüngst verschobene Brocken-Besteigung nachzuholen. Mit solch schrecklicher Hitze wie im vergangenen Jahr ist nicht zu rechnen.
Daher fahre ich morgen ohne Diskussionen und Komplikationen los. Zum Parkplatz Oderbrück, wo man das Auto abstellen kann. Ohne Einwendungen und Ja-Abers geht es dann einfach zu Fuß in den Wald hinein.

Sofern nicht gerade ein Schneesturm tobt. Einfach losfahren bzw. dann losmarschieren.

Einfach, nicht wahr?

3 Gedanken zu “Warum einfach, wenn’s auch …

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