Harter Brocken

Der Morgen im Harzdörfchen Wieda beginnt mit einer Überraschung.

Nicht das Frühstück ist es, das ist mir wohlbekannt und dennoch abwechslungsreich, das muss ich hier ja mal loben. Gemeckert wird hier im Blog ja genug.

Nein, beim Schlüpfen in die perfektesten Bergstiefel der Welt, rot und auch noch wasserdicht, fühlt sich etwas komisch an. Die rechte Sohle unter der Ferse ist eingerissen. Nanu?

Ich rekapituliere. Wo war ich denn damit? Bei so viel „Unterwegs“ kann man ja mal kurz grübeln, ja? Natürlich: Der „Giewont“ muss schuld sein. Jener Unglücksberg in der Hohen Tatra Südpolens. Recht steinig war es dort. Und voller Begeisterung, sie im „heimischen“ Zakopane ausziehen zu können, habe ich den Riss nicht bemerkt. Und den Wanderstock mit dem eingeschnitzten Adler habe ich auch noch in Südpolen vergessen. Ein Unglück kommt ja selten so einsam daherspaziert.

Nun also sitze ich im Harzdörfchen Wieda mit einem Riss und keinem Stock.

Getreu des Mottos „Simplify your life“ lasse ich mich nicht beirren und sause los, Parkplatz „Oderbrück“. Doch, er heißt so. Ich mochte es schon einmal nicht glauben, „Oker“ klingt doch im Harz viel logischer. Aber bitte sehr, dann eben Oder. Wenn das die echte, die da vor Polen, wüsste …

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Herrliches Wander-Wetter

Nebel und Stille an der Bundesstraße 4. Die führt übrigens auch nach Hamburg, als Amsinckstraße dicht an der HafenCity vorbei. So was aber auch.

Ein Kleinwagen mit zwei älteren Ladys rollt auf den Platz. Sie wollen den Brocken bezwingen, am liebsten mit mir gemeinsam. Als ekelhafter Chauvinist glaube ich nicht, dass das meinem zügigen Fortkommen dient. Egoistisch fabuliere ich vom gefährlichen Hochmoor, dem unbefestigten, nicht auf der Karte vermerkten Weg und erreiche so mit ausgesuchter Höflichkeit, dass sie den nächsten Parkplatz ansteuern. Schließlich sei der Weg dort doch viel komfortabler.

Ob das stimmt, weiß ich nicht. Meiner ist zumindest nicht gestreut, und das ewig rinnende Tauwasser aus den eisigen Höhen des gewaltigen Massivs über mir hat eine schön blank polierte Eispiste hinterlassen. Frechheit, so was.

Das gefährliche Hochmoor kann ich Chauvi dann problemlos auf einem Bohlenweg queren, schon ist die Landesgrenze erreicht. Der Dreieckige Pfahl. Einst markierte er die Grenze zwischen dem Königreich Hannover und dem Herzogtum Braunschweig. Viel später kam noch eine schrecklichere, ganz andere Grenze hinzu, von der heute nur noch der „Kolonnenweg“ unter den Schneeresten zeugt.

Hart auf der Grenze

Ich habe die DDR, äh, Sachsen-Anhalt, erreicht. Noch knapp vier Kilometer.

Die Rutschbahn wird nicht besser, es ist äußerst mühsam dort hinauf. Aber Helden leiden stumm. Gar nicht stumm ist eine Wanderin, die kurz vor dem Bahndamm der Brockenbahn die Eispiste queren will. Quiekend schlittert sie talwärts auf mich zu, da greifen Helden doch beherzt zu. Jeden Tag eine gute Tat.

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Nicht gestreut. Bitte kein Salz im Nationalpark

Am Bahndamm ein seltsames Wiedersehen: die beiden Ladys vom Parkplatz Oderbrück. Augenscheinlich kommen sie aus Schierke, was in ganz anderer Richtung liegt. Wie sie dahinkamen, bleibt rätselhaft, sie stammeln was von Wernigerode. Klarer Fall von Desorientierung. Kein Wunder bei dem Nebel.

Da der Weg längs der Brockenbahn weiterhin chaotisch vereist ist, besinne ich mich auf meine Spezial-Disziplin: Ich folge den Bahnschienen. Das Stampfen der bergwärts fahrenden Dampfloks aus Schierke hört man meilenweit vorher, von daher sollte keine Gefahr drohen.

Trotzdem habe ich nach einigen Hundert Metern ein ungutes Gefühl. Mein überragender Indianer-Instinkt rät mir, den Gleiskörper zu verlassen. Und tatsächlich: Schon bald taucht ein Zug hinter der Kurve auf, es gelingt ihm nicht, mich zu überfahren. Gut gegangen. Auf Talfahrt sind sie ja viel leiser. Wieder was gelernt.

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… sollte man die Ohren spitzen. Huch, ein Zug!
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Wo man nichts sieht …

Das Brocken-Plateau ist eine Katastrophe. Also rein wettermäßig. Der Sturm tost, die Sicht ist Null, Menschen werden, mühsam stehend, schlitternd, übers Eis geweht. Was in aller Welt zieht Menschen in diese lebensfeindliche Region?

Klar, die Brockenbahn tut es. Damit kommen die Weicheier hier hinauf. Halt, nicht unfair sein: Es gibt auch einige Helden, die sich trotzig dem Wind entgegenstemmen, um das Plateau mit seiner einzigartigen Aussicht zu genießen. Das war jetzt Sarkasmus.

Mein alter Freund Goethe, mir zeitlebens immer ein Stück voraus, war natürlich auch hier oben. Mit Sicherheit zu Fuß, und dann noch im Dezember. Respekt.

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Er nun wieder!

Menschen können in dieser menschenfeindlichen Umgebung zwischen 80 und 140 Euro für eine Übernachtung im Brockenhotel zahlen. Unklar, warum man das tun sollte. Als Glücksspiel vielleicht: Es soll angeblich vier Tage im Jahr mit guter Sicht geben. Die Website des Brockenhotels hat ein Foto von einem dieser Tage. Wer interessiert ist: www.brockenhotel.de

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Das Wort „Speisesaal“ würde meines Erachtens völlig ausreichen. Diese Wortwahl könnte den Diskriminierungsbeauftragten alarmieren. Was ist mit Einheimischen?

Heute jedenfalls ist Todeszone. Selbst wenn ich die pompös angekündigte Toilette (mit Sperr-Drehkreuz und Geldeinwurf) nutzen wollte, wäre es schwierig. Die nach und nach klamm gewordenen Finger machen eine Verrichtung recht kompliziert. Aber es herrscht ja dicker Nebel, es sieht ja keiner. Und Sie schweigen doch bitte, ja?

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Super Fernblick: Dort hinten liegt Nordhausen. Oder Wernigerode. Oder Braunschweig. Oder so.

Zeit für den Rückweg. Es wäre nett, den Parkplatz vor Dunkelheit zu erreichen. Sich im Hochmoor zu verirren, ist eines Helden ja auch nicht würdig. Zumal sich die Fersensohle des tollen Bergstiefels nun völlig verabschiedet hat: Sie schlappert lustlos unten umher.

 

Da nimmt gerade ein guter Kumpel Abschied von mir.
Was wird aus seinem Bruder?

Neue Bergstiefel sind fällig. Schade um die zwei. Haben mich so nett begleitet, durch Stürme, Steine, Wiesen und Wasser. Okay. Neues Jahr, neue Zeit. Die nächsten werden dann wieder Montblanc-, Eiger- oder Matterhorn-tauglich. Auf den Brocken gehe ich nicht wieder. Das ist ja Selbstmord. So ein lebensfeindlicher Berg.

Aber ich war da. Wie Goethe ja auch.

 

Nachsatz: Während ich diese Zeilen tippe, ruft mein Vater an: In einer Schuhhandelskette, die mit dem Buchstaben „D“ anfängt, hat er tolle Schnäppchen gemacht. Ich mache mich auf, finde was Tolles. Super-Rabatt. Wasserdicht. Dann mal los. Irgendein neuer Berg ruft. Yeah.

 

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3 Gedanken zu “Harter Brocken

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