Berge, Dohlen und eine neue Katastrophe

Wie prophezeit, habe ich nach wenigen Minuten Stapfen durch den Hochwald einen perfekten Wanderstock gefunden.

Wer jetzt glaubt, das sei alberner Fetischismus, dem sei gesagt, dass so ein Stock sehr gut dazu dient, sich beim Aufstieg „hochzuziehen“. Und, was viel wichtiger ist, sich beim Abstieg auf steilen Pfaden abzustützen. Das hat alles seinen Sinn. Wer das nicht glaubt, kann gern versuchen, einen mega-steilen Steig mit Baumwurzeln und Felsbrocken ganz „freihändig“ abzusteigen. Viel Spaß.

Nach dieser kurzen Fortbildung kann es losgehen. Auf den Jenner, wo ich seit Ewigkeiten nicht mehr war. Läppische 1270 Meter Aufstieg. Und auf dem vereisten Treppensteig zum Gipfelkreuz bewundert einer meinen Stock: „Ah! Modell Letzte Minute.“

Wie bitte?

„Ich sehe das an dem noch frischen Holz, wo Sie die seitlichen Triebe abgebrochen haben. Gerade am großen, der Ihren Handballen stützt. Da ist das Innenholz noch ganz hell. Muss von heute sein.“

Meine Güte! Sherlock Holmes auf über 1800 Meter Höhe. Tatsächlich erinnert sein Schnauzbart etwas an dessen geistigen Vater Arthur Conan Doyle. Ich bin beeindruckt, versichere ihm aber, dass es am Weg aufgesammelt ist, ich keinen Baum zerstört habe.

Hier oben, in eisiger Höhe, beginnt das Reich der Dohlen (von zwei jungen, flugunfähigen Bartgeiern mal abgesehen). Menschen mit ihrem vielfältigen Futter sind den schwarzen Gesellen aber sehr willkommen. Heute stehen Kekse aus der „Prinzenrolle“ auf dem Speiseplan. Man langt begeistert zu, setzt sich auch schon mal auf die Schulter von ganz Fremden. Dass die Butterkekse nicht vegan sind (Eiweiß. Milchzucker), stört die klugen Tiere kein bisschen.

Anders zwei Menschen abends im sonst leeren Lokal, wo ich eine verdiente Maß Bier tanke.

„Haben Sie auch was Veganes?“, fragen sie. Und das in einem Laden, der nicht zuletzt für seine tollen Königssee-Forellen weltbekannt ist. Der Kellner überlegt. Man einigt sich dann schließlich auf Bratkartoffeln mit Pilzen. Doch halt! Was für Pilze sind das? Es müssen schon die richtigen sein, schließlich isst man als gesundheitsbewusster Königssee-Tourist ja nicht so einfach alles.

„Ich bin fast sicher, Champignons“, sagt der Kellner artig. „Aber ich müsste den Koch fragen.“

Alles wird gut, es gibt Bratkartoffeln mit Champignons. Schön aufessen, braaav.

Später fällt mir erschreckt ein, dass die zwei vorher gar nicht fragten, welches Bratfett verwendet wird. Falls es kein Pflanzenfett war, sondern eines mit Butteranteilen, haben sie jetzt echt ein Problem. Ich sage lieber nichts, will die beiden nicht beunruhigen. Näheres nach der Obduktion.

Immer noch schmerzfrei, nehme ich am nächsten Morgen den Grünstein in Angriff. Auch dort oben war ich ewig nicht, und mehrfach hält besser. Auf dem Bild links sieht man ihn noch nicht so richtig, aber es soll noch viel Sonne kommen. Also los.

Bis ich dann jählings (wann habt ihr zuletzt dieses schöne Wort gelesen?) auf ein Schild treffe:

Nach großem Umweg stehe ich dann doch ganz oben. Ehrensache. Dohlen gibt es hier seltsamerweise nicht, dabei hatte ich extra was vom Frühstück für sie stibitzt. Vermutlich versprechen sie sich von Seilbahn-Fahrern auf dem Jenner gegenüber mehr. Schlaue Vögel, die. Dann esse ich das eben selbst und genieße prächtige Herbst-Hoch- bzw. Tiefblicke.

Und der Rückweg? Ist mir ehrlich gesagt zu weit. Ich weiß nichts von dem verheerenden Unwetter in der Nacht zum 18. Juli, von den Wasser- und Geröllmassen. Bin ich doch überzeugt, vom März-Hochwasser und der folgenden Sperrung der Bahnlinie genug zu wissen. Fehler.

Ich nehme, ganz heimlich, doch den gesperrten Weg abwärts. Der ist auch ganz passabel zu gehen, nur wenige Stellen sind schadhaft. Doch dann, schon über 400 Meter tiefer, kurz vor der Zivilisation, also der Bob- und Rodelbahn, zeigt sich, dass die Warnung nicht ganz unberechtigt war:

Der Klingerbach hat ganze Arbeit geleistet, der Weg ist auf über 100 Meter Länge einfach in die Schlucht gestürzt. Ich werde improvisieren müssen. Das ist alles mit gutem Schuhwerk irgendwie machbar, auch die angedrohte Lebensgefahr hält sich in Grenzen. Aber es stimmt schon: So richtig begehbar ist der Weg an dieser Stelle nicht. Schon deshalb, weil er nicht mehr da ist.

Unterhalb der zerstörten Bob- und Rodelbahn erzählt mir ein alter Mann, „Spezl“ des berühmten Schorsch Hackl, betrübt, dass man sie vielleicht nicht wieder aufbauen wolle. Wegen Naturschutz. Ich bin geschockt. Denn hier, an der ältesten Kunsteisbahn weltweit, hängen auch für mich Erinnerungen. Aus einer Zeit, als ich noch jung und angstfrei war.

„Kurgästerodeln“ hieß das Spektakel, das ich zwei- oder dreimal mitmachte. Irgendwo habe ich noch eine Teilnahme-Urkunde für den x-ten Platz, nichts Besonderes. Einmal aber überreichte mir Bob-Weltmeisterin Susi Erdmann persönlich den Sonderpreis für die schlechteste, also langsamste Zeit der Saison (ich war unterwegs vom Schlitten gerutscht, hielt ihn aber krampfhaft fest). Und das soll mir auch erst mal einer nachmachen.

Susi Erdmann schrieb angesichts der Katastrophe (also der jetzigen, mit dem Wasser) auf Facebook: „Unfassbar … Meine Heimbahn … einfach weggespült.“ Der Sonderpreis, den sie mir damals lachend überreichte, war übrigens eine Flasche Enzianschnaps, natürlich von „Grassl“.

Ich denke, ich werde morgen, bevor ich zwei Täler weiter ziehe, einen oder zwei Enzian auf Frau Erdmann trinken. Meine Gästekarte hier berechtigt mich zur kostenlosen Busfahrt und Besuch der Enzianbrennerei „Grassl“. Mit Verkostung von ca. 30 Sorten.

Eigentlich trinke ich ja frühmorgens keinen Enzianschnaps. Aber wenn ich schon mal da bin … Ich muss ja nicht gleich um zehn Uhr morgens am neuen Ziel auftauchen. Also erst mal einen oder zwei auf Susi Erdmann.

Und dann heißt es: Noch mal Hintersee.

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