Dings … äh, Oberhof!

Raus aus Berlin. Es wird Zeit.
Nach den zaghaften Öffnungen und Erleichterungen ist die Stadt mal wieder kurzfristig unerträglich geworden. Na ja, so lange, bis man dann doch eines Abends über die AVUS auf den erleuchteten Funkturm zurollt …

Aber als zuletzt eine Boots-Demo auf dem Landwehrkanal völlig aus dem Ruder geriet und beendet werden musste, ist einfach mal ein Urlaubchen fällig. Aus Gründen, die schwer nachvollziehbar sind, will ich nach Oberhof in Thüringen.

Kleiner Tipp: Die Idioten sind die ohne Maske

Warum? Tja. Es sind Berge da. Harmlose Berge, nach zehn Wochen Corona-Home-Office müsste ich meine Knochen noch schonen. Die Wege zwischen PC und Küche, gelegentlich auch ins andere Zimmer, sind nun nicht gerade Hochleistungssport. Ich beschließe, dass der Thüringer Wald am Rennsteig der richtige Rahmen ist. Und einen legendär-spannenden Eisenbahntunnel, ähnlich wie am Lötschberg, gibt’s dort auch.

Nun aber los. Wie immer geht ein Viertel der Reisezeit damit verloren, Berlin überhaupt zu verlassen, dann aber flott südwärts.

An der A 4 fällt mir der Parkplatz „Rodablick“ auf. Da war doch was? Richtig: der Parkplatz „Rodaborn“, etwas südlich an der A 9. So klein das Flüsschen Roda auch ist (33 km), so hoch schwappen die (natürlich deutschen) Bürokratie-Wellen am Autobahn-Parkplatz an der Rodaquelle.

Nach dem Bau der Reichsautobahn Leipzig-Nürnberg eröffnete hier 1936 die erste Autobahnraststätte Deutschlands. Aber nicht deshalb ist der Parkplatz berühmt, sondern dafür, dass die Gaststätte nicht zu erreichen ist. Ein hoher Metallzaun verhindert das. Wenn hungrige Autofahrer am Glöckchen bimmeln, kommt die Wirtin gelaufen und reicht was über den Zaun.

Zum tieferen Verständnis der Lage ist das Verkehrsministerium der bessere Ansprechpartner. Ich bin gar nicht hier, ich zweige bei Erfurt ab und durchquere bald den monströsen Rennsteigtunnel, der wider Erwarten nicht 3, sondern weit über 7 km lang ist.
So verpasse ich fast die Abfahrt Oberhof, direkt am Tunnelportal. Die muss neu sein, ich hatte mit dem nächsten Ort gerechnet. Aber was weiß denn ich. Ich bin noch nie hier gewesen, das ist ja gerade der Grund, jetzt hier zu sein.

Oberhof (weltberühmt durch sozialistisches und auch späteres Skispringen übrigens) liegt so ca. zwischen Zella-Mehlis und Tambach-Dietharz. Das ist nicht zu verwechseln mit Annaberg-Buchholz und Hohenstein-Ernstthal. Dieses sind Städte in Sachsen. Alles klar? Rechenberg-Bienenmühle.

Das „Ahorn Panorama Hotel“, in dem ich gottlob nicht wohnen muss, ist in Form zweier gewaltiger Ski-Sprungschanzen erbaut. Das halte ich für unangemessen, da es ganz in der Nähe echte Ski-Sprungschanzen gibt.

„… zur alten Kirche aufwärts steigen;
auf einen Hügel hat man sie gebaut;
und dieses alte Dorf ist ihr vertraut;
von oben schaut sie schützend auf sein Schweigen.“

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Was halt gebildeten Tarzanen so einfällt, wenn sie sich kletternd der Kirche nähern. Diese allerdings liegt eher unansehnlich zwischen zweifellos aufgehübschten Plattenbauten.

Hübscher dagegen die „Kaiserliche Post“, feinstens restauriert und heute Apotheke. Übrigens die „Robert-Koch-Apotheke“. Sehr sinnig in diesen Zeiten. Ach ja, wo habe ich meine Maske? Ah hier, alles bereit.

Das Schild ist alt …
… die Apotheke neuer

 

Ins „Kauzeneck“ also. Draußen lehnt ein entsprechender Kauz, um eine zu rauchen, was ihn schon mal irrigerweise sympathisch macht. Er erzählt etwas wirr von dem tollen Laden, der auch ein zweites Stockwerk habe (ist sichtbar), von dem umgebauten Briefkasten als Aschenbecher (ist sichtbar).

Wir pflanzen uns dann (mit Abstand) an den besten Tisch, der auch die nächsten Tage meiner bleibt. Seinen gewaltigen minutenlangen Hustenanfall („ich hab’s im Hals“) heiße ich gerade in diesen Zeiten weniger gut, aber jetzt ist (oder hoffentlich wäre) ohnehin alles zu spät.

Ungefragt röchelt der Kauz dann im „Kauzeneck“, dass er seit 1969 hier wohne, schon lange Stammgast sei und „manchmal nicht erwünscht“.

Zumindest heute verständlich. Tarzans große Ohren verfolgen bei einem „Dingslebener Edel-Pils“ (heißt wirklich so) den Talk zwischen dem Wirt und der netten, aber genervten Bedienung.

„Er hatte heute Cola-Whisky, das verträgt er eigentlich gar nicht.“

„Nanu? Ach so, ist gerade der 1. im Monat gewesen.“

„Ja, aber bezahlen konnte er trotzdem nicht. Hier sind noch Zettel …“

Wüste Sitten bei den wilden rauen Berglern am Rennsteig.

Ich schmunzele hinter meiner Zeitung. Wie gut, dass es noch etwas Zeit ist bis zum üblichen Corona-Shutdown um 22 Uhr. Ich denke, ich bestelle noch ein Bierchen. Deses Dings … äh, Dings … Eislebener? … Ascherslebener? … ah, richtig, Dingslebener Edel-Pils.

 

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4 Gedanken zu “Dings … äh, Oberhof!

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