So weit die Füße tragen

Der nächste Tag beginnt etwas grau. Oberhof liegt auf einer ungeschützten Hochfläche, daher ist das Klima „sehr rau“, um nicht zu sagen, unter aller Sau.

Damit ich diese bekannte Info auch ernst nehme, präsentieren sich also Wolken-Gebirgsungetüme, die sich nicht scheuen, gelegentlich Wasser zu lassen. Optimistisch gestimmt (um 14 Uhr soll die Sonne herauskommen) beschließe ich, die Landschaft zu erproben. Die und die nagelneuen Trekking-Treter. Die alten verreckten bekanntlich im Januar am Brocken, ein ähnlich lebensfeindlicher Ort.
Also zwänge ich mich in die im Schuhladen noch toll bequemen Dinger, die mich noch bös beschäftigen werden.

Zum Bahnhof erst mal. Das ist fast schon Usus an den Orten, die ich besuche. Am Bahnhof ist Leben, Action, da ist was los, da gibt es Kioske, was zu sehen und zu essen. Vor den Trubel aber haben die Götter bzw. die einstigen Bahnbauer einen Abstieg gesetzt: Der Bahnhof liegt etwa 5 Kilometer südlich und mal eben 160 Meter tiefer. Toll. Gebirge pur.

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Das „R“ heißt natürlich Rennsteig. Oder auch Regen

Vorm Herunterklettern muss aber noch „Stein 16“ besucht werden. In jedem Ortsplan ist die schaurige Stätte vermerkt, im finsteren Wald am Rennsteig.
Es ist nicht sehr weit zu der einsamen Wegkreuzung, der sporadische Nieselregen ist erträglich. Offenbar hat er große Probleme, sich zu entscheiden, ob er nun das Saale- oder das Werra-Gebiet bewässern will. Hier oben an dieser Wetterscheide Rennsteig. Und ich Armer mittendrin.

Was also passierte an diesem Stein? Zunächst mal ist es ein Grenzstein, an dieser Stelle trafen Sachsen-Gotha, Hessen und Sachsen zusammen. Nicht viel weiter weg außerdem das Königreich Preußen und das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha. Das muss man sich jetzt nicht merken. Für Grenzfälle, also das Fallen von Grenzen, reicht der 9. November 1989. Daher nämlich kann ich jetzt und hier im Thüringer Regen diesen Stein bewundern.

Auf einer Tafel steht ein solch theatralisch-pompöses Rennsteig-Gedicht von Viktor von Scheffel, dass man nur japsend nach Luft schnappen kann. Die Höhe ist es jedenfalls nicht.

Auf einer anderen Tafel kleidet ein weniger bekannter Poet (ja, ich habe den Namen vergessen) in Verse, was hier geschah: Um 1498 überfiel ein Wegelagerer eine Weinfuhre, von Franken kommend. Sein mutmaßliches Motiv war stechender Durst, man fand ihn „berauscht im Moos“.

Auf diesem Stein wurde der Frevler geköpft, „unter großem Gepränge“. Dem Henker war unwohl, da er und der Delinquent eigentlich gute Kumpel waren. Aber Pflicht ist Pflicht. Nach Vollstreckung rastete der unglückliche Henker aus, schmiss seinen Job hin und haute noch einmal kräftig mit dem Schwert eine mächtige Kerbe in den Stein.

Was heute noch zu sehen sein soll.

Unfug. Gar nichts ist zu sehen.

Aber das gibt’s ja öfter: dass was zu sehen sein soll, was dann gar keiner sieht. Blühende Landschaften, Steuersenkungen, Polizei in Berlin … Die Liste ist lang.

Lang ist auch der Brandleite-Tunnel, den ich am Bahnhof besichtigen will. Sagenhafte 3039 Meter, 1884 erbaut, seinerzeit der längste der DDR.

Fast so lang ist auch der Abstieg vom Rennsteig-Pass, eine Fahrradpiste mit waghalsigen Kurven. Als Rodelbahn gewiss auch spannend, allerdings ist die Wintersport-Region durch den Klimawandel längst nicht mehr „schneesicher“.

Ja, nichts währt ewig. Das kann man schmerzlich am Bahnhof sehen, der statt Action und Trubel nur Ödnis und Verfall bietet.



Seit Dezember 2017 hält hier kein Zug mehr. „Richtung Würzburg“, „Richtung Erfurt“. Blaue Schilder aus der Vergangenheit. Die elektronische Zielanzeige läuft sinnlos orange „außer Betrieb“ von rechts nach links, immerfort und stumm.

Eine schäbige überdachte Brücke führt vom denkmalgeschützten Empfangsgebäude zum Bahnsteig 2. Aber wer sollte da drüben hinwollen? Außer mir natürlich.

„Licher Bier“ verspricht die Bahnhofsgaststätte „Zum Brandleitetunnel“. Das war mal. Das Lokal betritt niemand mehr. Blühende Landschaften.

Gegenüber hat sich jemand einen Garten mit Eisenbahn-Utensilien hergerichtet. Ein Fan. Einer, der gewiss den Fahrplan im Kopf hat. Ich habe ihn nicht im Kopf, deshalb werde ich auch nicht das nahe Tunnelportal betreten, obwohl mich von diesem toten Bahnhof aus sicher niemand sehen könnte.

 

 

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Die glorreiche Historie der Strecke lebt in diesem Vorgarten leise weiter

Durch die grüne, leicht verregnete Landschaft „oben rum“ zum östlichen Tunnelportal. Rein logisch 3039 Meter entfernt, rein praktisch natürlich viel mehr. Listig habe ich Screenshots von Landkarten auf dem Handy gespeichert, außerdem Wanderkarten der Info-Tafeln im Ort geknipst. Das spart den Kauf einer papiernen Wanderkarte, ermöglicht ein paar Bier mehr heute Abend im „Kauzeneck“.

Wenn ich da je hinkomme. Die verschiedenen Kartenausschnitte widersprechen sich teils markant, stimmen auch nicht immer mit den tatsächlichen Gegebenheiten überein. Die Handy-Ortung hilft, wenn ich zu weit nach Süden gerate und einen Bergrücken zum richtigen Weg überwinden muss. Wie habe ich das eigentlich früher gemacht?

Natürlich finde ich das Ostportal. Tief im Einschnitt gelegen, aber vom „Feuerwehrparkplatz“ führen angenehme Treppen zum Gleis hinunter. Es ist 14 Uhr. Wie angekündigt kommt die Sonne hervor, so funktioniert das in der einstigen Planwirtschaft. Bravo.

 

 

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Schwungvoll und zweigleisig unter dem Brandleite-Rücken hindurch

Ich wage mich ein paar Meter in die Schwärze, habe ganz zufällig eine kleine Halogenlampe bei mir. Laut Wikipedia hat der Tunnel 188 Schutz-Nischen auf der rechten Seite, links sogar noch eine mehr. Zwar bleibt unklar, aus welcher Richtung nun rechts oder links gemeint ist, aber es sind in jedem Fall genug. Alle 16 Meter eine, das vertreibt die Angst.

Nicht so sehr die Angst vor einer Zugbegegnung, also genauer: der Begegnung mit einem Zug. Die kann man zur Not überleben. Aber Schutz-Nischen sind sinnvoll zum Verstecken. Der Anblick eines Fußgängers im Eisenbahntunnel könnte dann doch Irritationen beim Lokführer auslösen.

Gern wird da irrigerweise von „gefährlichem Eingriff in den Bahnverkehr“ gesprochen, was für den bloßen Aufenthalt auf Bahngelände natürlich völliger Unsinn ist.
Den „Eingriff“ tätigen einzig und ausschließlich Bahn-Bedienstete, die hysterisch ihren Zug stoppen, nachfolgende dazu und womöglich die auf dem Gegengleis. Gut, dass Tarzan so und hier auch mal mit diesen sprachlich unvollkommenen Legenden aufräumen kann.

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Großes Ehrenwort: Hier, tief unter dem Waldboden, verläuft die A 71

Trotz des spärlichen Verkehrs will ich dann aber auch nichts riskieren. Hinaus aus dem Loch, und bergan durch den Wald zurück nach Oberhof. Das GPS-Signal zeigt mir zentimetergenau an, dass ich unweit des Ortes genau über der Oströhre des Autobahn-Rennsteigtunnels bin.

Ehrfurchtsvoll fotografiere ich die Stelle, auf die kein Denkmal, keine Tafel und auch kein Luftschacht hinweist. Bitte sehr.

 

Für den ersten Tag schmerzen die Füße eher wenig. Ich werde es morgen fühlen. Und nun ins „Kauzeneck“, hoffentlich ohne entsprechenden Kauz. Nach dem langen Marsch ist ein Dings verdient, also, äh, Dings, na ja, Ihr wisst schon.

4 Gedanken zu “So weit die Füße tragen

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