Die Ermüdung von Mensch und Material

Berlin ist mir schon wieder zu voll. Urlaub ist fällig.

Aus den Ferien sind bestimmte Leute zurückgekommen, denen ich durchaus einen längeren Aufenthalt gegönnt hätte. Zum Beispiel bis 2025 oder so. Aber wer kann das schon?

Und die Corona-Lockerungen samt Sommerwetter locken (fast hätte ich „schwemmen“ gesagt, aber nee, das Flutdrama ist noch zu nah), locken also wieder Touristen in die Stadt, die das Leben im Kiez auch nicht gerade gemütlich machen.

Weg hier also. Eigentlich wollte ich mich erst wieder aus dem Süden des Landes, quasi aus dem Alpenschatten , melden. Doch nun passiert etwas, das sprichwörtlich den Hund in der Pfanne verrückt werden lässt. Oder halt, noch besser: die Lesebrille zum Zerbrechen bringt.

Das Hotelbuchungsportal meines Vertrauens bietet mir was an: Ich soll bis September was buchen, würde dann später 10 Prozent des Preises zurückbekommen. Nun bin ich dort Stammkunde (mit einem bedeutenden, Airlines würden sagen: Meilenlevel) und habe ohnehin schon nette Rabatte. Aber warum sollte man dieses Angebot nicht ebenfalls aktivieren? Schadet ja nichts.

Dachte ich. Ein Fehler.

Das angeblich generöse Programm zeigt jetzt entlang meiner ungefähren Route Preise an, die einem den luftig-beigen Sommerhut hochgehen lassen. Oder, um es mit dem genialen Blogger seppo zu sagen: Ich bin bass erstaunt.

2000 Euro. 2600 Euro. 2860 Euro.

Sicher mein Fehler. Da habe ich wohl versehentlich 50 Nächte eingegeben statt fünf. Nee, stimmt.

Ein anderes Städtchen probieren. Fünf Nächte. Es geht los mit 1800 Euro.

Was ist da los? Ach ja, sicher habe ich versehentlich 10 Personen eingegeben statt mich eine einzige. Nee, stimmt auch.

Geht doch. Und zwar, ohne sich heillos zu verschulden

Entnervt besuche ich die Seite des Tourismusverbandes der Stadt, in die ich will (Auflösung demnächst). Da sind zwei Hotels, die ich per Mausklick „anfrage“, eine Antwort gibt es bis heute nicht. Und eines, das ich „in den Warenkorb“ lege. PING! Bestätigung ist da. Genauso schnell wie bei meinem bisherigen Super-Booking-Portal. Nur eben für merklich weniger als 2000 Euro.

Gehen wir doch noch mal auf das Buchungsportal meines bisherigen Vertrauens. Etwas weiter in die Alpen hinein. Nach Südtirol.

ZACK!

Angeblich ist alles in meinem Wunschdorf belegt. Und die übrigen Zimmer vermietenden Bauernhöfe in den nahen Weilern überbieten sich bei der Frage, wer wohl für fünf Nächte die meisten 500-Euro-Noten kassieren kann.

Himmihergottsakrakreizdeifinochamoi ! Oder wie das heißt.

Ruhe jetzt. Nicht durchdrehen. Ich greife zum guten alten Festnetztelefon, bin vorbereitet, ein kräftiges „Grüß Gott, Herr Hofer!“ zu tönen. Eine Bandansage. Sie verweist auf eine Handynummer. „… Quattro – Zero – Cinque …“

Huch. Andererseits: wieso nicht? Irgendwo logisch, wenn man in Südtirol, also Italien anruft. Da nervt mich schon eher das dauernde affektierte Englisch-Gequatsche mitten in der deutschen Hauptstadt, wo man nicht mal mehr normal Kaffee bestellen kann. Ja, schon gut, „Rassismus“.

Mannhaft notiere ich die Ziffern, die mir die „rassige“ Tonband-Dame aufsagt. Als Mann von Welt kann man das, und die dann gewählte Nummer gehört auch Herrn Hofer, wie sich später herausstellt. Erst mal wieder Bandansage.

Anderes Hotel. Ich erreiche die Chefin beim Einkaufen, Rufumleitung.

„Ja, klar san Sie willkommen! Wann? Da weiß ich ja jetzt unterwegs gar nix. Ich rufe an, lasse die Umleitung löschen. dann wählen Sie dieselbe Nummer noch mal. Wir freuen uns.“

„Okay, in einer Stunde oder so?“

„A gehn’s, gleich sofort, in fünf Minuten.“

Das ging ja gleich mal herzlich los. Zimmer klappt auch, etwas persönlicher und langwieriger als beim Buchungsportal.Aber indem ich dieses neue schwachsinnige Super-Spar-Programm außen vor lasse, spare ich ja tatsächlich Tausende von Euro.

Eine Nacht fehlt mir noch. Die muss ich wohl irgendwo im Ötztal verbringen. Oder bei Herrn Hofer, der in diesem Moment anruft. Er hat großen Papierstress, Dutzende An- und Abmeldungen, er meldet sich. Wenn nicht, macht auch nichts. Eine Nacht kann ich irgendwo überleben, wo ich noch nie war. Aber bestimmt nicht so:

Nein, es ist nicht St. Moritz oder Monte Carlo. Es sind unbekannte Südtiroler Bergdörfer. Nein, es ist nicht der Preis einer Wochenpauschale. Es ist der Preis für EINE EINZIGE ÜBERNACHTUNG. Vorerst tschüs, booking.com!

Okay, wir wollen nicht unfair sein. Es gibt tatsächlich etwas in Sölden (!). Immerhin. 46 Euro die Nacht. Dank der pompösen Rabatt-Aktion würde ich 4,60 Euro zurückerhalten. Ich hätte mir mehr erhofft. Aber nicht mit der Maßgabe, dass mir plötzlich nur noch 2000-Euro-Angebote angezeigt werden. Ich muss ja auch mal was essen unterwegs. Oder ein Bier trinken.

Richtig, ein Bierchen mal. Auf zur Eckkneipe, die hier mal Berlin-untypisch nicht an einer Ecke liegt. Vor lauter Entsetzen über das Erlebte zerbricht meine Lesebrille. Oben am Steg, mittendurch. Das musste ja so kommen. Das war schon einige Zeit irgendwie, sagen wir: flexibel. Wohl totale Materialermüdung. Was ist das überhaupt? Kupfer? Oder bloß angelaufen?

Ein langes Lese-Leben geht zu Ende. Man beachte das aufregend glitzernde Tesafilm am rechten Teil

Egal. Ein ordentlicher Kneipenwirt hat nicht nur Würstchen und Zigarettenpapier, sondern auch Tesafilm. So kann ich wenigstens den „Spiegel“ weiterlesen. Doch, auch das tut Tarzan.

Es sieht verwegen aus. Nicht das „Spiegel“-Lesen, die geklebte Brille. Da muss morgen was Neues her. Auch wenn mich im Homeoffice keiner sieht. Aber was sollen die Alpenbewohner von mir denken? Nach solch netten Telefonaten?

So eine, wie sie Kevin Spacey in „Margin Call“ trug. Das hätte was. Diesen urbösen Finanz-Thriller hob der Hessische Rundfunk neulich wieder ins Nachtprogramm, aber wohl nicht, um „Teile der Bevölkerung zu beunruhigen“. Als Kleinsparer ist man eh am A …, und die komplexe Handlung in „Margin Call“ ist auch nicht jedermanns Sache.

Auch wenn Kevin Spaceys aufgeflogene Privat-Eskapaden erst recht nicht jedermanns Sache sind, in „Margin Call“ lieferte er eine gute Figur ab. Und die Brille erst. Sie verschmolz nahezu mit seinem Charakterkopf, war eigentlich nicht zu sehen.

So ein Stück werde ich kaum Im Drogeriemarkt finden. Eher in Hollywood, wo die Maske sicher mühsam das edelste Teil herauskramte. Aber ich bin ja nicht Kevin Spacey.

Und das ist wohl auch gut so.

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