Wieder mal in Hinterberg

Wieder mal. Hm, ich glaube, das ist jetzt ein wenig übertrieben. Zwar gibt es durchaus Orte, an denen ich schon mehrmals war. Hier allerdings muss man weiter ausholen.

Es ist eine Geschichte, die rund 50 Jahre zurückreicht.

Ich war recht jung und leicht kränklich. Die Bronchien. Ein Luftkurort sollte her. Und da sich Luftkurorte eher nicht bewegen, sollte ich mich dahin bewegen. Die 1926 gegründete Rudolf-Ballin-Stiftung machte das möglich. Mit u.a. drei „Klimagenesungseinrichtungen“ an Nordsee, Ostsee – und eben dem „Hubertushof“ in Rettenberg. Im Allgäu. Unweit von Sonthofen. Wo ich genau jetzt zufällig bin.

Na ja, zufällig. Ein paar Tage Rast auf dem Weg nach Südtirol sollten es schon sein. Und eine sentimentale Anwandlung brachte mich dazu, den „Hubertushof“ zu suchen.

Was aus drei Gründen nicht leicht war:
Erstens ist ein halbes Jahrhundert vergangen.
Zweitens erinnere ich den Namen „Hubertushof“ gar nicht mehr.
Drittens ist der „Hubertushof“ 2002 abgebrannt. Und heißt heute ganz anders.

Aber ich habe das Haus. Ich weiß jetzt, wo es steht. Es sind so seltsam prägnante Erinnerungen an die längst vergangene Zeit irgendwo dort oben am Berg, dass Google-Satellitenbilder halfen.

Es ist etwas grau und bewölkt, aber ich denke, ich stiefele mal los. Stilecht mit den, ja, Stiefeln, durch die Prärie Richtung Nordosten. Wandern ist gesund.

Das Dorf Burgberg liegt am Weg, durch die Lücken eines Gartenzauns lächeln mich herrliche Himbeeren an. Ich nehme mal bescheiden drei, muss mich nicht am ersten Tag hier unbeliebt machen. (Immer diese Touristen.)

Abstecher zur Burgruine. Von der ich ohne das entsprechende Schild gar nichts ahnte. Wie peinlich. Ist nur ein kurzer Weg bergauf.

Abseits der Landstraße führen mich Wiesenpfade zur Ortschaft Wagneritz. Wie nett, es laufen ja gerade die Bayreuther Festspiele. Was die schwatzenden Damen vorm Dorfkrämer wenig kümmert, ebenso wie die braune Katze, die mir mürrisch hinterherschaut.

Dann kommt Rettenberg. „Brauereidorf“.

Mei, wenn ich das gewusst hätte. Aber ich muss ja weiter hinauf, erst nach „Vorderberg“, und dann, noch höher, nach „Hinterberg“. Unterwegs liegt die „Alpe Stockach“, die u.a. ein Käsebrot für sechs (!) Euro anbietet. Ich verzichte, und zur Strafe hört der Weg hinter der Alpe einfach auf.

Nun, das kenne ich zur Genüge im Alpenraum. Überragende Orientierungskunst und ein zerrissener Weidezaun führen mich auf den rechten richtigen Weg zurück. Ich bin da. Wieder mal. Das Kind auf dem Fahrrad sagt alles.

Noch immer gibt es Kinder hier oben in Hinterberg

Ich erkenne die Kreuzung am Waldrand augenblicklich.

Und bin schwer bewegt. Links geht die lange Auffahrt hinunter, dann gleich um die Kurve. Zum einstigen „Hubertushof“, den man von hier aus noch nicht sieht.

Nein, ich traue mich noch nicht. Erst nach rechts hoch, zum „Falkenstein“. Wie vor 50 Jahren.Der offizielle Weg führt durch den Wald hinauf. Baumwurzeln, glitschige Steine. Das hat man uns Kleinen damals nicht zumuten wollen. Ich weiß genau, es ging diese Wiese nebenan hinauf. Und deshalb gehe ich auf genau dieser Wiese, auch wenn das vielleicht heute nicht mehr gewünscht ist, zurück.

Etwas Werbung im Gipfelbuch des Falkenstein wird nichts schaden

Es ist seltsam. Obwohl seit jener Zeit wohl 15000 bis 18000 Tage verstrichen sind, jeder davon mit allen möglichen oder unmöglichen Erleb- und Ereignissen, ist mir der Aufstieg über diese Wiese, inmitten einer schnatternden Kindergruppe, so plastisch sichtbar wie damals. Vor 50 Jahren.

Kein Zweifel möglich: Über diese Wiese ging ich schon einmal

Ist damals eine Synapse verkantet? Hat jener Tag auf dieser Wiese meine fatale Vorliebe für Berge verursacht?

Das Heim wird es klären. Der Betreuer Herr H. oder der etwas jüngere Herr F., einer von beiden wird auf mich zustürzen: „Ach nee, der Tarzan! Bist du aber groß geworden! Sticht dich immer noch der Hafer, du Tunichtgut, so wie damals?“

So wird es dann natürlich nicht.

Einige Male schleiche ich um die Gebäude herum. Sie sind seltsam vertraut, wenn auch nach dem Brand neu aufgebaut. Da geht es den Abhang hinunter, da geschahen Ringkämpfe und Wettrennen mit dem Betreuer Herrn F. Aber die Bäume? Waren die schon da? Werden Bäume in 50 Jahren so hoch?

Zaghaft nähere ich mich dem Eingang, Betreten oder Besuche sind nicht erlaubt. Corona. Aber egal, ich würde mich wohl ohnehin nicht erinnern. Eine Frau kommt heraus, hört meine unbeholfenen Erklärungen, wirkt gerührt ob meiner „Treue“. Wir schwatzen etwas über „alte Zeiten“, ihre eigenen beginnen hier oben erst 1999. Natürlich kennt sie die Herren H. und F. nicht mehr.

Ich sage zum Abschied leise „Servus“, rauche noch eine Zigarette auf der Bank unter der Kastanie. Also DAS habe ich mit Sicherheit noch nie hier getan.

Über gewundene Sträßchen geht es abwärts nach Kranzegg. Ein Bus bringt mich heim, 3,70 Euro. Das ist okay. Es nieselt, ich bin müde und leicht aufgewühlt. Man muss sich nicht gleich so verausgaben.

Schließlich warten noch einige Dolomiten auf mich.

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4 Gedanken zu “Wieder mal in Hinterberg

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