Eisenerz

Es gehört schon einiges dazu, ein 3700-Einwohner-Örtchen „Eisenerz“ zu nennen.

So halte ich es denn auch für eine Sünde, diesen Ort auf meiner Reise durch den Süden Österreichs einfach zu ignorieren. Dazu ist die Neugier denn doch zu groß.

Angeregt, inspiriert, aufmerksam gemacht, ach, was auch immer, hatte mich eine TV-Sendung, vermutlich auf 3sat oder gar „Servus TV“. Es ging um das hübsche Bergmassiv „Hochschwab“. Und den Erz(sic!)herzog Johann, der schon 1803 die „erste touristische Überquerung“ dieses Gebirgszugs unternahm. Überrascht bemerkte ich beim Kartenstudium, dass ich auf einer früheren Reise ganz nah, im Kurort Aflenz, übernachtet hatte. Ohne mir dieser geschichtsträchtigen Nähe bewusst zu sein. Vermutlich war ich mit „Aflenzen“ beschäftigt.

Und natürlich stieg der Hochwohlgeborene nach erfolgter Überschreitung in eben jenen Ort Eisenerz hinab. Angeblich hieß er, also der Ort, irgendwann mal Innerberg. Was aber eher banal klingt, wenn man bedenkt, dass hier am „Erzberg“ der größte Eisenerz-Tagebau Mitteleuropas liegt. Von solch Superlativ erfahre ich erst später, zunächst lockt mich der zweifellos geniale Name des Ortes: Eisenerz.

Wahrzeichen und Gründervater des Ortes Eisenerz: der Erzberg, an dem, na, was wohl, abgebaut wird

Ich habe ja im Allgäu wunderschöne Orte wie Burgberg, Vorderberg und Hinterberg kennengelernt. Aufgrund Geo- oder Topografie ja auch nachvollziehbar. Aber eben auch recht austauschbar. Eisenerz, das einstige Innerberg, ist dagegen wohl recht einmalig.
Man stelle sich vor, andere Städte würden sich nach ihrem bekanntesten Produkt benennen: Wiesloch-Walldorf, Sitz der Software-Schmiede SAP, könnte dann „Betriebssystem“ heißen. Für andere Städte böten sich „Salz“ oder „Braunkohle“ an. Auch „Inkompetenz“ wäre denkbar. Aber diese Stadt ist ohnehin weltweit bekannt. Unter einem kürzeren Namen.

Heute erforschen wir also mal Eisenerz.

Ich niste mich im „Eisenerzer Hof“ ein. Die Überquerung des „Hochschwab“-Massivs verschiebe ich nach den Südtiroler Kletterpartien auf ein anderes Leben, auch die Bezwingung des markanten „Pfaffenstein“ kann warten. Ich ergattere ein Faltblatt mit Karte, das mir einen „Naturfreunde-Lehrpfad“ ans Herz legt.

„Der Lehr- und Erlebnisweg führt über die ehemalige Erzförderbahn, die im Jahr 1985 eingestellt wurde …“

Eine erzdicke Lüge.

Wer sagt, die Erzbahn wäre eingestellt?

Schon an der „Röstanlage“ bzw. dem „Röstboden“ kommt gemächlich ein kilometerlanger Güterzug zum Stehen, klassische Schüttgut-Waggons, die mir aus dem Erz-Terminal in Hamburg-Waltershof wohlbekannt sind. Ja, Tarzan war überall. Nein, eben doch nicht, deshalb bin ich ja hier.

Der Pfad lehrt einiges über Vögel, Pilze, Bergbau und führt womöglich doch auf der Trasse einer ehemaligen Erzförderbahn entlang. Gelegentlich verschwinden dort einstige Tunnel im zugemauerten Nichts. Blöd gebaut damals, würde ich sagen, wo das Betriebsgleis weiter unten doch eine viel sinnvollere Trassenführung hat. Aber was weiß denn ich?

Kleine handwerkliche Pannen passieren auch außerhalb von Berliner Flughafen-Baustellen. Das Schild ist übrigens nicht lose in den Stein gesteckt, sondern massiv verankert. Kann ja mal vorkommen

Jedenfalls lande ich richtig am „Schichtturm“. Das nette Denkmal rief einst die Bergmänner per Glocke zur „Schicht“ am Erzberg. Da schaudert es einen fast in Zeiten von Homeoffice. Schauderhaft auch der einsetzende Nieselregen.

Ich mache mich an den „Abstieg“ (na ja, ca. 20 Höhenmeter, reicht heute) zum „Eisenerzer Hof“. Abhängen, steirisches Abendmahl, Bier. Frühe Nachtruhe.

„Ich fahre jetzt nach Deutschland zurück“, posaune ich frohgemut beim Frühstück. „Und ich mache Station im ERZGEBIRGE.“

Irgendwie versteht keiner den Witz so recht. Na ja, dafür gibt’s ja diesen Blog.

Adieu, Eisenerz. Es war nett. Die versteckte Ecke, die es mit dem Tourismus (außer dem Schaubergwerk) „noch nicht so hat“, ist mit ihrer wilden Bergumgebung einen längeren Besuch wert. Das Hochschwabmassiv zum Beispiel. Was Erzherzog Johann 1803 geschafft hat, sollte mir doch ein Leichtes sein. Mal sehen. Aber jetzt geht’s erst mal weiter.

Ein Gedanke zu “Eisenerz

  1. Pingback: Von Erz zu Erz – TarzanUnterwegs

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s