Wir folgen jetzt einfach mal den Bahnschienen

Der Freitag zeigt sich endlich blütenweiß mit mächtig Sonne.
Ich gönne mir ein Busticket nach Frutigen. „tief unten“ im Kandertal, nur 800 Meter hoch gelegen.

Hier ist das nördliche Tunnelloch des Lötschberg-Basistunnels, der die Fahrt zwischen Bern und Brig im Wallis gegenüber der Bergstrecke um immerhin 14 Minuten verkürzt. Auch verbrauchen die Güterzüge wegen der geringeren Steigung weniger Energie. Na, wenn’s denn so sein soll. Ich finde den alten Scheiteltunnel schöner.

Und in diese Richtung, nämlich bergan, soll ja auch der „Lötschberg-Bahnwanderweg“ führen. Den will ich heute, am letzten Tag in der Schweiz, mal unter die Füße nehmen. Die nette Karte der BLS-Bahn gibt etwa 5 Stunden Gehzeit für die 14 Kilometer an. Natürlich brauche ich letztlich viel länger, zu viele interessante Ecken gibt es dort.

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Etwas Kraxelei auf den Turm …
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… und der Ausblick stimmt

Erst mal zur Tellenburg hoch, kein Mensch dort, nach einigen Steintreppen großartiger Blick aufs Kandertal, nach Süden das böse Lötschbergmassiv (da geht Tarzan locker zu Fuß rüber) und direkt unter mir das Haustein-Viadukt der alten Bergstrecke.

Bevor ich mir das näher angucke, finde ich an der Kantonsstraße entlang der Steinmauer des Burgbergs herrliche Brombeeren. Eine Schweizerin steigt lächelnd aus ihrem Auto, als sie mich futtern sieht: „Sie haben’s gefunden. Es sind die letzten und die besten in der Gegend. Prächtige Südlage hier.“ Sie beginnt auch zu pflücken und stört sich kein bisschen an meinem Akzent. Brombeeren sind für alle da – für alle, die sie finden. Yeah, lecker.

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Schön geht anders: Haustein-Viadukt mit dem „zeitgenössischen“ neuem Anbau

Das Haustein-Viadukt war früher eingleisig, hübsche 12 Steinbögen überspannen das Kandertal und die Kantonsstraße. Dann musste die Strecke zweigleisig werden. Anstatt die Brücke zu verbreitern, schufen die Ingenieure Oswald Martinoia und Hans Wanzenried eine zweite Brücke 15 Meter daneben. Ihre geniale Idee: Die eckigen Stahlbeton-Stützpfeiler stehen parallel mit den gleichen Abständen wie die alten gemauerten Steinbögen. Hierüber kann man wohl geteilter Meinung sein. Aber schließlich hat Berlin mit der Umgestaltung des Potsdamer Platzes etwas ungleich Grauenvolleres geschaffen, dennoch stehen dort täglich Tausende Touristen mitten auf dem Radweg und starren fassungslos in die Höhe.

Hier dagegen ist es wunderbar ruhig. Die Spedition unter dem Viadukt hat wohl schon Wochenende, vereinzelte Vögel bezwitschern den nahenden Herbst, gelegentlich ein Auto auf der Kantonsstraße – und natürlich die tollen Brombeeren, die ohnehin von Natur aus sehr still sind.

Und nun gemächlich bergan, über blühende Almwiesen, an Bauernhöfen vorbei, dort taucht der Bahnhof Kandergrund auf, ein kaltes Bier jetzt?
Fehlanzeige. Kandergrund ist schon lange kein Haltepunkt mehr. Die Sonne brennt, ein Regio-Zug
nach Brig nähert sich gemächlich rauschend, Kräuter und Blumen erzittern kurz im Sog.

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Es gibt kein Bier in Kandergrund …
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… hier steigt niemand mehr ein …
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… die Natur erobert die Strecke zurück

Stille.
Himmlisch.
Weiter bergan, immer den Schienen nach.

Ähnlich wie die Gotthardbahn bei Wassen schraubt sich auch die Lötschbergstrecke hier mit Kehrtunneln auf drei Etagen hinauf. Der Wanderweg macht das nicht alles mit, kürzt mit beachtlichen Steil-Aufstiegen ab.

Am Bahnhof Mitholz, der ebenso verwaist vor sich hindämmert, bin ich schon ziemlich hoch. Unten auf der anderen Talseite ist der Not-Stollen zum Basistunnel der BLS zu entdecken. Eine Wanderung dorthin würde gewiss 40 Minuten dauern, keine Lust, verschlossen wird er ohnehin sein. Schließlich herrscht in der Schweiz Ordnung.

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Ja ja, die Nordrampe …
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… schlaucht ganz schön. Aber es gibt Wasser!

Auch die Felsenburg oberhalb Mitholz kann nicht ohne Weiteres betreten werden. Obwohl mir auf den letzten 10 Kilometern nur zwei Menschen begegnet sind, liegen hier drei Kühe auf dem Weg. Ihre Blicke sagen „Njet!“ Gutes Zureden hilft gar nix, stiefele ich halt um sie herum.

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Die Burgwächter

Wieder eine Burg, ebenso verfallen wie die Tellenburg bei Frutigen. Im Süden kann ich die letzte Hügelkuppe erkennen, hinter der Kandersteg liegt. Noch etwa 4 Kilometer.

Es ist spät geworden, ich freue mich aufs Abendessen, zuerst natürlich ein oder zwei Kübel. Einige Minuten noch genieße ich das Gefühl, Burgherr zu sein, hoch oben über den Gleisen und den Kühen. Eine wichtige Handelsroute wurde hier überwacht, Fürsten, Grafen, Lehnsherren residierten einst hier oben und ließen nicht jeden auf den Pass hinauf.

Nun stehe ich ganz allein hier in der Turmruine und habe noch läppische 4 Kilometer vor mir.

Die anderen sausen im Lötschberg-Basistunnel (34 km lang) mit bis zu 200 km/h durch die Schwärze ins sonnige Wallis. Sie sehen dies alles nicht.

Ja, da haben sie letztlich selber Schuld.
Ich mache mich mal auf den Weg.

Und siehe da: Die Kühe machen Platz.

8 Gedanken zu “Wir folgen jetzt einfach mal den Bahnschienen

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