Karpacz, die Gravitation und anderes

Wer Karpacz mit dem Berg „Schneekoppe“ verbindet, darf auch die weltberühmte „Gravitations-Anomalie“ an der Straße Strazacka nicht vergessen.

Dieses Phänomen war hier schon mal Thema. Dieses Mal jedoch bin ich nicht zu einem Kurztrip hier, sondern besuche die Straße Strazacka nochmals, weil sie einfach auf dem Weg liegt, wenn man die Schneekoppe bezwingen will.

Aber wieso fließt das Wasser dorthin?
Geht die Straße dort hinten nicht ein kleines bisschen bergauf?

Sie sieht an diesem Tag anders aus, als ich sie in Erinnerung habe. Noch immer rauscht die Lomnitz dort unten, noch immer führt das Sträßchen hinauf zum Skigebebiet. Aber irgendwie doch anders. So, als führte sie gar nicht bergauf. Aber auch nicht so richtig bergab. Im Gegenteil: Dort wo es eigentlich bergab geht, wirkt es, als ginge es da ein winziges Stück bergauf. Nach oben jedoch wirkt sie recht eben.

Ist dies nun die Stelle? Wo die Reisebusse den Leerlauf einlegen und das schwere Gefährt bergauf rollen lassen? Schwierig. Die Schwerkraft-Info-Schilder, die den Wanderer erschauern lassen, stehen am selben Ort. Aber die leere Plastikflasche, die ich rein zufällig dabeihabe, mag nicht richtig rollen. Weder bergauf noch bergab. Der Widerstand scheint auf dem grobporigen Asphalt zu groß zu sein. An einigen Stellen zumindest. Es bleibt seltsam. Irgendwas muss ich anders machen.

Abends im Hotel höre ich das Klackern der Billardkugeln aus dem Aufenthaltsraum. Und da kommt mir eine Idee …

Ich werde das hier nicht weiter ausführen. Ich wiederhole meinen Aufruf aus dem entsprechenden Beitrag, das Phänomen selbst zu erforschen. Schließlich hat Karpacz mehr zu bieten als rollende Dinge. Wobei das italienische Restaurant „Karpaczia“ mehr so unter „Na ja“ einzuordnen ist. Also vom Namen her, das Essen mag ja toll sein.

Toll finde ich auch die Idee, den örtlichen Kletter- und Hochseilgarten nach einem berühmten Zeitgenossen zu benennen.

Eine weitere Entdeckung nach einem mörderischen Schnee-Marsch auf dem Gebirgskamm und einem steilen, endlosen Fahrweg ins Tal: ein Parkplatz, auf dem ich die verdiente Brotzeit einlegen will. Das Schild an der praktisch nie befahrenen Straße nach Borowice und Karpacz Gorny erinnert mich jedoch kraftvoll an Deutschlands vergangene, aber nicht vergehende Geschichte.

Der steile Fahrweg, auf dem ich herkam, ist Teil der einstigen Spindlerpass-Straße, von Nazi-Deutschland 1938 nach der Annektierung der Tschechoslowakei begonnen. Eine Verbindung zwischen Schlesien und Böhmen erschien militärisch praktisch, und nach Kriegsausbruch schufteten sich hier Gefangene aus dem Lager Borowice (eben „Baberhäuser“) zu Tode. (Hier steht mehr.) Wer die Strapazen überlebte, wurde beim Näherrücken der Ostfront und Auflösung des Lagers erschossen.

40 davon liegen hier auf diesem einsamen Parkplatz im Wald. Auf dem mir mein Proviant-Brötchen, vom Frühstückstisch geklaut, nicht mehr so recht schmecken will.

Bildungsurlaub: Hier sind jede Menge Heilpflanzen ausgesät. Wichtiger Lernstoff für Naturhelden

Weiter, zu freundlicheren Sachen. Botanisch Interessierte haben vielleicht Freude an einem großen Garten, den ich auf meinen vielen Wegen finde. Die Nationalpark-Verwaltung hat hier die möglichsten Heilpflanzen, die an den unmöglichsten Stellen im Gebirge vorkommen, angesiedelt. Obwohl dort eine Frau in gelber Regenjacke emsig pusselt, kann ich unter den Tafeln kaum Pflanzen sehen. Vielleicht mögen sie das Wetter nicht. Ich könnte sie mir eh nicht merken und muss zusehen, dass mich auf dem weiteren Weg keine Krankheiten ereilen.

Schließlich will ich noch reich werden. Also südwärts, in Richtung der alten Bergbau-Minen. Eine Notiz aus dem 19. Jahrhundert weist mir den perfekten Weg:

„In Arnsdorf frag nach dem Weg zu Schneegruben nach Süden; Wenn du ihn entlang gehst, schau nach einem Spitzhügel /Pfaffenberg/, und wenn du ihn erreichst – lass ihn rechts, im Norden … Schau weiter nach einem Kamm, als ob er aus Steinen geschüttet wäre. Dort hat ein Fluss seine Quelle, der am Hang herunterfließt und dann sich in eine Talenge stürzt. Wenn du an diesem Felsenkamm ankommst, findest du Gold, Granate und Edelsteine …“

Einfacher geht’s doch gar nicht. Wer dann noch weiß, dass Arnsdorf heute das polnische Milkow ist, dem winken bald Reichtum und sonstwas.

Ich komme zwar nicht von Milkow, aber der richtige Weg könnte es sein. Und die alten Silberminen müssten dort oben sein, wo der Trampelpfad den Weg verlässt. Wie ich zumindest einen dieser Stollen dann finde, ist seltsam. Und wenig tarzanhaft.

Der Trampelpfad endet nämlich irgendwann. Und wie es mir so oft passiert, finde ich mich unversehens im steilen Hang zwischen lauter Bäumen und weiß eigentlich gar nichts mehr. Einer Eingebung folgend, schalte ich Google Maps ein. Eigentlich möchte ich nur wissen, in welchem Winkel, so ungefähr, ich mich zu Wanderweg und Bach befinde. Ah, da bin ich: ein blauer Punkt inmitten einer bildschirmfüllend hellgrünen Fläche. Sehr erhellend.

Doch was ist das?

Beim Näherzoomen taucht plötzlich das Symbol eines „Foto-Points“, oder wie das heißt, auf. Mit dem Zusatz „Stara sztolnia“ (alter Stollen)!

HÄÄÄH ???

Restaurantbesitzer, Blumenhändler etc. können ihre Läden auf Google Maps eintragen, sehr sinnvolle Funktion. Aber wer war das hier, am Steilhang, in der Einsamkeit, im dichten Wald?

Ein Marcin war’s, jemand hier aus Polen. Und in seinem Google-Vermerk zu seinem Foto-Punkt schreibt er „Teren dość trudny“ (ziemlich schwieriges Gelände). Sehr witzig, danke.

Marcin hat Hervorragendes geleistet, indem er diesen GPS-Punkt in die Karte gesetzt hat. Nach wenigen Schritten seitwärts, vor und zurück, weiß ich, in welcher Richtung ich den Stollen finde. Denn der blaue Punkt, meine eigene Position, bewegt sich gut sichtbar auf ihn zu oder von ihm weg. Und dann sind es auch nur noch knapp 20 oder 30 Meter. Ein Beweis, dass auch meine eigene „Blindkletterei“ gar nicht soooo, im Wortsinn, abwegig war.

… wurde einst Bergbau betrieben

Gewusst wo: Irgendwo da oben im Tann …

Und was ist nun in diesem Stollen? Tja: Wasser, Finsternis und eine massive Absperrung. Was beinahe zu erwarten war. Aber wichtig ist ja, dass ich ihn gefunden habe. Sie können mich gern für verrückt erklären.

Und jetzt geht es abwärts, zurück nach Karpacz. Heute ist, nach langer Corona-Auszeit, die „offizielle“ Öffnung der Außengastronomie. Ein großes Bier wartet im „Café Gracja“. Dort, wo auf der Terrasse immer so nette „Easy listening“-Musik läuft. Die schwer an Henry Mancini erinnert, es aber nicht ist. Noch so ein Karpacz-Rätsel.

Wollen Sie auch mal hin? Bitte sehr, Koordinaten 50,77*N, 15,75*O. Keine Angst, das ist nicht im Wald, das ist die Fußgängerzone. Nach Kaffee und Kuchen laufen Sie gern mal ein Stück bergan, zum Beispiel nach Karpacz Gorny, vielleicht zur Straße Strazacka, wo Sie ein Phänomen namens „Gravitations-Anomalie“ bestaunen können.

Aber eine dringende Bitte noch. Egal welche Farbe Sie gewählt haben: Bringen Sie die Billardkugel in Gottes Namen wieder ins Hotel zurück.

Ein Gedanke zu “Karpacz, die Gravitation und anderes

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