Am ersten Tag tut’s noch nicht weh

Zerschunden, schwer verletzt, zerzaust und komplett eingesaut versuche ich am dritten Tag zu analysieren, was ich hier in Bayern will.

Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Nach langer heißer Dusche, um die Knochen in Gang zu bringen, die Wunden zu säubern und munter zu werden, habe ich eine neue Hose und natürlich ein weiß-blaues Hemd an, um im Cafe „Nuss“ den bisherigen Bayern-Urlaub Revue passieren zu lassen.

Hier gelandet zu sein, also in Bayern (nicht im Cafe „Nuss“) hat wieder mal mit meiner Berg-Affinität zu tun. In dieser Hinsicht hebt sich Berlin bekanntlich eher sparsam vom blau-weißen Land um Berchtesgaden, Garmisch und Murnau ab. Genauer gesagt hebt sich Berlin eher so gar nicht, von den Müggelbergen im Osten und dem Teufelsberg im Westen abgesehen.

Das Dörfchen Grainau dagegen hat feines Bier, die Zugspitze und gefrorene Butter zu bieten.

Die gefrorene Butter gehört nach meinem Dafürhalten nicht an den Frühstückstisch, sondern ins Gefrierfach. Aber wer wird denn meckern, wenn er im geliebten bergigen Bayern ist? Wegen so einer Kleinigkeit?
Zumal es ja keine Kleinigkeit ist, sondern offenbar europäischer Weltstandard unter allen Menschen, so wie ein „Guten Tag“ oder ein „Danke sehr“.

Als Vielgereister weiß ich genau: Der Kaffee ist heiß, der Tee ist heiß, Schinken und Orangensaft sind kühl, die Butter ist gefroren.
Es ist also allgemeiner Standard, um nicht zu sagen Pflicht, und dass ich einsame Einzelperson es nicht begreife, wird die Welt kaum von dieser starren Regel abhalten können.
Erst mal Kaffee, heiß wie er soll, und die tiefgefrorenen Butterpäckchen etwas an der Tasse drapieren, dann geht das schon. Kein Grund zur Aufregung. Schließlich ist es immer und überall so.

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Eine klare deutsche Ansage. Hobt’s mi?

Auch in Bayern. Rein solidarisch wollte ich das geschundene Land nach dem verheerenden CSU-Debakel vom Sonntag trösten. Ist aber nicht nötig, es scheinen alle auch zu Wochenbeginn am Montagnachmittag recht fröhlich zu sein. Prost übrigens.
Erzählungen aus der Berliner Politik spare ich mir da mal, was können denn die Leute hier dafür?

Schaun mer mal, was die Berge so sagen.

Ein Spaziergang zum Badersee, quakende Enten, dicke Fische im klaren flachen Wasser. „Bootfahren zurzeit wegen flachem Wasser nicht möglich.“. Der Sommer. Der lange heiße Sommer. Man muss nichts vermissen, kann den Mini-See ohnehin in fünf Minuten zu Fuß umrunden. Aber das Hotel am Ufer will den Gästen etwas bieten.

Also weiter durch Wälder und Wiesen zum Eibsee.

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Ja, was denn nun? Die Entscheidungsschwäche ist wohl symbolisch für ein gerade tief gespaltenes Land

Die neue Seilbahn zur Zugspitze kann mit gleich drei Weltrekorden aufwarten: „Die beiden bodentief verglasten Großraumkabinen bieten jeweils Platz für bis zu 120 Personen und können bis zu 580 Personen pro Stunde ohne Wartezeiten auf den Gipfel befördern. Dabei passieren sie die mit 127 Metern weltweit höchste Stahlbaustütze für Pendelbahnen, überwinden den weltweit größten Gesamthöhenunterschied von 1.945 Metern in einer Sektion sowie das weltweit längste freie Spannfeld mit 3.213 Metern.“ (Quelle: Zugspitze.de).

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Der Superlativ-Mast der nicht fahrenden Zugspitz-Seilbahn

Allerdings fährt sie nicht. Nach einem Unfall im September laufen langwierige Instandsetzungsmaßnahmen, was ganz schnell mal an einen Flughafen 650 km nordöstlich erinnert.

 

 

Zur Akklimatisierung plane ich mal, zur sehr höher gelegenen Zahnradbahnstation „Riffelriß“ (die Bayern wollen hier ein „ß“ haben) zu laufen. Ich wähle die grüne Skipiste. Die mörderischen 650 Höhenmeter sind so nach knapp 1 3/4 Stunden geschafft. Nicht schlecht für einen Flachland-Preußen, und nichts tut irgendwo weh.

Doch, es tut was weh: Ein Zug von unten hält kurz und zischend, der Fahrer raucht eine, lässt einige Chinesen am Gleis Selfies schießen, schiebt sich dann brummend in die Tunneleinfahrt, um sich nun im Berginneren in die Höhe bis aufs Zugspitzplatt zu schrauben.

Doch was ist das? Das tut ja weh! Als die Waggons in der Schwärze verschwunden sind, schiebt sich surrend ein riesiges Stahltor am Tunnelmund quer übers Gleis, rastet klickend ein – und Stille ist.

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Sonderweg Bayern: ein Versal-„ß„…
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… und ein verriegelter Tunnel

 

 

 

 

 

 

 

 

Was soll das denn?

Wenn nun ein Brand ausbricht (ich sage nur: Kaprun), dann will es wieder niemand gewesen sein. Seltsames Deutschland.

Auch die Schweizer Jungfraubahn hat Tore vor ihrem Tunnel am Eigergletscher. Die sind allerdings nur in strengen Wintern zu, um Schneestürme und Eisbildung drinnen abzuhalten. Einen Notausgang gibt es außerdem, am Klettersteig zum Rotstock (aber das bleibt unter uns). Da es nicht Deutschland ist, kann man von außen wie von ihnen problemlos den Riegel umlegen, durch die Öffnung steigen und den Tunnel, der gleich hinter der Fels-Außenwand liegt, besuchen.
Nein, ist nicht so gefährlich: Vorm Gleis liegt noch ein größerer Abstellraum für technisches Gerät etc. Nur so nebenbei.

Aber was soll der Unfug, den Zugspitztunnel nach jedem Zug automatisch zu verschließen bzw. zu öffnen, wenn sich ein Zug aus dem Berginneren nähert? Glauben die etwa, jemand würde in den Tunnel laufen? Welch absurde Idee!
Aber manchen Leuten ist ja alles zuzutrauen.

Nun mal Richtung Heimat, gleisabwärts. Ich stoße auf noch einen kleinen Tunnel, der unter einem Felssporn hindurchführt. Schutznischen kann ich neben dem Gleis nicht erkennen. Aber eine Mutprobe ist unnötig, da man den Felsrücken über dem Tunnel in weniger als zwei Minuten überklettern kann.

Nun geht’s zügig abwärts, und noch immer tut nichts weh. Ich muss wohl sehr sportlich sein.

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Tolle Herbstfarben im Hochwald muntern auf dem langen Rückmarsch auf

Nur diese seltsame Tunnel-Mechanik geht mir nicht aus dem Kopf. Am Lötschbergtunnel,  der nun echt lang ist, würde niemand an den Einbau eines solchen Automatik-Tors denken. Wer so eine Idee vorschlüge, müsste im Gegenteil wohl ernsthaft um seine Freiheit bangen.
Aber der Lötschbergtunnel liegt in der Schweiz. Und die hat ja bekanntlich, neben der Abwesenheit von Schwachsinn, Deutschland noch einiges anderes voraus.

Und Durst habe ich auch.

Ich denke, ich werde im „Cafe Nuss“ mal die Notausgänge überprüfen.

2 Gedanken zu “Am ersten Tag tut’s noch nicht weh

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