Im Heuscheuergebirge

Heuscheuergebirge also. Hat man je von diesem seltsamen Höhenzug gehört? Also ich nicht.

Meiner Begleitung Frau Hiob ist es zu danken, dass ich in dieser entlegenen Gegend, den schlesischen Sudeten, gelandet bin. Sogleich ist meine Neugier entfacht, denn das ist Sinn des Reisens, oder sagen wir meiner Reisen. Unbekanntes zu erforschen, wenn es gleich noch ein Gebirge mit solchem Namen ist, umso besser.

Im österreichischen „Toten Gebirge“ war ich noch gar nicht, im „Steinernen Meer“, das sich von jenem Nachbarland aus ins Berchtesgadische hinüberzieht, respektvoll erst zwei-, dreimal. Beides kann ich mir pandemie-bedingt zurzeit abschminken, außerdem ist es dort unten noch zu kühl.

Dieser Märztag aber hält so freundliche Sonne bereit. Da muss ich ins Heuscheuergebirge. Den unerbittlichen Kampf mit den Elementen, Felswüsten und Höhenmetern aufnehmen.

Schon gut. Es sind nicht die Alpen, die da hinten am Horizont aufragen. Aber ein paar Stunden habe ich, während Frau Hiob sich im Skigebiet Zieleniec wedelnd verlustiert. Die absolut nicht verlernten Skikünste habe ich ja schon bewiesen, nun ist etwas anderes dran. Das Heuscheuergebirge!

„Diese Felsenreihe erstreckt sich ohnegefähr acht bis zehn englische
Meilen weit, und ihr Unfang ist so wie ihr Ende so schroff und steil,
daß sie wie die Krone auf dem Haupte des Berges erscheint, auf dem
sie steht, und der übrigens nicht höher als diejenigen Berge ist,
die an beiden Seiten der Heuscheuer hinlaufen …“

Wahrlich aufwühlende Worte. Vom späteren US-Präsidenten John Quincy Adams in seinen „Letters on Silesia“ von 1800/1801. Sonnenklar: Da muss ich hin!

Ein „originell gestaltetes“ Gebirgsmassiv in den Mittelsudeten mit
den einzigen Tafelbergen Polens (Foto: http://www.pngs.com.pl)


Mit dem Wagen von der Hauptstraße weg, nördlich in die Wildnis, da wartet schon die erste abenteuerliche Bewährungsprobe. Die Bahnstrecke nach Kudowa Zdroj kreuzt die Straße, und da ist keine Schranke, kein Wärterhaus und kein Warnlicht. Also Gas weg und aufmerksam schauen.

Oha. So was sah ich zuletzt 1990 irgendwo im Erzgebirge, als die DDR in ihren letzten Zügen lag. Züge, haha. Und damals blinkte es auch ordentlich deutsch und rot.
Hier jedenfalls kommt gerade keiner der tückischen leisen Triebwagen, die ich in Polanica Zdroj sah. Also weiter, hinauf. Ins Heuscheuergebirge.

Auf sagenhaften 790 Meter Höhe erreiche ich den Fuchsenpass. Der Waldparkplatz ist leicht zu übersehen, ebenso leicht kann ich aber auf der menschenleeren Straße rückwärts da reinfahren. Ist auch frech gemacht: Wer auf der Nationalparkstraße von Westen kommt, kann da eigentlich nur rückwärts reinfahren. Möchte nicht wissen, was hier im Sommer bzw. zu „Normalzeiten“ los ist.

Eine der Verhaltensregeln im Nationalpark: „Klettere ethisch“. Hm

Nicht meckern. Ich bin ganz allein hier oben. Mit einer leeren Landstraße und einer Info-Tafel. Sollte ich einem Bären oder Luchs oder sonstigem fremdsprachigen Getier zum Opfer fallen, wird man sich eines Tages über das deutsche Auto wundern. Auch Frau Hiob wäre ungehalten. Weil sie dann den Bus nehmen muss oder so.

Ach ja, Frau Hiob. Die möchte ich nachmittags im Skigebiet einsammeln. Da könnte man doch mal losmarschieren, Bären und Luchse bewundern.

Nach mäßigem Aufstieg durch Schneereste und Wald begegnet mir tatsächlich ein Hund. Samt Frauchen. Also nichts Wildes, alle drei sind wir freundlich.

Hoch oben auf den Felsen, am „Naroznik“, geht der Blick weit ins Land. Und er fällt auf eine Gedenkstätte für, wenn ich das richtig entziffere, zwei Studenten, die hier beim Klettern verunglückt sind. Die bizarren Gesteinsformationen hier sind ein Eldorado für Alpinisten. Aber wenn man nicht „ethisch“ klettert, wie das Schild am Parkplatz befiehlt, kann es unethisch enden.

Weiter, über Stock und Stein. Ich versuche, dem Weg zu folgen, aber immer wieder verleiten Trampelpfade zur Felskante. Wobei die Ausblicke auch nicht anders als der erste sind.

Auf dem abwechslungsreichen Hochplateau taucht ein nett geschnitztes Schild auf: „Polanica Zdroj 3h 40“. Ach, sieh an. Fast in der Nachbarschaft. Jetzt geht es aber darum, einen großen Rundkurs zu halten und den Parkplatz wiederzufinden. Am besten noch mit dem Auto drauf. Schon gut, politisch unkorrekter Scherz.

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Keine nassen Füße: Ein Bohlenweg führt quer über das Hochmoor

Der Weg hält dann noch einige Überraschungen bereit. Zum Beispiel zwei Wanderer, die mir – mit respektvollem Abstand natürlich – begegnen. Das sind dann jetzt schon, binnen zwei Stunden, vier Lebewesen insgesamt. Ich denke an die Touristenkarawanen im heimischen Berliner Kiez und beschließe, dass dies durchaus tolerabel ist.

Der Weg ist hervorragend markiert, wie auf der Karte am Parkplatz (die ich als Handyfoto nun dabeihabe): Blau, Gelb, Grün. Es ist etwas Felskletterei dazwischen, macht mir doch nichts aus. An einer etwas schwierigen Stelle hat man sogar höflich eine Holztreppe angelegt, die geradewegs in den Himmel zu führen scheint. Ich nehme die mal. Nur um die Fürsorge etwas zu belohnen, versteht sich.

Mit diesem Handyfoto tapere ich durch die Wildnis. Wer genau hinsieht, erkennt am „Naroznik“ den Gedenkort für die abgestürzten Studenten. Kann auf der Treppe natürlich auch passieren

Uff, die Straße. Noch 500 Meter.

Natürlich ist das Auto noch da. Es sind sogar zwei mehr geworden. Wo mögen die Insassen sein? Bestimmt am „Naroznik“ oben, da schauen sie ins Land hinein.

Beschwingt steuere ich den Wagen durch sonnenbestrahlte, aber geisterhaft leere Dörfer zurück. Achtung, da kommt ja der Bahnübergang. Statt auf eine nicht vorhandene Ampel schaue ich aufs Gleis. Zack, schon überlebt. Auf diese Weise könnten in Berlin auch eine Menge anderer Leute überleben. Da schaut ja auch keiner auf die Ampel. Auf die Fahrbahn aber dummerweise auch nicht.

Das war mal ein feiner Tag da oben. Gut, es war nicht die Schneekoppe. Den sagenhaften 1600-Meter-Berg, undeutliches Vorhaben noch vor einiger Zeit, spare ich mir auf. In der Hoffnung, dass die Pandemie-Lage sich nicht noch mehr verschlimmert. Und kleine unauffällige Reisen wie diese möglich bleiben.

Vorerst war ich ja nun im Gebirge. Im Heuscheuergebirge.

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2 Gedanken zu “Im Heuscheuergebirge

  1. Pingback: Nur ein Städtetrip – TarzanUnterwegs

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