Die Elbe hinauf oder eher Zur Elbe hinauf

„Wem die Elbe nichts sagt, dem sagen auch Rhein, Donau, Ganges und Mississippi nichts.“
(Gorch Fock, 1880-1916)

Wo entspringt denn dieser mächtige Strom? In der Schule haben wir es (hoffentlich) alle brav gelernt: im Riesengebirge, in der „Tschechei“. Also unzugänglich. Irgendwo hinter dem „Eisernen Vorhang“. Und ebenjener, entstanden aus dem Wirken des größten Feldherrn aller Zeiten, trennte den Strom auch auf seinem langen Lauf durch Deutschland von den „Wessis“.

Erst in Lauenburg, auf der Brücke kurz vor Hamburg, konnte man dann ehrfurchtsvoll über die grüne Marsch schauen, wo nach wenigen Hundert Metern die „Soffjetzone“ begann. Die Städte flussaufwärts, Wittenberge, Magdeburg, das geschichtsträchtige Torgau, Dresden gar, all das kannte man, wenn überhaupt, nur aus dem Geografieunterricht.

Vorbei, diese Zeit. Die Quelle der Elbe kann man jetzt problemlos besuchen. Etwas Kletter-Kondition vorausgesetzt. Versucht hatte ich es schon mal, vom nun tschechischen (nix da mit „Tschechei“) Spindlermühle aus. Ja, das scheiterte, ist ja unter dem Link nachlesbar.

Und nun bin ich wieder im Riesengebirge. Auf der polnischen Seite. Und das ganz in der Nähe der Elbquelle. Die auf tschechischem Gebiet liegt. Was völlig egal ist. Den „Eisernen Vorhang“ gibt es nicht mehr. Und im Übrigen waren es ja sozialistische oder kommunistische, wer weiß das schon, „Bruderstaaten“. Und dass man dort oben im Schnee mal eben unerkannt die Staaten wechseln kann (oder es ganz unbeabsichtigt auch tut), weiß man aus Polanica Zdroj oder der Bezwingung der Schneekoppe.

Na denn: Was hindert mich, jetzt einen alten Plan, den Besuch der Elbquelle, zu verfolgen? Bei der Schneekoppe hat es ja auch geklappt. Was hindert mich also? Ganz kurz: Schnee, Selbstüberschätzung und monströse Entfernung.

Die App „komoot“ hat mir einen genialen Weg gezeigt. Es sind vom zurzeit „heimischen“ Karpacz aus mehr als 17 Kilometer, zu meistern bei veranschlagten 3 km/h pro Stunde in mehr als fünf Stunden.

Bravo. Und dann?

Klar, ich habe die Tour wieder mal maßlos überschätzt. Und da ich als erfahrener Riesengebirgskamm-Wanderer nun mit den Schneeverwehungen dort oben vertraut bin, tue ich etwas, wofür mich eine mögliche Kanzlerin Baerbock in Berlin recht bald ins Gefängnis stecken würde.

Die (zeitweilige) SkipisteLolobrygida

Ich lasse den Motor meines Fahrzeugs an und fahre viele Kilometer durch die südpolnischen Dörfer nach Sklarska Poreba, für Revanchisten gerne auch Schreiberhau genannt. Von hier aus sollte der Aufstieg kürzer sein. Und hier habe ich anno 2017 die legendäre Skipiste „Lolobrygida“ kennengelernt. Sehr weiß, sehr gefährlich.

Ein Parkplatz, ganz in der Nähe der Liftstation. Es ist 10.30 Uhr. Da vorne, nach halb rechts, führt eine Sandpiste neben dem Grün in die Höhe. Die „Lolobrygida“.

Leicht bewegt bin ich. Es ist so lange her. Damals, vor vier Jahren, war alles weiß, quirliger Skibetrieb. Ich wandere einfach mal mit meinem geliebten Stock, vor Jahren irgendwo in der Natur aufgesammelt, emsig bergan. Gegen Mittag müsste ich die tschechische Grenze erreichen. Wenn kein Nebel aufkommt.

Die Nationalpark-Verwaltung ist nicht auf meiner Seite. Als ein Wanderweg kreuzt, darf ich die grüne Skipiste nicht weiter besteigen. Welch sexistischer Ausdruck überhaupt, wenn man die „Lolo“ hinaufklettert. Scusa, Gina „Nazionale“.

Macht nichts, ich muss mich ohnehin eher südöstlich halten. Und bald steht ein „Ranger“ vor mir. Er möchte nur Geld, den Eintritt in den Nationalpark halt. Diese 8 Zloty, nicht mal 2 Euro, sind völlig in Ordnung, schließlich gibt es Wege-Instandhaltung, hier und da nette Info-Tafeln und ordentliche Markierungen, sodass sich nur Verrückte (wie ich) verirren können. Und für den Nebel kann die Nationalpark-Verwaltung ja nichts.

Bei freundlichem Wetter geht es weiter aufwärts, der Elbquelle entgegen. 1000 Meter, 1100, 1150 …

Die Hütte „Pod Labskim Szczytem“ liegt verlassen auf 1168 Meter. Und eben weil oder obwohl sie verlassen ist, verlasse ich hier den markierten Weg, weil ich erstens verrückt bin und zweitens viel Erfahrung mit Abkürzungen habe. Trittspuren im Schnee und Stangen führen mich hinauf zur Staatsgrenze, über 1400 Meter hoch.

Die Grenzkontrollen hier oben in der Wildnis sind recht lasch, schließlich geht es nur von einem sozialistischen oder kommunistischen, wer weiß das schon, „Bruderstaat“ in den anderen. Oder von einem Hochinzidenz-Land ins andere. Oder einfach nur von Polen nach Tschechien.

Ich bin fast da.

Anmeldepflichtige Waren dabei? Hier oben fragt niemand

An einer Art Galgen der Wegweiser: „Pramen Labe 0,5 km“. Ein vorsichtiger Schritt über die Staatsgrenze. Da ist das Schild: „POZOR! STATNI HRANICA!“ Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Habe ich hier vor Jahren, nach erfolgloser Suche der Elbquelle, schon einmal gestanden? Im tiefen Schnee? Damals war hier ein Drahtzaun. Glaube ich.

Jetzt aber mal los, diese letzten läppischen 500 Meter. Die letzten Meter zu einer Geburt. Der Geburt eines Flusses.

Es ist neblig auf der Hochfläche, doch immer wieder reißen die Wolken auf, geben schließlich den Blick auf die Stelle frei. Den wohl einsamsten Ort der Welt. Eine Sitzbank, darunter deutsche Städtenamen, halb vom Schnee verweht: Otterndorf! Ja, das ist schon fast an der Nordsee. Wittenberge, dieser trübe Bahnhof in der Prignitz. Und Lauenburg! Andere Städte-Schilder, wie Meißen, oder Melnik, sind vom gefrorenen Schnee verdeckt. Und da ist ein feines Gluckern.

Es ist totenstill, hier auf 1380 Meter Höhe. Irgendwo hier habe ich mich damals fast verirrt im Weiß, konfus von unzähligen sich kreuzenden Skilanglauf-Spuren. Heute ist weniger Schnee übrig, die Wege sind zu erkennen, zwischen Moos und Flechtern. Und da ist dieses feine Gluckern.

Da kommt sie ans Licht: die Elbe!

Man muss schon in die Knie gehen, sich tief hinunterbeugen, ganz dicht dran, um zu sehen, dass sich das winzige Rinnsal unter der Holzbank mit den Städtewappen bewegt. Tropfen für Tropfen. Und dann verschwinden die Tropfen unter dem Schnee. Wohin? Ach, dort drüben. 20 Meter entfernt hat sich ein Tümpel gebildet, auch hier stehen Sitzbänke. Da kommt sie wieder unter dem Schnee hervor, sichtbar, fließend, kraftvoll. Der Beginn ihrer über 1000 Kilometer langen Reise, immerzu bergab, durch drei Länder.

Drei? Unfug, natürlich sind es nur zwei. Die „DDR“ gibt es ebensowenig mehr wie den „Eisernen Vorhang“. Anderenfalls könnte ich hier kaum sitzen und die Geburtsstätte der Elbe bestaunen. Und irgendwo auch begeistert von mir selbst sein. Das zweite, lang mit mir herumgetragene Vorhaben ist innerhalb eines Urlaubs geglückt. Die Schneekoppe bezwungen, die Elbquelle gefunden.

Kein anheimelnder Ort heute.
Aber Hauptsache, ich war da

Es wird Zeit für den Rückweg, die Sonne, so sie sich mal blicken lässt, wandert gen Westen. Und als ich an der kleinen Rechtskurve des Wanderwegs Richtung Polen bin, ist der kleine Tümpel schon wieder im Nebel verschwunden.

Die Elbe wird ihren Weg machen. Gute Reise, Madame!