Mineralisches und Glühwein am Holztisch

Ich bin dann einfach mal weg.

Natürlich ein unerhörtes Vorhaben in diesen Zeiten. Das ich ja auch entsprechend scharf kundgetan hatte. Wenn mein Tonfall über die (vermuteten) seltsamen Lockdown-Ambitionen der Kanzlerin Unmut hervorrief, dann kann ich es auch nicht ändern.

Genugtuung bereitet, dass ich offenbar nicht der Einzige mit dieser Vermutung bin (Foto rechts). Und über einen Rücktritt ist anderswo mehr oder minder Lautes zu hören, da trete ich, äh, halte ich mich zurück.

Wir, die altbekannte Frau Hiob und ich sind entschlossen, das seit über vier Monaten recht ungastliche Deutschland recht bald zu verlassen. Gen Südosten, Richtung Cottbus/Forst. Und, wie wir erst später erfahren, ist dazu auch gar nicht mehr viel Zeit …

Die polnische „DK 18“ hat sich von einer erschütternden (!) Rumpelstrecke in eine angenehm glatte Piste verwandelt. Man darf dennoch für ca. 35 Kilometer nur 70 km/h fahren, da die zweite Spur noch in Bau ist. Und „in Bau“ darf man im Gegensatz zum deutschen Wort „Baustelle“ wörtlich nehmen, so, diese Spitze musste sein.

70 km/h ist nicht sonderlich schnell, und eigentlich möchte ich das Limit beachten, zumal ja schon das Verlassen des Merkel-Geheges Berlin ganz ungehörig ist. Aber nachdem mein Vordermann bald am Horizont kleiner wird und sich hinter mir Hintermänner ansammeln, finde ich einen akzeptablen Tempo-Kompromiss.

Schlesien. Der „Glatzer Kessel“. Berge.

Das Hotel im Kurort Polanica Zdroj empfängt ebenso freundlich wie das ganze Städtchen selbst. Natürlich herrscht hier kein praller Trubel, Abstands- und Maskenregeln werden genauso beachtet, wie das auch vereinzelt Leute in Berlin tun. Aber ein prachtvolles Büfett, wo einem behandschuhte KellnerInnen alles reichen, worauf man deutet, ist besser als gar kein Büfett.

Und vor allem zeigt es, was mit minimalem Nachdenken, Abstandsregeln, Masken und Handschuhen in Hotels alles möglich ist. Sofern sie nicht in Deutschland liegen, natürlich. Jenen nämlich nutzt ein Desinfektionsständer in der Lobby wenig, solange die verordnete Marschroute „Dauerschließung und Insolvenz“ lautet. Gut, dass wir – wenigstens für ein paar Tage – diesem Irrenhaus entfliehen konnten.

Die Enten haben großen Spaß an den Stromschnellen

Deutschland – also Westdeutschland – ist beruhigend weit weg

Die erste Gastlichkeit erleben wir im Kurpark, und zwar innen, nicht zum Mitnehmen. Das prächtige Haus „Pijalnia“ („Pumpenraum“) ist sozusagen um die Mineralquellen herum errichtet. Freundliches Plätschern aus vier sehr alten Hähnen. Daran zu schlürfen ist auch in Nicht-Corona-Zeiten unangebracht, für umgerechnet 45 Cent erstehe ich einen Pappbecher, dann kann ich mich aber auch unbegrenzt bedienen.
Das wäre mal ein tolles Modell für einen Biergarten im Tiergarten. Ach so, der liegt ja in Berlin, da geht es natürlich zurzeit nicht, sonst greifen Polizei und Staatsschutz ein.

Hier in Polanica Zdroj, wenn auch früher deutsch („Bad Altheide“), ist man frei von solch Kinderei, also lange ich zu. Erst mal das warme Wasser. Es schmeckt nach relativ gar nichts, ist aber wohl mächtig gesund. Nun zum kalten, die drei anderen Hähne spenden es. Oooh! Feines, unverkennbares „Brizzeln“ von leichter Kohlensäure. Der Gourmet meint, auch Spuren von Kalium zu erkennen.

Solcherart gestärkt, klappt ein Marsch durchs Dorf, über die Brücke und die wilden Wasser der „Bystrzya Dusznicka“. Vor einem Lokal in der Ladenstraße sitzen zwei Männer bei Glühwein am Holztisch. In Deutschland geht Glühwein am Holztisch wegen großer Gefahr gar nicht, hier im Sudetenland bedeutet Glühwein am Holztisch weniger oder gar keine Gefahr, daher genehmigen wir uns auch Glühwein am Holztisch.

Aufgepasst! Gleich dreimal hat sich an diesem alten Haus der einstige deutsche Ortsname versteckt

Wie das geht? Maske auf, rein ins Lokal, zwei Glühwein bestellen, raus damit an den Holztisch. Ziemlich simpel eigentlich. Genau das, einen Hauch Normalität, wollten wir mal wieder erleben, wie ich hoch emotional und boshaft im letzten Blog ankündigte. Peinlich, dass man dafür fast 400 Kilometer fahren muss.

Aber so sind die Zeiten. Und da sich so einige Leute in Deutschland nicht disziplinieren können, ist die Regierung in ihrer Hilflosigkeit gezwungen, den Lockdown fortzusetzen.

Uns ist es vorübergehend herrlich wurscht. Wir haben Urlaub. Wir fahren Ski.

Ja, tatsächlich. Knapp 20 Kilometer vom Rand der erwähnten „Glatzer Mulde“ aus geht es nahezu schweizerisch aufwärts zur Ski-Arena Zieleniec. Der langgestreckte Ort ist nicht St. Moritz und auch nicht Serfaus, aber Lifte und Lokale gibt’s. Wenig Verkehr auf der einzigen Straße, für eine Frau wohl zu wenig. In der verschneiten Kurve nestelt sie mitten auf der Fahrbahn an ihren Skistiefeln und dem Kinderwagen gleichzeitig. Frau Hiob, impulsiv wie so oft, drückt während meiner Stotterbremsung auf die Hupe, was mir gar nicht gefällt, da ich nie hupe. Aber nun weiß ich wenigstens, dass sie funktioniert.

Mindestens den Himmel hat sich das kleine Zieleniec eindeutig von St. Moritz abgeschaut

Probieren wir mal den ersten Lift. Nach einigen Abfahrten verkünde ich Frau Hiob stolz, dass ich noch kein Mal gestürzt bin. Ich kann es also noch, kein Wunder, habe bei jemand namens Sailer in Kitzbühel gelernt.
Ausgerechnet als ich in ihrem Blickfeld bin, passiert es dann doch: Eine Bodenwelle, abgeschaut vermutlich von der gar nicht so weit entfernten „Lolobrygida“-Piste, lässt mich ordentlich Schnee schmecken.

Gefahr also auch hier mitten auf der Abfahrt, nicht nur oben an der Bergstation. Dort nämlich liegt nur wenige Meter entfernt die tschechische Grenze. Die Todeszone. Hochinzidenz- und Virus-Mutationsgebiet. Eigentlich kann man hier bequem durchs Grün bzw. Weiß frech von Staat zu Staat wandern. Was wohl auch weniger bedenklich ist als die drollige Idee eines Alpenorts, von der ich im Winter las. In eine Ski-Gondelbahn, sonst für 80 Personen zugelassen, sollten pandemiebedingt nur noch 65 einsteigen.

Na ja. Zyniker könnten sagen, dann sind ja 15 gesund geblieben. Aber letztlich stand und steht seit einem Jahr ganz Europa, die ganze Welt vor einer so noch nicht gekannten Herausforderung. Das Jahr war geprägt von Angst, von Verwirrung, von Maßnahmen, der Zurücknahme dieser Maßnahmen, von Versuch, von Irrtum, von Ratlosigkeit und erneuten Maßnahmen.

Hier, tief versteckt in den Sudeten, hat man offenbar seinen Rhythmus gefunden, eine Balance zwischen dem, was machbar ist und dem, was nicht so gut geht. Eine Balance zwischen Vorsicht und Freiheit. Es fühlt sich gut an.

Wir bleiben vorsichtig. Frau Hiob will morgen noch mal Ski fahren. Und ich werde ins Gebirge gehen. Es fühlt sich gerade alles gut an. Es wird nur noch wenige Tage so sein.

Aber das wissen wir an diesem Tag noch nicht.

Das Eisenbahnviadukt südlich des Ortes mag etwas idealistisch auf Aquarell gebannt sein …

… das ist aber kein Grund, nicht einmal dorthin zu wandern