3,60 Euro für Olaf Scholz

Seit Kurzem habe ich gewisse Hochachtung für die Damen und Herren im Supermarkt meines Vertrauens. Ja, da sitzen Damen und Herren im Wechsel an der Kasse. Ich sage nicht „Herr*innen“, auch wenn das neuerdings so manche Gender-Fanatiker wünschen. Es ist erstens Schwachsinn und führt im Fall von „Herr*innen“ auch auf ein völlig falsches Gleis.

Die Damen und Herren bewundere ich also für ihre Engelsgeduld, wie sie nach ihrem „Zwölf Euro dreiundzwanzig bitte“ ca. 20-mal pro Tag zuschauen müssen, wie die Kunden in ihrem Gepäck nach der Geldbörse suchen. Dazu noch die Blicke der nächsten Kunden im Nacken, die wissen, dass man beim Einkauf bezahlt. Und eben nicht bei den Worten „Zwölf Euro dreiundzwanzig bitte“ bass erstaunt sind. (Gruß an Seppo!)

Ungleich öfter aber, so ca. 10.000-mal, vielleicht geringfügig weniger, fragen sie: „Sammeln Sie Punkte?“ —
„Nein.“
„Haben Sie eine Payback-Card?“ —
„Nein.“
„Möchten Sie den Bon?“ —
„Nein.“

Möchten Sie einen Bon?

Das ist doch furchtbar. Und macht wiederum mich bass erstaunt. Ebenso, dass die wenigen, die ihren Kassenbon doch mitnehmen, ihn sofort draußen auf den Boden werfen, sodass man vor den Einkaufswagen knöcheltief in den Papierschlangen watet.

Wäre hier nicht eine Art „Opt-in“-Verfahren sinnvoll? Wir kennen das aus dem Internet: Nur wer ausdrücklich ankreuzt, dass er den Newsletter will, kriegt ihn auch. Auf die Supermarktkasse bezogen hieße das: Nur wer klar sagt: „Ich will Punkte“, kriegt sie auch. Die anderen eben nicht. Und die Herrin, sorry, der Mensch an der Kasse müsste sich nicht immerzu den Mund fusselig reden.

Und die Kassenbons? Ein Problem von oben seit dem 1.1.2020. Es handelt sich um die „Belegausgabeverpflichtung“ im Rahmen des „Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen“. Die Folgen sehen wir draußen an den Einkaufswagen. Knöchelhoch.

Auch darauf müsste ich den Bundesfinanzminister Olaf Scholz ansprechen. Ich will ohnehin zu ihm, er kriegt noch Geld von mir. Glaube ich.

Das kam so, weil ich ungewollt zu einem Mitspieler der globalen Hochfinanz wurde. Die „feindliche Übernahme“ eines kanadischen Röhrenkonzerns drohte. Der Angreifer musste jedoch zunächst an mir vorbei, bot mir an, besser: flehte darum, meine Aktien zu kaufen. Nach diversen Umrechnungen Canada-Dollar/US-Dollar/Euro fand ich das Angebot eine Frechheit. Ich warf die Aktien ebenso frech auf den Markt – mit ansprechendem Gewinn.

Natürlich griff Olaf Scholz zu, verleibte sich 25 % „Kapitalertragsteuer“ ein. Er ist ja ausgewiesener Fachmann für kanadische Röhrenhersteller, wollte also was abhaben. Na gut, verziehen. Schließlich gilt bei der Steuer das „Welteinkommensprinzip“. Das ja einst Uli Hoeneß in der Schweiz zum Verhängnis wurde. Auch wenn er gar nichts Unrechtes tat. Zumindest nicht nach Schweizer Recht. Sein Verbrechen war, dass er Deutscher ist.

Modell Hoeneß. Hier ist Geld in der Schweiz versteckt

Um nicht wie Hoeneß verhaftet zu werden, gehe ich also freiwillig zum Finanzminister Olaf Scholz. Mit 3,60 Euro im Gepäck. Diese Dividende des kanadischen Röhrenherstellers kassierte ich nämlich, als ich dessen Aktien schon nicht mehr besaß. Und da bei mir Ordnung herrscht (ich werfe auch keine Kassenbons auf den Supermarkt-Parkplatz) will ich dieses Geld lieber abgeben, bevor es Ärger gibt.

Wilhelmstraße. Finanzministerium.

Da vorn an der Ecke hat mich vor Jahren sein Amtsvorgänger, Wolfgang Schäuble, mit seiner Limousine bös auf dem Rad geschnitten. Ich habe großen Respekt vor Schäuble und seiner Lebensleistung, aber diese wenigen Hundert Meter hätte er auch ohne seinen ruppigen Fahrer zurücklegen können. Ich weiß das, weil ich ihn kurz darauf an seinem Ziel aussteigen, also, na ja, den Wagen verlassen sah.

„Guten Tag. Ich möchte gern zu Herrn Scholz.“

„Ja, gerne. Wir haben drei: Christian in Zimmer 522, Klaus in 317 und Wolfgang in 208.“

„Ich meinte Olaf. Ihren obersten Dienstherrn.“

„Ach soooo. Das ist dieser … dieser … äh, Minister? Fragen Sie mal im 1. Stock.“

Hm. Viel Eindruck hat er wohl noch nicht hier hinterlassen.

Im einstigen Reichsluftfahrtministerium residiert heute Finanzminister Scholz. Mein Angebot von 3,60 Euro stimmt ihn sichtlich fröhlich

„Guten Tag, Herr Minister.“

„Ach, der Herr Tarzan! Stimmt was nicht mit den 138 Euro? Die ich Ihnen letztes Jahr auf der Straße abgenommen habe?“

„Doch, Herr Scholz, das passt schon. Ich hab die Steuer für 2020 noch gar nicht gemacht. Belege fehlen noch, Corona und so, Sie haben vielleicht davon gehört.“

„Ja, schlimme Sache, das. Das wird auch noch sehr teuer, die Hilfen und so …“

„Deshalb bin ich hier, Herr Scholz. Hier sind die 3,60 Euro. Ich denke mal, die ,Wertschöpfung‘, die zu dieser Dividende des kanadischen Röhrenherstellers führte, war im Mai. Bekommen habe ich sie aber erst jetzt, als die Aktien schon nicht mehr in meinem Besitz waren.“

„Moment, Herr Tarzan, ich kenne keinen Röhrenhersteller.“

„Nicht? Beim Verkauf meiner Aktien haben Sie sich begeistert am Gewinn bedient.“

„Also wissen Sie, ich verstehe nichts davon. Ich bin in erster Linie mal Kanzlerkandidat. Und Ihr Geld will ich nicht, das steht mir nicht zu.“

„Echt? Würden Sie das wiederholen, dann nehme ich das mit dem Handy auf.“

„Nein, Herr Tarzan, so blöd bin ich denn doch nicht. Nun entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun.“

Denn eben nicht. Er begleitet mich zur Tür. Auf dem Flur drehe ich mich noch mal um. Ein markanter haarloser Schädel im Türrahmen. Scholz winkt noch kurz.

So habe ich also 3,60 Euro gespart. Keinesfalls haarlos, sondern richtig haarig wird es dann im Filmstudio Babelsberg. Wieder mal darf ich Komparse bei einem Filmprojekt sein. Der obligatorische Corona-Test vor der Kostümprobe ergibt das Übliche, also darf ich ins „Kostüm“ und werde richtig toll im Stil der 30er-Jahre ausstaffiert.

Nur die „Maske“, also die Make-up-Abteilung, ist nicht glücklich. Ein Schnurrbart soll her, aber die vorrätigen Fake-Klebedinger gefallen alle nicht. Ich werde tatsächlich verdonnert, mir bis zum Drehtag einen eigenen wachsen zu lassen.

Das ist neu! Das ist echt neu! So gerate ich ja wohl, nach diversen nichtssagenden Komparsen-Einsätzen, in die Gehaltsklasse eines Robert De Niro! Der ja auch für seine Rollen teils mächtig was mit seinem Körper anstellte.

Ab nun also Feinarbeit beim morgendlichen Rasieren. Mal sehen, was dabei herauskommt. Im Wortsinn, also auf der Oberlippe.

Nach dem Dreh kommt der natürlich sofort wieder ab. Oder halt: Ich könnte ja auch Kanzlerkandidat werden, so wie Scholz ohne Haare.

Das wäre mal eine Idee. Hatte Deutschland schon mal einen Kanzler mit Schnauzbart? Gar nicht, oder?

Doch, einer fällt mir ein. Das war aber vor 1949. Die meisten werden ihn kennen.

Vielleicht doch keine so gute Idee.

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