Unter Geiern

Aufmerksame Leser dieses Blogs kennen mich nicht nur als begnadeten Schreiber, der gekonnt und subtil so manches Gesehene und Erlebte unvergleichlich saugut gehässig aufs Korn nimmt.

Auch als exzellenter Tier-Fotograf ist Tarzan berühmt und bekannt. So gelangen ihm z.B. ein Salamander in der Schweiz, eine Schnecke in Polen und eine Biene in Südtirol.

Selbstbeweihräucherung. Damit ich in großartiger Erinnerung bleibe. Denn das Ende dieses, ich betone DIESES, Blogs rückt näher. Aber ein paar große Alpen-Tiere gibt es noch, die ich im bayerischen Hintersee „abschoss“. Man darf gespannt sein.

Zunächst aber mal wieder ein Abstieg, besser Aufstieg, in alte Erinnerungen.

Meine Unterkunft am Hintersee wirbt mit „Zimmeraussicht auf die Reiteralpe„. Was natürlich absurd ist, die Reiteralpe liegt 1000 Meter höher, und direkt hinter dem Zimmerfenster geht es steil bergauf.

Hoch oben am Steig eine Wollmütze. Wessen Schicksal hat sich hier tragisch vollendet?

Warum nicht, dazu bin ich hier. Vor Jahren wollten Kumpel H. und ich dort hinauf, wanderten also erst mal 5 Kilometer zur „Schwarzbachwacht“. Wo sich dann der Weg durch vergangene Regenfälle als recht unbegehbar erwies. Dann halt nicht.

Bekanntlich ist Tarzan aber zielstrebig, um nicht zu sagen bockig, will das einmal Gewollte auch durchziehen. Am nahen Watzmann hat das ja nach rund 20 Jahren schließlich geklappt, den Eiger in der Schweiz nehme ich da aber mal aus. Dieser Berg hasst mich und Punkt. Ich habe das zu akzeptieren und gehe da (vielleicht) nie mehr hin. Obwohl es im „Steinbock“ in Lauterbrunnen wirklich immer sehr angenehm war. (Gruß an meine Lieblings-Kellnerin Margrit)

Nun also auf die Reiteralpe. Und zwar ohne 5 Kilometer zur „Schwarzbachwacht“ zu wandern. Neuere Infos verraten mir, dass auch ein Weg durh den „Antonigraben“ denkbar ist. Und der fließt direkt an meiner Unterkunft vorbei. In den Hintersee. Logisch.

Vor zwei Tagen schon habe ich den Zustieg zum Stieg, äh, Steig entdeckt. Seltsam: Vor Jahren fiel er mir auf einem Spaziergang ebendort nicht auf. Wohl, weil ich nicht danach suchte. So ein Geo-Smartphone kann auch ein Fluch sein.

Ohne den Antoni-Steig zu kennen, könnte ich jetzt nett am See sitzen, Bier trinken und den „Berchtesgadener Anzeiger“ lesen. Das vorgerückte Alter genießen und mich von der Sonne bescheinen lassen. Aber nein, ich muss ja rauf. Auf den Antonisteig. Der mich auf den „Edelweißlahnerkopf“ bringt. Und dann liegt die Reiteralpe vor mir. Diese legendäre Hochfläche, von der ich so viel Wander- und Bergsteiger-Berichte las, ähnlich toll wie die Seiser Alm.

An dem vor zwei Tagen entdeckten Abzweig gibt es kein Schild. Wo z.B. draufsteht „Edelweißlahnerkopf 3 Stunden“. Oder so. Nein, nichts. Ein recht inoffizieller Bergpfad also. Man muss wissen, wo er ist. Den Abzweig nun zu kennen, macht natürlich stolz. Und dass es kein Schild gibt, sollte Warnung genug sein. Na ja. Ich rechne einfach mal inoffiziell mit 3 Stunden.

Oben. Und nun?

Ich erspare Einzelheiten. Die 1000 Höhenmeter Kletterei in 3 Stunden machbar? Ich benötige viereinhalb, inklusive 140 Meter Felskletterei am Drahtseil. Schließlich will ich ja meinen geliebten Wanderstock nicht zurücklasssen, das verkompliziert die Besteigung etwas. Hoffentlich gibt es keine peinlichen Satellitenaufnahmen von CIA oder NSA.

Oben jedenfalls ist klar, dass der Rückweg nicht machbar ist. Zu gefährlich. Erfahrene Kraxler wissen, dass so manche Wege bergab fünfmal gefährlicher sind als bergauf.

Abstieg zur „Schwarzbachwacht“. Auch hier besser keine Einzelheiten. Fußspuren im frühen Schnee. Drahtseil. Super Gegend. Wer möchte, kann den Weg nachlaufen, Namen genug habe ich genannt. Aber fit sollte derjenige sein. Ich habe keine Lust, aufgrund dieses Blog-Beitrags dereinst für einen Todesfall verantwortlich zu sein. Jeder muss selber wissen, was er tut. Warum, zum Teufel, kann ich das nicht für mich selbst verinnerlichen? Und einfach auf der Terrasse am See sitzen und Bier trinken?

Das Gasthaus „Wachterl“ an der Schwarzbachwacht hat Ruhetag. Eine ungeheuerliche Frechheit nach dem wirklich brutalen Abstieg. Und einen Bus gibt es auch nicht. Googeln wir also „Taxi Ramsau“, schon erscheint ein Telefonsymbol, draufklicken, es erscheint eine 0043-Nummer in Österreich.

Häh? Ach so, Ramsau am Dachstein ist das. Recht weit weg. Schnell auflegen.

Anderntags gibt es aber noch Kraft, um die „Bartgeier-Info-Station“ unterhalb der Halsalm aufzusuchen. Auch wieder eine Stunde stramm bergan. Die Chefin meiner Unterkunft rät ab, schon viele seien enttäuscht gewesen: Die Bartgeier waren unterwegs.

Na, immerhin unterwegs. Zwei Täler weiter wurden ja, man erinnert sich, zwei flugunfähige Jungtiere in einer Felsnische ausgesetzt. Auch so eine Frechheit.

Wo sind die Geier „Wally“ und „Bavaria“? Schaun mer mal

Nun also hinauf zu den beiden flugfähigen Artgenossen „Wally“ und „Bavaria“. An der „Info-Station“ in luftiger Höhe sitzt ein junger bärtiger Mann, Herrscher über ein Fernrohr, einen Holztisch mit allerlei Infos und eine Trinkflasche. Für den Landesbund für Vogelschutz macht er seit August ein Praktikum hier oben und erklärt den Wanderern, die nach den Geiern geiern: „Die sind unterwegs.“

Wie sinnig. Ich ja auch.

Weiß man, wo die zwei sich rumtreiben?

„Ja, die haben GPS.“

Ach. Mein Auto hat ESP und ABS. Moderne Zeiten.

Einer der nun hier ansässigen Bartgeier ist schon bis Graz geflogen, was nicht untypisch für alpine Bartgeier ist. Der andere allerdings flog nach Frankreich, dann nordwärts und wurde in Amsterdam geortet. Bevor er dann klugerweise in die Alpen zurückkehrte.

Ich mag Amsterdam, seit einem Rückflug-Zwischenstopp aus den USA, auch leiden. Aber ich bin kein Bartgeier. Für einen solchen, der Felswände und Aufwinde in einer Gegend zwischen 1000 und 2500 Meter Höhe mag, sind die Niederlande ja wohl ein denkbar schlechtes Ziel. Aber okay, sie lernen ja noch.

Auch ich habe einiges gelernt. Über Bartgeier und so. Und morgen geht es heim. Östlich, nördlich, westlich, wieder nördlich. Wie eben der Schienenstrang der DB so läuft. Und ein bisschen wie die seltsamen Flugrouten der flüggen Bartgeier.

Dieses war der letzte Blogbeitrag in „tarzanberlin“. In Kürze erscheint, wie angekündigt, eine beruhigende Pressemeldung des Tarzan-Konzerns über die Fortführung der bewegenden Storys. Niemand muss sich sorgen. Genehmigt Euch derweil eine Maß Bier. Pfüat Eich!