Polenoffice

Polenoffice. Aufmerksame Leser kennen die geniale Wortschöpfung. Ich gebrauchte sie im grimmigen Blog „Urlaubspläne„. Damals, Anfang März, war alles coronamäßig noch furchtbar, und ich befürchtete, in einem fernen Sudetendorf festzusitzen, während mein Urlaub langsam verstrich. Was sollten die Kollegen dann ohne mich tun?

Der Technik-Test ergab ja, dass eine Einwahl ins Firmennetz möglich war. Das ist für einen Ort, der nicht San Francisco oder London heißt, sondern Polanica Zdroj, ganz beachtlich. Und festgesetzt, also „quarantänisiert“ wurde ich ja damals in Polen auch nicht.

Es ist also Zeit für einen „Scharftest“, eine Arbeitssitzung unter Real-Bedingungen. Obwohl ich keinen Urlaub habe, fahre ich mit Frau Hiob nach Stettin. Was nichts unbedingt Neues ist.
Neu ist, dass ich das in der Arbeitszeit mache. In der Unternehmenskommunikation, welch zauberhaftes Wort, ist schließlich immer weniger von „Homeoffice“, dafür immer mehr von „mobile office“ die Rede. Es nennt sich „Transformation“, fesselt einen nicht an den Wohnzimmertisch und erfordert WLAN.

Stettin hat WLAN.

Zwar ist das Appartement noch nicht fertig, aber auf der Terrasse des (übrigens vorzüglichen) syrischen Restaurants unten drin lässt sich das halbe Stündchen vorzüglich überbrücken. Passwort, bitte. Und ein „Warka“-Radler. Dziekuje.

Geht. Geht alles.

Zwar sieht ein zünftiger Städteurlaub anders aus, aber ich habe eben auch keinen Urlaub. Stettin ist auch abends sehr nett, wenn auch die Lokale am „Rynek“ pandemiebedingt schon gegen 22 Uhr schließen. Fast ein bisschen Berlin. Bier und Rotwein aus der „zabka“ (entspricht einem „Späti“, fast ein bisschen Berlin) helfen über die schwere Zeit hinweg.

Frühstück gibt es wie immer im „Café Koch“ an der Wojska Polskiego, das ist ein unvergleichlich nettes Ritual, und etwas Schleichwerbung muss sein. Auch wenn ich nichts dafür bekomme, nicht mal ein Eis.

Allerlei bekommt man dafür im luxuriösen „Galaxy Center“, sofern man eine Maske trägt. So richtig hübsch sind meine FFP2-Dinger nicht mehr, zumal mir beim letzten Filmdreh eine Komparsennummer draufgeschrieben wurde. Für eine ziemlich horrende Summe erstehe ich in einem Elektrogeschäft (!) eine Riesenpackung türkiser OP-Masken, auch die sind jetzt wieder geduldet. Gut gerüstet nun, die 4. Welle kann kommen.

Wie? Der war nicht gut?

Der musste aber sein, wegen der genialen Überleitung zu „Ostseewellen“. Denn am dritten, und meinem letzten Arbeitstag, fahren wir nach Swinemünde.

Zur Insel Wolin führt bekanntlich eine markante feste Brücke. Zur Insel Usedom nicht. Zumindest nicht aus Richtung Polen. Lauter Un-Einheimische, so wie wir, dürfen die „Stadtfähre“ nicht benutzen, stehen also begeistert in der Sonne, einige Hundert Meter vor der „Südfähre“ über die Swina.

Nicht mehr weit. Und gutes Wetter ist ja auch

Die Zeit läuft. Ab und zu geht es 50 Wagenlängen vorwärts, so viele etwa passen auf die Fähre. Aber eigentlich ist Arbeitsbeginn. Wie würde Ethan Hunt bzw. Tom Cruise eine solche „Mission Impossible“ bewältigen?

„Mobile Office“ heißt ja auch, dass man nicht nur z.B. auf Mauritius, sondern durchaus auch in einem Automobil auf der Wartespur zur Fähre sitzen kann. Das ist mal echt spannend. Mein Handy zaubert einen „Mobile Hotspot“, der Firmen-Laptop registriert es als WLAN. Ängstliches Tippen, VPN starten, Passwort … zack, da ist Berlin!
Gut gelaunt begrüße ich im Chatprogramm „Teams“ die Kollegen, ob nun daheim oder in der Firma. Das ist komplett unproduktiv, gibt mir aber etwas Zeit. Es geht weiter, wir rumpeln aufs Schiff.

Nach zwei Kilometern, weit vor der „Grunwaldska“, eine Überraschung: Baustelle, Fahrbahnverschwenkung, wir erkennen die große Rampe, die sich nach unten senkt.

„Tunel pod Swina“! Der Swinetunnel!

Oh.

Das hatten wir nicht gewusst. Die Bohrmaschine wurde erst im März hier gestartet. Und das ändert alles. Demnächst. Keine Autoschlangen mehr im Wald. Keine bettelnden Wildschweine mehr. Kein Einweisen an der Fähre mehr, kein Rumpeln, das vorsichtige Manövrieren, dann das unvergleichliche Vibrieren, wenn die Schrauben starten und es auf die Swina hinausgeht, Kurs Wolin.

Das ist dann alles vorbei. Vielleicht war ich heute das letzte Mal mit meinem Auto auf der „Südfähre“. Hier wird ja sicher schneller gebaut als in Berlin. Und ich hatte nur Augen für das dumme Firmennetzwerk auf dem Laptop.

Tränenüberströmt biege ich in die „Grunwaldska“ ein, vor der Kirche links, am Bahnhof rechts, alles sehr automatisch, da ist schon das Hotel. Das Leben ändert sich, das Leben geht weiter. Und ich brauche das WLAN-Passwort. Ach, da steht’s ja, an der Zimmertür. Hallo, Kollegen.

Wie gesagt, das Leben geht weiter. Und der Blick aus dem neu verlagerten „Polenoffice“ ist mit dem zum Berliner Hinterhof so gar nicht zu vergleichen. Man könnte sich dran gewöhnen. Als Millionär oder so.

Bitte sehr: Das nennt sich Polenoffice. Mit Meerblick

Feierabend. Sturz in den Stadttrubel. Auf der Promenade tobt das Fieber. Musik, Menschen, Masken (wenige). Ein krasser Gegensatz zu der Totenstadt, die wir noch im Dezember besucht hatten. Die Menschen wollen raus, und sie sind draußen. Vor den Lokalen Warteschlangen.

Unterdessen besucht Kanzlerin Merkel den US-Präsidenten Joe Biden im fernen Washington. Und sorgt für Verwirrung. Ihre Maske will sie nicht abnehmen, obwohl die meisten US-Bürger „mask“ kaum noch buchstabieren können. Vizepräsidentin Kamala Harris will sie auch nicht die Hand geben, schließlich herrscht Corona. Und sie, Kanzlerin aller Deutschen und Retterin der Welt, will auf keinen Fall so kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit von ihrer Linie abweichen.

Eine Linie, die nicht erst seit Corona Deutschland in Tiefschlaf versetzte. Rein zufällig fand ich das hier von Jan Fleischhauer im „Spiegel“. Der ist, bemerkenswert, am 2. September 2017 (!) erschienen:

Ein frommer Wunsch, anno 2017. Aber nun ist es ja wirklich nicht mehr lang

Hier an der Ostsee, natürlich der polnischen, tobt der Bär. Und die Mücken. Eine neue Generation hat sich in den vergangenen Hitzetagen im Schilf am Leuchtturm entwickelt. Jetzt stürmen sie blutdürstig die Promenade. Ein neuer Ausnahmezustand. Die bekannten Sprays sind ausverkauft, obwohl sie ohnehin nicht mehr helfen. Die Anwohner sind verzweifelt: „So was ist noch nie dagewesen!“

Überleben in Swinemünde. An Batterien denken!

Schärfere Waffen müssen her, wir beschaffen uns eine „rakieta“. Nein, das ist Polnisch für Tennisschläger. Der ist elektrisch, Frau Hiob und ich bekämpfen mann- und frauhaft die Plage.

Generell sieht man mich eher selten mit einem Tennisschläger in der Stadt unsichtbare Gegner mit einem Aus traktieren. Es erinnert eher an Kindergeburtstags-Spiele und würde meine Reputation nachhaltig beschädigen. Hier aber bin ich in bester Gesellschaft. Fast alle sind mit den „rakieta“ bewaffnet und kämpfen. Kleine blaue Lichtblitze und ein kurzer Knall signalisieren, dass wieder ein Insekt den Stromtod gestorben ist. Ein Aus. Heißt das so beim Tennis?

Es knallt übrigens ohne Ende. Die Promenade ist Kriegsschauplatz, Corona ist halb vergessen, und die neue Seuche ist sichtbar, sie summt, sie sticht, und sie ist allergisch gegen elektrische Tennisschläger.

Die Nacht wird hart, bei geöffneter Balkontür. Später, in Deutschland, wird Arnika-Salbe helfen, für heute hilft eine Radtour durch die Altstadt, an der Marina und den Festungen vorbei. Die sind einen eigenen Blog wert, lassen wir das, ich will niemanden ermüden.

Ermüdend genug ist die Fahrt durch Usedom, obwohl erst Samstag ist, quälen sich die Wagen im Schrittempo seit Zinnowitz zur Peene-Brücke in Wolgast. Dahinter lauert bzw. wartet das Festland. Natürlich ist die Hubbrücke genau jetzt oben, so können wir noch einmal das Insel-Leben im bewegenden Stau genießen.

Warum wollen die jetzt eigentlich alle so schnell weg? An einem Samstag?

Sie fliehen vor den Mücken. Die Viecher kennen keine Grenzen, sie greifen auch im deutschen Ahlbeck und in Heringsdorf an.

Wir haben eine neue Welle. O Gott. Aber diesmal haben wir sehr schnell eine Waffe. Den „rakieta“. Zack! BZZZ!

Aus.

Die Peene-Brücke ist grad oben. Ist halt so auf einer Insel. Wir finden’s schön und harren aus

Werbung