Schneeeee … koppe

Die letzte Tarzan-Reise ist bekanntlich drei und mehr Ewigkeiten her.

Zur oder sogar auf die Schneekoppe sollte sie gehen, tatsächlich wurde es dann ein anderes Sudetendorf. Und der Blick von der Liegnitzer Gegend auf den fern am Horizont liegenden Gipfel verleitete mich zur gewagten Feststellung, dass ich wiederkäme. „Bald. Sicher.“

Nun, da bin ich wieder. Das schlesische Bergdorf Karpacz, ehemals Krummhübel, empfängt mich mit viel Sonne. Aufgeregt eile ich von Karpacz Gorny („Brückenberg“) ins Zentrum hinunter. Auf der Bergfahrt hatte ich dort tatsächlich Leute auf einer Café-Terrasse sitzen sehen, in Corona-Deutschland bis dahin noch eine Utopie. Mal sehen, ob man mich irgendwo ein Bier trinken lässt, ohne dass man den Wirt verhaftet.

Ein Bild aus einer fast vergessenen Zeit

Da, das „Café Gracja“. Zwei Herren mit Bierhumpen sitzen dort auf Stühlen unweit der Eingangstür, genießen goldenes Sonnenlicht und ebensolchen Gerstensaft.
Ich bin frisch aus Deutschland angekommen, unsicher, ob ich nicht doch vielleicht träume. Mal Maske auf und vorsichtig rein, ein Bier aus dem Kühlschrank, das gute „Tyskie“, das gibt es auch in Kiosken in Berlin-Kreuzberg.

Was jetzt folgt, gibt es nicht in Berlin-Kreuzberg. Und auch sonst nirgendwo im vor der Welt verriegelten Deutschland: Die Bedienung gibt mir ungefragt einen riesigen Bierhumpen dazu. Sie geht einfach davon aus, dass ich gar nicht weggehen, sondern mich auf die Terrasse setzen will. Mein Polnisch ist eh schon kaum der Rede wert, jetzt verschlägt es mir komplett die Sprache.

Eine heftige Windböe fegt die leere Flasche auf den Steinfußboden. Auch wenn in Polen nicht alles besser ist: Dass sie nicht in tausend Stücke zerspringt, sondern nur hörbar poltert, passt heute einfach ins Bild.

Am Abend jedoch heult der Sturm so brutal ums Haus, dass ich mich in einem Biwak auf dem K2 wähne. Nur, dass das Zelt nicht wegfliegt. Was mag der morgige Tag bringen?

Ein ganz tolles Frühstück. Corona-konform gibt es kein großes Büfett, aber jeder Tisch (Zimmernummern in großem Abstand) hat sein eigenes kleines, das keine Wünsche offenlässt. Eine simple, naheliegende, pandemiegemäße Handhabung. Warum Frau Merkel „drüben“ sich wild trampelnd, verbissen, mit Händen und Füßen gegen so etwas wehrt? Das müssen mal die Neurologen klären. Neurologen? So ein Schwachsinn. Die dämliche Autokorrektur. Historiker war natürlich gemeint. Lag sicher am 5. Buchstaben „o“.

Aber nicht meckern: Wie schon vor einem Jahr sind die „Öffnungsdiskussionsorgien“ in vollem Gange. Ein übrigens von Frau Merkel kreiertes, gleichwohl nicht gemochtes Wort. Ich bin nur unwesentlich gespannt, was gerade in Deutschland passiert. Denn heute ist die Schneekoppe „fällig“.

Am Eingang zum Nationalpark (ja, nicht nur die Hohe Tatra ist einer) erstehe ich ein Billett für gleich drei Tage. Um die Ersparnis voll auszukosten, gilt es jetzt, sich drei Tage nicht das Bein zu brechen. Ist aber auch danach unnötig.

Im nebligen Wetter stetig bergan. Den bedächtigen Schritt der Bergler muss ich mir erst wieder angewöhnen. Die Reise in die Schweiz ist lange her, und das Heuscheuergebirge zählt ja nicht. Verzeihung.

1200 Meter. Inzwischen liegt eine Menge Schnee herum, das ist unschön für Mitte Mai. Stapfende, bedächtige Bergler-Schritte nähern sich von oben. Auf Englisch erzählt der Held, dass er seit sechs Uhr unterwegs sei, „somewhere on the mountain“ übernachtet habe, ich bald durch die Wolken stoßen würde und von der Schneekoppe Traumaussicht habe, „it’s like an ocean“, schwärmt er.

Ja, wenn das so ist. Eine Sünde, jetzt umzukehren. Und vor dem „Dom Slaska“, also dem Schlesischen Haus, klart es tatsächlich auf. Gut, noch kein Super-Sommerwetter, aber man kann zumindest die Schneekoppe erkennen. Sie ist ohnehin der höchste Gipfel in weitem Umkreis. Auf geht’s.

Der Zickzacksteig, immer zentimeterhart an der ähnlich gezickzackten tschechischen Grenze entlang, ist weiter oben mit schön blanken Eisenketten versehen. Ungute Erinnerungen an den Berg „Giewont“ kommen da hoch. Oder steigen da auf, ha, noch besser. Dort hatte es bei Gewitter einige Kletterer an den Drahtseilen erwischt. Übel. Ich fasse die Dinger besser nicht an, sie dienen ohnehin eher als Stütze für Erschöpfte als der Sicherung.

Oben. 1602 Meter. „It’s like an ocean“.

Richtig. Ozean. Aber nicht im Sinne von Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“. Nein, nach erneutem Wetterumschlag ist es ein Tapern IM Nebelmeer.

Einige wackere Bergler, so wie ich, verzehren ihren Proviant. Sonst ist auf dem kargen Hochplateau zwischen Observatorium und der tschechischen Postamts-Bude nicht viel los. Ähnlich wie auf dem Brocken im Harz, wo mein dauernder Vor-Besucher, egal wo in Europa, Johann Wolfgang von Goethe, auch sein mitgebrachtes Brötchen verzehrt hat.

Wanderer im Nebelmeer

Wo mag der Dichterfürst hier oben gesessen haben? Wahrscheinlich da drüben, windgeschützt an oder in der Laurentius-Kapelle, die schon seit 1681 hier steht.

Bevor man fragt: Ja, natürlich war Goethe, wie immer vor mir, auch an diesem unwirtlichen Ort. 1790 war das, 10 Jahre vor dem späteren US-Präsidenten John Adams, der so drollige Zeilen zum Heuscheuergebirge schrieb. Ich finde ja allmählich, Goethe übertreibt. Verärgert marschiere ich querfeldein bergab, den rot-weißen Grenzsteinen entlang.

Ich will auf einem anderen Weg zurück zum „Schlesischen Haus“.

Da ist er. Und: Gesperrt!

Was soll das? Soll ich jetzt auf dem Grenzweg weiterlaufen, bis ich die Ukraine erreicht habe, oder was? Das tue ich natürlich gerne, aber bitte dann, wann ich will. Und heute will ich nicht. Ich umgehe frech die Schranke.

Der schöne Weg gesperrt …

… wegen dem bisschen Schnee

Okay, es liegt viel Schnee herum. Und die Mauer, die vor dem Sturz in den Abgrund bewahren soll, hat auch schon bessere Tage gesehen. Aber es wäre ein Sturz ins Land Polen, wo ich ja seit gestern sozusagen „gemeldet“ bin. Größere diplomatische Verwicklungen wären also nicht zu befürchten.

Am „Schlesischen Haus“ ist mein gewünschter Abstieg über den „Melzergrund“ ebenfalls gesperrt. Diesmal beherzige ich das, der Weg soll schon ohne Nebel recht gewagt sein. Nun noch mit Lawinen dazu? Ich verzichte. Man wird ja allmählich älter. Und wenn ich den Weg nicht nehme, bin ich am nächsten Tag sogar mit Sicherheit älter.

Was soll’s? Ich habe noch mehr Tage übrig. Und was ich vor einiger Zeit plante, mangels Möglichkeiten in Bayern oder Österreich, habe ich umgesetzt: Ich war oben. Ganz oben. Auf der Sniezka.

Der Schneekoppe.

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