Grenzkontrolle

Der letzte Urlaub in diesem Jahr.

Und laut Frau Hiob wohl jetzt die letzte Möglichkeit, sich noch mal „vom Ostseewind durchpusten zu lassen“.

Frech wie Oskar (wer ist dieser Oskar eigentlich?) starten wir ostwärts in ihre polnische Heimat. Stettin gab es hier zur Genüge, daher ist das Ziel diesmal Swinemünde, gerne auch Swinoujsce. Also schreiben kann ich’s schon mal auswendig. Außerdem gibt es in Stettin keinen Ostseestrand zwecks Durchpusten.

In den letzten Tagen hatte ich immer wieder auf die Homepage des Auswärtigen Amts geschielt, nach Restriktionen jenseits der Maskenpflicht Ausschau gehalten. Alles im grünen Bereich, sofern man das nicht mit einer Corona-Ampel verwechselt. Die Einreise für EU-Bürger und ein Aufenthalt von weniger als 72 Stunden sind ohne Probleme machbar.

Sofern man Geschäftsreisender ist. Denn nur für diese dürfen Hotels aufmachen, da Geschäftsreisende (anders als Touristen) keine Virenträger sind. (Eher vielleicht Anzugträger.) Auch Herr Söder aus Bayern hatte das ja schon vor einiger Zeit festgestellt.

Gut also, dass wir zu dieser Gruppe gehören. Frau Hiob hat einen unaufschiebbaren Arzttermin und will Geschäfte abschließen. Ich soll für den „TarzanUnterwegs“-Medienkonzern den Foto-Report „Küste in der Krise“ erstellen und auch bei Bedarf ein Geschäft aufsuchen.

Wolgast, Zinnowitz, Ahlbeck. Die polnische Grenze ist wegen eines staubenden Straßenbaufahrzeugs vor uns gar nicht zu erkennen. Allerdings werden wir beobachtet und gut erkannt. Wissen wir nur noch nicht.

Ah, der Bahnhof. Links rum. Die kleine „Willa …“ hat ein wunderschönes Zimmer, und ihren Namen werde ich gewiss nicht verraten. Das habe ich schon in Schwerin nicht getan, und in diesen Zeiten ist alles kriminell.

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Weihnachtlich glänzet die Stadt

Kriminell leer ist die jetzt hübsch aufgemöbelte Strandpromenade, und ganz gewiss kriminell ist auch der Mann an seinem Bratwagen an einer der Passagen zum Meer.

„Schöne fettige Bratwurst? Ich hätte auch Glühwein mit und ohne Schuss.“

„Wo sollen wir das denn hintragen?“, wirft Frau Hiob ein.

„Ach was, nehmen Sie Platz. Ich brutzele was, und die Dame da bringt Glühwein.“

Und so kommt es, also er, der Glühwein. Ein Stück Wärme und Leben in einem kalten, fast ausgestorbenen Städtchen am Meer. Es können nicht alle Menschen Geschäftsreisende sein. So wie wir.

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Bonjour tristesse
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Der Hotelname wirkt aktuell etwas unglücklich. Aber es gibt niemanden, den es abschrecken könnte

Restaurant „Karczma“ (bekannt auch aus Stettin!) ist geschlossen, ebenso das ukrainische in der Sienkiewicz-Straße. Die hier natürlich anders heißt, aber so viel Platz habe ich nicht. In der Stadt ein wenig Lichterketten, auch ein großer Baum wurde herbeigeschafft. Aber hinter den Masken der wenigen Flaneure oder hektischen Einkäufern ist ein Fest-vorfreudiges Lächeln nicht zu erkennen. Vielleicht gibt es ja auch gar keins. Kein Lächeln, meine ich.

Nach dem vorzüglichen Frühstücksbüfett am Strand entlang, westwärts. Wozu ist man sonst hier, wenn nicht, sich ein letztes Mal vom Ostseewind durchpusten zu lassen? Ach ja, Geschäfte.

Am Horizont im Dunst das deutsche Ahlbeck. Hinter den Dünen die markierte Grenze. Ungeheuer kriminell tapere ich zwischen den beiden Staaten hin und her, auf der Suche nach dem nettesten Fotomotiv dieses vereinsamten Stücks mitten in Europa.

„He, Sie da! Nicht vom Beckenrand springen!„, motze ich scherzhaft eine Möwe am Ufersaum an. Die versteht meinen Humor nicht und wohl auch kein Deutsch. Empört watschelt sie auf mich zu, um mich zur Rede zu stellen. Ich verzichte, entferne mich.

Gut Deutsch dagegen versteht der Hund, den wir in der „City“ vor einem Laden sitzen sehen. Vor ihm liegt eine große eingeschweißte Makrele auf dem Boden. Seltsames Bild.

„Du hast aber einen schönen Fisch gekauft“, sage ich ihm. Obwohl ich mich gar nicht nähere, hüpft er sofort hin, nimmt das Päckchen in die Schnauze, um es vor mir zu bewachen. Süß. Hat mich also genau verstanden. Sicher gehört er zu dem „NVP“-Auto in der Nähe. Dies Kennzeichen heißt „Noch vor Polen“ oder so ähnlich.

Am letzten Morgen noch geschäftlich zu tun. Dann ein Blick zu den Marktbuden an der Straße nach Ahlbeck, schließlich ist Samstag, ein paar Touristen werden doch vielleicht erlaubterweise herüberkommen, ein Schnäppchen suchen? Nein, alles verrammelt. Leer und still.

Ich wende, steuere auf der Grunwaldska den anderen Grenzübergang an: Garz. Die bessere Richtung nach Berlin.

Und da stehen sie.

Landes-, Bundes- und was weiß ich noch für Polizisten.

„Was haben Sie in Polen gemacht?“

Wir berichten von unseren Geschäften und dem Arzttermin, was auch gewissen Eindruck macht.

„Trotzdem müssen Sie jetzt in Quarantäne, das ist in Mecklenburg-Vorpommern so.“

Ich wusste doch, dass ich was vergessen hatte beim Gesetze-Studieren. Offenbar gilt die 76-Stunden-Regel nicht in Mecklenburg, zumindest nicht hier im einstigen Landkreis Uecker-Randow. In der Uckermark mag das wieder ganz anders sein. Wie auch immer, das Land liegt nun mal zwischen der Ostsee und Berlin. Und hinbeamen kann man sich nicht. Doch, kann man eigentlich, siehe hier. Aber jetzt ist es zu spät.

„Wollen Sie unterwegs anhalten?“

„Ja, an der wie immer roten Ampel in Lindenberg. Und in Anklam ist, glaube ich, auch noch eine.“

Das bringt ihn ins Überlegen und auf eine andere Idee: „Ihr Auto ist vor zwei Tagen in Ahlbeck an der Grenze fotografiert worden.“

„Gut möglich“, sage ich. „Ich bin nämlich vor zwei Tagen mit diesem Auto genau dort gefahren.“

„AHA!“ triumphiert er. „Und vor 20 Minuten sind Sie auch in Ahlbeck gewesen. Mein Kollege hat sich Ihr Kennzeichen gemerkt.“

„Ich war heute nicht in Ahlbeck.“

„Doch!“

„Nein!“

„Doch!“

„Schluss damit“, befehle ich. „Wir waren an den verschlossenen Buden und haben an der dritten Querstraße hinterm Bahnhof gewendet. Das ist nicht Ahlbeck, das ist Swinemünde.“

Jetzt wirkt er etwas unglücklich. Wäre ich auch. Mit solch erbärmlichen Ortskenntnissen als Polizist in der Kälte rumstehen. Nur peinlich. Aber ich bin kein Polizist. Ich will nach Hause.

Jetzt ist ihm mein Koffer zu groß. Will sehen. Hier bitte, Geschäfts-Tarzan-Laptop und Wechselkleidung. Keine Drogen, keine polnischen Tomaten. Welche mich sofort als Tourist geoutet hätten.

Er wird nun unsere Daten an die jeweiligen Gesundheitsämter Berlin und Hamburg (Frau Hiobs Domizil) geben, auch wir mögen uns bitte gleich nach Rückkehr, natürlich aus der zehntägigen Quarantäne heraus, da melden. Welch abstruser Wunsch. Von Berlin hat er, außer auf meinem Ausweis, wohl noch nie gehört.
Ich weiß jetzt schon, dass in Berlin nie etwas ankommen wird, ich das Gesundheitsamt niemals erreichen und auch nie etwas von dieser Behörde hören werde.

Aber ich bin ihm nicht böse, er muss die Verordnungen durchsetzen, die in dieser Sekunde, an diesen geografischen Koordinaten, gelten. Wer weiß denn schon, was zwei Tage oder vier Stunden später gilt? Sein großes Interesse jedenfalls gilt uns, weil ihm, so erfahre ich später in den Nachrichten, nur noch neun weitere ausreisende Autos begegnen. Da muss man die Zeit rumkriegen.

Eine Quarantäne aber halte ich (heimlich und persönlich) für unverhältnismäßig. Wieso das?

Ich lebe im gefährlichsten Hochrisiko-Hotspot der Welt. Menschenmassen treten sich unmaskiert an jeder Straßenecke zu Hunderten auf die Füße, ganze Häuserblocks sind „durchseucht“ und versperrt, die U-Bahn-Linie 8 transportiert mittlerweile mehr Viren als Rauschgift.

Trotzdem von Quarantäne kein Wort. Aber hier oben, am grünen Grenzübergang, soll es plötzlich sofort sein? Weil mich eine Möwe am Strand pampig angeschnaubt hat?

Weil ich nett bin und im Kampf gegen die Pandemie mitwirken möchte, fülle ich zu Haus ein „Digitales Einreiseformular“ aus. Wohl wissend, dass das in dieser Stadt keinen interessieren wird. Ende der Debatte.

Am Sonntag beschließt die Regierung den totalen Lockdown: Schließung aller Geschäfte. Allerdings nicht sofort. Bis Mittwoch will man dem Virus noch eine faire Chance geben. (Dank an Lorenz Maroldt vom „Tagesspiegel“ für diese fiese geklaute Bemerkung.) Solidarisch stürmen die Massen also die Geschäfte, solange es noch geht.

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Der Nur-noch-zwei-Tage-Plan des Senats geht auf …
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… die Shopping-Mall ist zum Bersten gefüllt. So geht pragmatische Politik

Frau Hiob wohnt nicht in Mogadischu (siehe Ausriss),

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Bemerkenswerte „Spiegel“-Analyse. Die Ausgabe ist übrigens vom 6. Mai 2017 (!)

sondern in einer Stadt, in der man Behörden erreichen kann. Sie erreicht also das Gesundheitsamt. Ihren Namen will keiner wissen. „Bleiben Sie in Quarantäne, und gehen Montag oder Dienstag zum Corona-Test am ZOB oder am Flughafen.“ Ah ja. Zu Hause bleiben, aber zum ZOB fahren. Eine spannende Übung, die in den metaphysischen Bereich hineingeht. Da kommt wieder das Beamen ins Spiel. Der Widerspruch fällt dem Amt aber nicht weiter auf.

Frau Hiob, untypisch optimistisch, will einer möglichen Quarantäne mit einem negativen Corona-Test begegnen. Am ZOB erfährt sie, dass dies erst fünf Tage nach Einreise möglich sei. Kurzes Rechnen, seien wir großzügig: Morgen also.

Am nächsten Tag sieht Frau Hiob, wie das Testzentrum gerade „einpackt“, alle Gerätschaften abbaut. „Ab morgen sind wir nicht mehr hier.“ Das wusste am Vortag natürlich noch keiner. Also zum Airport.

Anders als Berlin, das mit großem Eifer einen Flughafen nach dem anderen schließt und plötzlich gar keinen mehr hat, gibt es in Hamburg noch einen. Er heißt Fuhlsbüttel oder eigentlich „Helmut Schmidt“, der verstorbene Kanzler wohnte ganz in der Nähe. Neuberger Weg 80, jetzt kann ich’s ja sagen. Aber nicht gleich alle hinpilgern, bitte. Und wenn, dann mit Abstand.

Das Corona-Testzentrum ist so international wie das Virus selbst, mit Deutsch kommt man hier nicht weit. Ein Kurde erbarmt sich der braven Frau Hiob und verlangt Beweise dafür, dass sie in Polen war.

„Beweise? Ich bin Wiedereinreisende, ich bin nicht zum Spaß hier, Polizei, Grenzschutz und Gesundheitsamt bedrohen mich, ich will einen Test!“

Der Mann bleibt hart. Ohne Reisebeleg kein Test. Ich überlege, ihr den Hotelbeleg der „Willa …“ (KEINE NAMEN!!!) zu senden. Zwecklos, da nur mein Name daraufsteht.

Frau Hiob geht. Und wird nicht wiederkommen. Ende der Debatte auch hier.

Und meine Corona-App? Die zeigt wenige Stunden nach dem Treffen mit dem neugierigen Polizisten eine „Begegnung mit niedrigem Risiko“. Zum Schmunzeln, wäre die Lage nicht so scheißernst. Vielleicht sollte der Polizist sich in Qua …

Nein, schon gut. Gar nicht erwiesen, dass er es war.

Vielleicht war es ja doch die Möwe.