Kommunales aus dem Allgäu

733 Kilometer. Genau wie es der Routenplaner voraussagte. Ein Katzensprung. Hier sind Berge!

Gut, das war mir bekannt. Sonthofen hat aber eine andere Überraschung für mich parat. an der ich selbst ohne Berge sofort merke, dass hier nicht Berlin ist: Schon fünf Minuten aus dem Auto raus und noch nicht angebettelt worden.

Haha, der war fies. Und natürlich abwegig und unpassend, da ich ja gar nicht vor einem Straßencafé sitze, sondern auf dem Hofparkplatz des Hotels. Ein Zettel mit einer Telefonnummer bedauert kurze Abwesenheit. Okay, wählen wir doch mal:

„Ja, Herr Tarzan, fein, dass Sie da sind. Sehen Sie dort die zwei Blumenkästen?“

Zur Rezeption? Greifen Sie bitte in das Loch oben

„Ich sehe sie.“

„Und die graue Gießkanne dazwischen? Greifen Sie mal rein, neben anderen Kuverts ist da auch eins für Sie.“

Toll, so ein Telefon. Ich wäre wohl kaum darauf gekommen, von allein in die Gießkanne zu greifen. Super Erfindung. Zwischen fünf Kuverts für andere Gäste und Lieferanten finde ich meines. Samt Schlüssel und ein paar handgeschriebenen Infos.

„Alles bestens, dann sehen wir uns später.“

Ich bin leicht fassungslos. In Berlin wäre so eine Gießkanne, völlig unabhängig vom Inhalt, eine Minute nach Abstellen verschwunden. Und hier liegen, am Boden dieser blechernen „Rezeption“, alle möglichen Schlüssel fürs Haus. Aber ich bin eben nicht in Berlin. Ich bin jetzt in Sonthofen. Im Allgäu. Zwischen Bergen.

Auf der Herfahrt hatte ich ein „Goethe+-Quartier“ gesehen. Das war erst mal ein kleiner Schreck: War der Dichterfürst hier auch schon wieder vorbeigekommen? Wie immer vor mir?

Nein, es ist nicht so schlimm: Es ist nur die Goethestraße. Solche gibt es viele. Und hier im Quartier gab es gerade den ersten Spatenstich für 160 neue Wohnungen. Und die vorhandenen alten Gebäude werden „behutsam“ aufgehübscht, sodass ein hübscher neuer Kiez entsteht. Dann ist ja gut.

Weniger gut scheint es dem „Gasthof Traube“ zu gehen. Zwar wirbt er 100 Meter weiter mit „Wir haben für Sie geöffnet“, auch das Lokalmagazin betont, dass Inhaber Reinhard Winter und Gattin Jana „während der gesamten Bauphase“ zu erreichen sind. Das Sonderprogramm „Stadt und Land“ des Verkehrsministeriums fördert hier nämlich gerade Fußgängerquerungen und einen Radweg, die Stadtwerke legen gleich mal neue Wasserleitungen an der „Traube-Kreuzung“. Und das Ergebnis sieht wenig anheimelnd aus:

Weiter durch Sonthofen, Richtung Bahnhof. Der „Alpenstadt des Jahres 2005“ gebührt eigentlich auch der Preis für den allerhässlichsten Busbahnhof des Alpenraums. Na ja, ein Schild verrät stolz, dass er gerade, am 12. Juli, in Betrieb ging. Vielleicht wird das ja noch besser. Im Regen, der heute (und bitte nur heute!) mal sporadisch auftritt, sieht ja alles etwas unschöner aus.

Ich freue mich trotzdem. Das riet mir ein Radiomoderator schon irgendwo zwischen Kaufbeuren und Kempten, zitierte auch gleich klug Karl Valentin:

„Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Das ist wohl die richtige bajuwarische Einstellung dazu. Also könnte ich auch noch mal den Kurpark bewundern. So heißt er zumindest auf dem Handy. Tatsächlich ist es der „Kalvarienberg“, ein ebenso mystischer wie religiöser „Kraftort“. Hoch oben, also na ja, oben, hat man um 1650 eine Kapelle errichtet.

Ob nun aus Dank über das Ende des Dreißigjährigen Krieges oder zum Gedenken an 113 Opfer einer Pestepidemie (sic!), darüber ist man sich nicht ganz einig. Und wer bin ich denn, das jetzt zu recherchieren? Ich habe Urlaub. Fest steht, dass Altarschnitzerei und Deckengemälde im Innenraum recht hübsch sind. Dank offen stehender Tür gibt es auch ein Foto davon:

Ein Kreuzweg mit vielerlei Stationen führt „getreppt“ den Berg hinauf, noch mehr Kreuzwegstationen sind über den ganzen „Kurpark“ verteilt. Wie viele es insgesamt sind? „Zählt doch selbst nach“, verkündet ein Info-Schild. So eine Frechheit. Aber selbst wenn die Zahl irgendwo hier oben vermerkt wäre, würde ich sie nicht nennen. Zählt doch selbst nach.

Wieder unten, entdecke ich einen Zugang zur „Sonthofer“ (offenbar nicht Sonthofener, wie ich Laie gedacht hätte) „Unterwelt“.

Im 2. Weltkrieg sollte der ganze, heilige „Kalvarienberg“ militärisch bebaut werden, mit einem gigantischen Netz aus Versorgungsstollen unten drin. Und das ist ja noch der kleinste Frevel, den der größte Feldherr aller Zeiten angerichtet hat bzw. anrichten wollte.

However, es blieben nur einige Stollen tief im Berg. Fledermäuse fühlen sich hier sauwohl, und gelegentlich fühlen sich Touristen zum Gruseln wohl. Jetzt bin ich ja selbst einer. Na gut. Wenn das hier so regnerisch bleibt, wäre vielleicht wirklich Fledermaus-Füttern angesagt. Oder das Heimatmuseum. Oder das Gebirgsjägermuseum.

Wenn aber nicht, ist der da fällig. Der Grünten. „Wächter des Allgäus“. A bissl Aufwärmsport für einen älteren Tarzan, der gerade mal wieder zu einer monströsen Alpentour gestartet ist.

Pfüat eich!

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