Auf St. Pauli trinkt man Astra

Kommt ein Mann zum Fischmarkt.

Ein „Witz“, der so beginnt, dürfte kaum intelligenter sein als die Person, die, vermeintlich humorvoll, ihn auf diese Weise startet.

Kommt ein Mann zum Fischmarkt.

Was soll so was? Eine Frage, mehr nicht. Tarnt sich als Satz, indem sie das Fragezeichen weglässt.

Kommt ein Mann zum Fischmarkt? Das wäre ein richtiger Satz. Nur: Woher soll ich wissen, ob ein Mann zum Fischmarkt kommt? Und demjenigen, der seine vermeintlich spaßigen „Gags“ mit „Treffen sich zwei Männer“ beginnt, sollte man semantisch korrekt ins Wort fallen: „Nein, sie treffen sich nicht. Sie sind in verschiedenen Städten.“

Dumme Frage, dumme Antwort. So läuft das.

Nach diesem Exkurs aus der Reihe „Denken vorm Reden“ geht’s jetzt aber auch los. Mit einem hübschen Beispiel aus der Reihe „Hamburger Schnack“ des ebendort entstehenden Newsletters der „ZEIT“.

Kommt ein Mann zum Fischmarkt.

Astra. Und sonst nix.

Alles Quatsch. Der Wortlaut war selbstverständlich anders, nicht solch Kindergarten-Gebrabbel. Wo hab ich den Screenshot denn nur? Durchsucht ein Typ einen PC. Haha. Ah, hier ist es:

Solch verirrte Hipster aus Berlin-Prenzlauer Berg braucht Hamburg nicht (übrigens: Berlin-Prenzlauer Berg auch nicht)

Damit das mal klar ist.

Ja, ich bin wieder auf einer Reise. In Hamburg, was oft vorkommt. Aber auch nicht soo oft. Dieser Aufenthalt ist bemerkenswert anders. Denn ich wohne nicht bei „Vaddern“, der ist auf einer Kreuzfahrt.
Und ich wohne nicht bei Frau Hiob, die arbeitet bis sehr spät, könnte mich dann nicht ertragen.

Und ich wohne nicht beim lieben R. in Schenefeld, der ist mit Terminen überladen.

Alles ist an diesem Wochenende anders. Ich wohne im Hotel. In der Stadt, in der ich geboren bin. Und über 40 Jahre zwischen Elternhaus, verschiedenen eigenen Wohnungen und Kneipen hin- und hergekrochen bin. Was für ein Abenteuer.

So etwas wie eine Alpengipfel-Erstbesteigung ist es natürlich nicht: Das Unternehmen visitberlin.de zum Beispiel bietet das schon lange an. „Erlebe Deine Stadt“, „Berlin-Reisen für Berliner“, „Hotelschnäppchen für Einwohner“. Das sind so die Schlagworte, die ich bisher belächelte.

„So ein Unfug„, dachte ich. „Bevor ich hier am Kurfürstendamm einchecke, bin ich doch mit der U-Bahn in 30 Minuten in der eigenen, von mir be-wohnten und überhaupt ge-wohnten, Wohnung. Oder?

Und nun stehe ich mit meinem Köfferchen in der Hansestadt. Am Knotenpunkt Millerntorplatz im tosenden Autoverkehr. In ziemlicher Nähe zum Großneumarkt, wo die Kneipe des verstorbenen Sachsen Udo eine Art zweite Heimat war.

Heimat. Die ich als „Jugendlicher“ 2008 verließ, um Berlin zu erforschen. Was bisher übrigens noch nicht komplett gelungen ist. Vom reinen Verständnis, wie die Hauptstadt funktioniert, mal ganz abgesehen. Aber das ist ein anderes Thema.

Thema nun, im Herzen von St. Pauli, zwischen Millerntor, Reeperbahn und Elbe: Was tue ich hier, mit meinem Köfferchen am U-Bahn-Ausgang? Wer will mich haben? Niemand.

Doch, natürlich habe ich ein Ziel: Eine Gruppe Versprengter, Udos Kneipen-Clique, hat ihr monatliches Gruppentreffen. In der St.-Pauli-Fankneipe. Deshalb bin ich hier. Und ich habe ein Zimmer dort. Direkt über der St.-Pauli-Fankneipe. Das ist neu für mich. Das ist völlig untypisch schräg. Und sehr hanseatisch.

Denn auf St. Pauli trinkt man Astra.

Hier spielt der FC St. Pauli, direkt gegenüber der Kneipe bzw. des Hotels liegt das Stadion. Mitten in der Stadt. Davon kann der HSV nur träumen. Dessen Stadion liegt weit draußen, und dessen Anhänger trinken Holsten-Bier. Bestimmt kein Astra.

Zwar ist das möglicherweise egal, seit Carlsberg beide Hamburger Brauereien übernommen hat. „Alles dieselbe Soße“, würden Weintrinker sagen. Aber hier geht es um Tradition.

Auf St. Pauli trinkt man Astra.

Recht einfache Regel. Die Chefin gibt mir drei aus, damit ich sie, also diese Regel, verinnerliche. Während dieser „Astra-Impfung“ überlege ich, wie viel „Craft Beers“ und wie viele Dutzend Arten von Hipster-Kaffee es in Berlin-Kreuzberg geben mag. Ich komme zu keinem Ergebnis, verscheuche die peinlichen Gedanken und gehe schlafen.

Anderntags ist ein Spaziergang durch St. Pauli fällig. Ich möchte nach vielen Jahren, wie es so meine Art ist, auch die hintersten Ecken erforschen. Will sehen, wie der berühmte Stadtbezirk die „Transformation“ zwischen Touristen-Abzockmeile, freundlichem Ausgeh-Viertel und (womöglich) Hipster-Kiez überstanden hat.

Der „Dom“ ist vorbei, das 160 000 Quadratmeter große Gelände ist verwaist. Für einen gewissen Roller-Fahrer reicht die Fläche aber immer noch nicht aus. Also ein bisschen wie in Berlin

Ich beginne den Marsch quer übers Heiligengeistfeld, das „Dom“-Gelände. Der „Dom“, ein bedeutendes Volksfest, ist grad beendet, nur so gelingen preiswürdige Bilder der toten Achterbahn. Und ebenso bewegende Schnappschüsse der trainierenden St.-Pauli-Fußball-Prominenz.

Und dann ist die Exkursion auch schon beendet. Handy-Klingeln, der Termin-gestresste Kumpel R. hat eine halbe Stunde frei und ist in der Nähe. Wie es die Vorsehung will, ist „Nähe“ tatsächlich nur 200 Meter. Wir gehen ein Bier trinken, obwohl es erst 11 Uhr ist.

Ich bleibe natürlich bei Astra-Bier, schließlich ist hier St. Pauli.

R. bevorzugt Hefeweizen, seine Schulter schmerzt, daher der Arzt-Termin gerade um die Ecke, eine OP droht. Irgendwo klar, dass er mit einem großen Hefeweizen die Schmerzen etwas lindern möchte.

Aus meinem Privat-Spaziergang wird so nichts mehr. R. wohnte in diesem Quartier, kennt alles und jeden, wir wandern umher, von Lokal zu Lokal, überall gibt es was zu besprechen, ein Hefeweizen gibt das andere.

Trubel auffe Schanze, unverändert. An der Straße Schulterblatt kennt Kumpel R. fast jeden

Somit sind wir Brüder im Geiste: Tarzan siedelte nach Berlin um, Kumpel R. in ein winziges Dorf in Schleswig-Holstein. Und beide krebsen wir nun in unserer einstigen Heimat herum.

Ja, die Heimat lässt einen nicht los. Heimat ist Heimat. St. Pauli ist Astra.

Und warum trinkt Kumpel R., der mir ja vor geschätzten 100 Jahren nach einem Bayern-Urlaub das Hefeweizen-Bier unwiderstehlich nahebrachte, hier auch nur dieses?

Eine Verwaltungs-/Bezirksreform ist schuld: Der Kiez, in dem R. wohnte (früher „Schanzenviertel“, Mischmasch zwischen drei Bezirken, ist jetzt ein eigener Stadtteil geworden: „Sternschanze“.

Ich wandere gen „Heimat“. Es sind nur wenige Hundert Meter zur „Domschänke“. Wo das monatliche Gruppentreffen der Großneumarkt-Vesprengten stattfindet.

Und das ist, verwaltungstechnisch, schon der Stadtteil St. Pauli.

Und da trinkt man Astra.

Sonst nix.

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