Nacht überm Königssee

So allmählich wird es still am Königssee. Die Tagestouristen sind verschwunden, die meisten Lokale schließen um 20 Uhr, übrig bleibe ich, wieder mal der „harte Kern“, mit einigen frischen Fotos und einer Maß Bier. Das gilt als „kalte Küche“, ist also auch nach 20 Uhr machbar. Schließlich sind wir in Bayern.

A Ruah ist’s.

Früh ging es los, rasende Bahnfahrt in viereinhalb Stunden nach München. Mit dem Auto kaum zu schaffen, und über Erfurt kommt man da eigentlich auch nicht.

Erfurt Hauptbahnhof. Große Buchstaben am Gebäude gegenüber fordern Willy Brandt auf, ans Fenster zu kommen. Wird er das jetzt noch machen? Doch, ich muss googeln, soooo alt bin ich wieder nicht, dass ich damit auf Anhieb etwas anfangen kann. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen der Regierungschefs beider, nun ja, Staaten, 1970 war das, gipfelte in ebenjenen Jubelrufen des geknechteten DDR-Volks: „Willy Brandt ans Fenster!“

19 Jahre später trat Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Prager Botschaft: „… dass heute Ihre Ausreise …“ Ausreden ließ man ihn nicht. Knapp sechs Wochen später dann Schabowskis legendäre Pressekonferenz: „… nach meiner Kenntnis … tritt das … sofort …“

Meilensteine der Geschichte. „Unverzüglich“ rast mein Zug nun, ganz unbemerkt, über die einstige Todes-Grenze hinweg, erreicht das fränkische Bamberg.

München, Rosenheim, Schnee. Oben auf der Kampenwand. Okay, geh ich ein andermal rauf. Ich sitze bequem und spare viel Benzin, was die grüne Kanzlerin freuen würde. Also würde.

In Traunstein erhasche ich einen Blick auf die Tankstelle. 1,77 Euro. Das ist weit weniger als für eine Maß Bier. Trotzdem werde ich am Ziel eine solche wählen. Schon der Gesundheit wegen..

Von Freilassing aus wie angekündigt Schienenersatzverkehr, die Bahnstrecke wird nach den Flutschäden vom März saniert. Tatsächlich sind immer wieder Bauzüge auf dem Gleis zu sehen, verbunden mit emsigen Arbeiten. Klar, war ja so angekündigt. Wir sind ja nicht in Berlin hier. So, der musste sein.

Berchtesgaden. Fast da. Ich bin (oder war) ja dauernd hier, erkenne einige der standhaften Berge, die haben sich kein Stück bewegt, und erinnere mich an die richtige Busnummer. Ja, es gibt auch eine andere nach Königssee, aber die fährt ja einen großen Umweg. Alles wie gehabt. Ein ganz kleines bisschen fühlt es sich heimatlich an. Ja mei.

Bei einer Maß Bier im „Schiffmeister“ forsche ich nach banalen und seltsamen Neuigkeiten. Die Romy-Schneider-Ausstellung im „Alten Bahnhof“ findet nach wie vor dauerhaft statt. So weit nicht neu, ob ich mal reingehe, entscheidet das Wetter.

Neu ist, dass man hier junge, noch flugunfähige Bartgeier ausgewildert hat. In eine recht unzugängliche Felsnische in 1300 Meter Höhe. Ich ahne, wo das ungefähr ist, aber ich werde nicht versuchen hinzuklettern. Genau wie die kleinen Geierjungen kann ich nämlich auch nicht fliegen.

Aber was ist das für eine Art, flugunfähige kleine Vögel in einer Felswand auszusetzen? Ja, frühmorgens, wenn die Kleinen schlafen, wird ihnen heimlich Futter hingestellt: Sie sollen ja wild werden, das Essen nicht mit Menschen in Verbindung bringen. Aber fliegen können sie nicht. Lernen sie das von allein oder was? Auch ohne je eine Geierschule besucht zu haben, finde ich das bedenklich.

Noch was aus großer Höhe: Die „Biwakschachtel“ in der Watzmann-Ostwand wird 70 Jahre alt! Auch dort werde ich wohl nicht hinklettern, lese aber mit Schaudern (im sicheren Tal) von den Hüttenbuch-Einträgen der Abenteurer, die das Abenteuer überlebt haben.

Ein aufziehendes Gewitter hätte bös enden können, den Alpinisten in der Wand rettet das Biwak in 2380 Meter Höhe wohl das Leben. Andere waren zu erschöpft zum Weiterklettern, wieder andere wurden „von der Dunkelheit überrascht“, verbrachten die Nacht im Biwak.

„Von der Dunkelheit überrascht“. Ah ja. Wo mag die plötzlich hergekommen sein? Wohl ein ähnliches Phänomen wie das alljährlich überfallartig hereinbrechende Weihnachten.

Ich bin eher selten von der Dunkelheit überrascht, die kündigt sich mal früher, mal später, an jedem Abend an. Aber das Hochgebirge hat eigene Regeln. Und wer in der Watzmann-Ostwand rumhängt, hat eben ab mittags schon mal keine Sonne mehr.

Ich kann erkennen, wenn die Dunkelheit ans inzwischen menschenleere Seeufer kriecht. Trister Anblick. Ich müsste Richtung Biwak, es sind nur ein paar Minuten Fußweg die Jennerbahnstraße hinauf.

Dennoch wartet ein brutales Hochgebirgs-Alpin-Problem auf mich: Mein wunderbarer Wanderstock blieb im wunderbaren Auto in Berlin. Den wollte ich nun nicht im ICE vor mir hertragen, was sollen die Leute denken, gerade z.B. in Erfurt?

Irgendwo im Totholz des Hochwalds werde ich morgen früh einen neuen, wunderbar passenden finden. Das ist mir noch immer gelungen.

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