Die härteste Bergtour aller Zeiten

Nach dem leicht enttäuschenden Bahnwärterhaus-Besuch an der „Blockstelle Eggwald“ zieht mich das Auto erstaunlich zügig (daher „ziehen“) die Serpentinen der Schöllenenschlucht hinauf. Besser, als ich das zu Fuß könnte.
Beim letzten Frühspaziergang, es war ein feuchter Morgen, begegneten mir ja so einige Salamander (nein, nicht die Schuhe). Und da konnte ich Unglück vermeiden.

Es heißt, wenn man auf einen Salamander tritt, stößt der einen so lauten Schrei aus, dass man sein Leben lang nichts mehr hören könne. Ergo vermied ich das.

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Nein, ist der süß! Respektvoll verschwindet er, kann aber der Kamera nicht entkommen

So komme ich mit perfektem Gehör in Hospental an. Empfänglich für das gewaltige Quietschen und Knarzen in dem „urchigen“ Haus von ca. 1650.
Die Corona-Regeln werden hier strenger eingehalten als in Intschi, Hände desinfizieren ist Pflicht, und abends muss die Wirtin so manchen abweisen. Der Abstand

Zeit für eine geniale, nahezu gottgleiche Überleitung: Um etwas Abstand zu gewinnen, spaziere ich an den Gleisen zu einem Kuhdorf namens Zumdorf. Über den Höhenweg soll es zurückgehen, aber garstig brüllende Kühe verwirren mich, zumal der erwartete Abzweig nicht kommt.
Wieder runter zu einem Gasthaus. Der Wirt klärt mich auf: „Das ist schon richtig, oben hinter den Rindviechern geht’s zur Spitzkehre. Auf der Kuppe dort.“

Wieder rauf. Während ich beruhigend auf die missmutigen Wiederkäuer einrede, wird mir klar: Dieser aufs Handy kopierte Karten-Teil hat eine andere Größe. Die fetten braunen Höhenlinien bedeuten hier keine 100-Meter-, sondern 200-Meter-Schritte. Na bravo. Kein Wunder, dass der Abzweig nicht kommen wollte. Er liegt unerwartete 100 Meter höher.

Es wird dann doch noch hübsch da oben. Windig wie an der Nordsee. Und die Schuhe, die Schuhe! Alle Befürchtungen sind endgültig verflogen, sie scheinen jetzt Teil meines Körpers geworden zu sein.

Und das lässt einen nebulösen Plan zum echten Vorhaben reifen. Mit der „Matterhorn-Gotthard-Bahn“ werde ich, gleich morgen, durch den „neuen“ furkbaren Furka-Basistunnel ins Wallis fahren. Und dann entlang der „alten“ Zahnradbahnstrecke, über das furkbare Gebirge zurück, über den Furkapass. Und wieder abwärts, Richtung Pension, Bier und Schnitzel.

Etwa 20 Kilometer Luftlinie sind es nach Hospental. Übrigens genauso umgekehrt. Aber durch den Furka-Basistunnel werde ich nicht zurücklaufen, das ist wohl nicht gern gesehen. Und sinnlos, wo ich doch gerade im wackelnden 2.-Klasse-Abteil, schick mit Corona-Maske gestylt, hergekommen bin. 15 Kilometer Schwärze. Nee, ein anderes Mal. Wenn ich noch verrückter geworden bin. Sofern das geht.

Also von Oberwald aus den Schienen der alten Dampf-Zahnradbahn bergwärts folgen. Wir folgen den Bahnschienen. Kennt man aus diesem Blog. Hoffentlich wird’s nicht bald langweilig.

Listig habe ich mir ein Fahrplanblatt kopiert. Durch das Corona-Drama war der Betrieb bis vor wenigen Tagen eingestellt, die vorläufigen Planungen sehen einige wenige Züge vor.
Wobei: „Fahrplan“ und „Betrieb“ ist stark übertrieben. Die bis vor einigen Jahren verrottete Strecke wurde mühsam wieder hergerichtet und nun mit Dampfzügen voll begeisterter Touristen befahren. Die Fahrt dauert zwar nicht zehnmal so lange wie durch den neuen Furka-Basistunnel, ist aber dafür zehnmal so teuer. Ein Grund mehr, die tolle Landschaft am Gleis zu Fuß zu genießen.

Eine Rotte Gleisarbeiter am Waldrand berichtet, dass ich gegen 11.30 Uhr an der Straßenbrücke wohl einem Zug aus Gletsch begegnen werde. Oh. Den hatte ich nicht auf dem Zettel. Gut, wenn man offen und freundlich auf Fachleute zugeht und zuhört.

Es ist bald 11.30 Uhr, ich bin etwas nervös. Es gibt hier Engstellen und Felswände am Gleis, die ich zeitraubend überklettere, um den Zug nicht zu nerven oder einen mittleren Alarm auszulösen. Eigentlich möchte ich ja nicht gesehen werden, wer weiß, was für Strafen kommen. Hier ist schließlich nicht das rechtsfreie Berlin. Kleiner Seitenhieb.

Aber der Zug lässt auf sich warten. Rechterhand fließt jetzt die junge Rhone, ja, richtig, jene, die auch bei Lyon und Marseille umherfließt. Tief unten und wild rauscht sie, da komme ich nicht mehr rüber, obwohl dort der gesetzliche Wanderweg verläuft. Dann bleibe ich halt auf dem Gleis.

Der Kehrtunnel vor Gletsch und die Serpentinen des Grimselpasses sind schon zu sehen, als mich der Zug dann doch überrascht. Viel zu spät und sehr untypisch für die Schweiz.
Rasch springe ich auf ein Plateau im Grünen und filme los. Der Lokführer wird denken, ich sei von der Straße heruntergekommen. Alles gut.

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Uff. Gletsch ist erreicht. 1760 Meter hoch. Immerhin bin ich auf 1370 Meter gestartet. Also ein Fleißkärtchen.

Ab ins Tourismusbüro, das aber gleich schließt. „Möchten Sie mitkommen?“, fragt mich eine Dame. “Ich zeige einer Gruppe den Ort.“
„Vielen Dank, ich möchte noch weiterwandern zum Furkapass.“

Beleidigt ist sie nicht, aber ihr Blick spricht Bände. Kein Wunder, das sind weitere 700 Höhenmeter. Aber ich bin nun mal gerade im Heldenmodus. Sicher ist auch Gletsch mal einen Aufenthalt wert, ich fürchte nur, dass das legendäre Hotel „Glacier du Rhone“ mich mangels eigener Tankerflotte, oder was man hier so hat, dezent abweisen wird. Aber wer weiß? Die Zukunft ist noch lang.

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Lang wird dann auch der Weg in Richtung Passhöhe. Schon lange erkenne ich weit oben das „Belvedere“ an der Passstraße. Toll zu sehen, wie ich ermüdungsfrei immer näher komme.

Wenn man will und im Heldenmodus ist, kommt man immer dichter.
Aber doch: Viel Steine liegen am Weg …

Weniger toll ist der Blick nach links. Vom Rhonegletscher ist nicht viel übrig geblieben. Und das liegt nicht an der brütenden Hitze dieses Nachmittags. Das hat andere Gründe. Zum Beispiel mein Auto, das in Hospental steht, ist ja nicht soo weit weg. Ich bin schuld. Im Zweifel bin immer ich schuld (auch wenn mein Auto öfter steht als die SUVs der Berliner Helikopter-Eltern).

Man muss ja gar nicht Auto fahren, um den Rhonegletscher zu zerstören. Vor wenigen Wochen wurde ich beim emsigen Blog-Schreiben in der Kneipe barsch belehrt, dass diese Internetverbindung, also die gewaltigen Server-Kapazitäten, die ich verbrauche, alles kaputtmachen, also die ganze Welt.

Der Eiferer gehörte zu jenen, die alles nach James Watt, Thomas Edison und Carl Benz als Teufelswerk bezeichnen. Der ganze Kiez ist ja voll davon. Ich zeigte auf mein Fahrrad gegenüber (Karl von Drais übrigens), was ihn nicht beeindruckte, da ich ja „im Internet“ sei. Verdächtig passend zur TV-Primetime verschwand er dann, wollte sicher was im Fernsehen schauen. Ach nee, wohl eher nicht. Verbraucht ja Strom.

Geschockt über diese Belehrungen fuhr ich also mit dem Wagen in die Schweiz und sehe nun die Folgen meines Tuns: den Rhonegletscher. Und das, obwohl ich hier wie erwähnt kein Internet-Navi nutzte.

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Erstaunlich, wie viel Rhonewasser der leere Gletscher noch hergibt. Es reicht bis zum Mittelmeer

Unterdessen habe ich die Station Muttbach erreicht, über 2100 Meter hoch. Auch hier beginnt ein kleiner Furka-Tunnel, und der Mann auf der kleinen Diesel-Schublok, die Dampfzüge auf der Steigung durch den Tunnel unterstützt, sieht nicht so aus, als wolle er mich da einfach durchlaufen lassen.

Was soll’s? Es sind ja nur noch 300 Höhenmeter neben dem Tunnelportal durch steiles Grün hinauf zum Pass.

Der Führer hat das absolute Gehör.

Merkt Ihr was? Ja, dieser Satz musste rein. Aus reinem Jux. Damit jemand wieder räsonieren kann über Nazis und rechts und so. Alles schon dagewesen.

Der Maschinist also, der Steuermann, der Fahrer der kleinen Lok erkennt einen weit entfernten Vogelschrei als das Pfeifen des Zuges aus Gletsch. „Da ist er am Bahnübergang.“ Oha. Lange her, dass ich den passiert habe. Tatsächlich nähert sich bald ein Dampfzug, schnaubend und stampfend, wie sie es halt so an sich haben.

Durch den Tunnel geht es für Vollzahler, Fußgänger bitte links halten.
Nur 300 Meter höher, in der Lücke, liegt der Furkapass

Begeisterte Dampf-Touristen bestaunen die grün-felsige Einöde auf 2100 Metern, unser Maschinist setzt sich mit der Schublok routiniert hintendran, der Konvoi verschwindet dieselnd in der Schwärze. Dampfen soll es im Tunnel wohl nicht, da der Rauch nicht abziehen kann. Vielleicht ist mein Auto oder das Internet ja doch nicht allein schuld am Abtauen des Rhonegletschers.

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Sollte ich in den Tunnel folgen? Taschenlampe ja wie immer dabei. Besser nicht.
150 oder 200 Höhenmeter habe ich hinter mich gebracht. Tief unten sehe ich die kleine Lok wieder an der „Station“ Muttbach halten. Der Führer Fahrer wäre mir im Tunnel begegnet. Nicht so gut.

Natürlich „packe“ ich den Furkapass. Eine ansprechende Höhentour von Oberwald aus, auch angesichts der horizontalen Entfernung. Aber leider ist hier Schluss.

Zwei von zwei Lokalen in dieser eisigen Todeszone sind geschlossen. An einer Schneewächte (der erste Schnee in diesem Urlaub!) kratze ich mir etwas sauber Weißes unter der schmutzig-braunen oberen Schicht zusammen. Kalt. Lecker. Genuss.

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Hier halten täglich Hunderte Autofahrer und Biker, um die Bergwelt zu bestaunen. Aber zu Fuß? Das schafft nur Tarzan

Die Wegzeiten ins, wer hätte das gedacht, sehr viel tiefer liegende Tiefenbach sind hart. Auch auf das hübsche Gleis der alten Zahnradbahn werde ich erst wieder nach einem zeitraubenden Abstieg treffen. Und dann bin ich noch immer nicht in Realp, wo mich ein Regiozug zu Bier und Schnitzel bringen könnte.

Nicht dass ich müde wäre. Oder die Füße schmerzten. Quatsch, niemals.

Aber man muss aufpassen. Das Gelände östlich der Furka ist hart, wild und einsam. Und es ist 16 Uhr. Ich will meine nette Wirtin nicht nach Lokalschluss rausklingeln. Ich glaube, solche Gedanken kommen einem nur, wenn man erwachsen ist. Schrecklich. Oder alt wird. Auch schrecklich.

Am Parkplatz spreche ich ein deutsches Auto an. Also eher die Insassen, die offenkundig Richtung Andermatt wollen. Sie sind wortkarg, aber ganz nett. Wir setzen dann alle mal Masken auf, was die drei ohne mich sicher nicht getan hätten.

Nach kurviger Fahrt passabwärts setzen sie mich in Hospental ab. Wortreicher Dank von Havel und Spree geht an den hessischen Fahrer aus der Rhein-Main-Gegend.

Ein hartes Stück Weg. Vielleicht (meinem vorgerückten Alter entsprechend) eines der heftigsten. Aber ich würde es wieder tun. Die Hälfte der Furka-Dampfbahn-Idee ist geschafft. Und die (nicht ganz so kranke) Idee, West-Berlin mit dem Fahrrad zu umrunden, habe ich ja auch letztlich vollendet.

Ich habe noch Zeit. Die Schuhe sind okay. Irgendwann sehen wir uns wieder.

Da oben. Auf dem Furkapass.