Wie ich in Stettin den verstorbenen Papst Karol Wojtyla traf

Am Späti ist wieder mal die Hölle los. Viele sitzen hier und trinken Bier, sogar zwei Typen, die ich neulich traf.

Sie stammen aus Hamburg. Das liegt, von Berlin aus gesehen, ein Stück hinter Spandau. Eigentlich sogar noch hinter Falkensee. Und sie wohnen im Nachbarhaus. Seit knapp zwei Wochen. Ich denke, man kann sie nunmehr als Anwohner bezeichnen.

Sie fallen also nicht in meinen „soziodemografischen Rassismus“. Dieser besagt, dass ich traurig finde, dass ein ehemals lauschiger Anwohnertreff zum Touristen-Disneyland verkommt. Inklusive Mega-Gebrüll und Müll-Chaos. Diese Traurigkeit wird reflexhaft dann aus bestimmter Richtung gern als „rechts“ bezeichnet. Weshalb ich diese Traurigkeit auch sofort abstelle.

Schließlich soll es hier um Stettin gehen. Ja, Traurigkeit über Berlin trieb mich schnell wieder nach Nordosten, Richtung Polen. Bitte jetzt nicht nachmachen. Wenn alle Menschen, die an Berlin was zu mäkeln haben, nach Stettin führen, wäre das ganz schlecht für die pommersche Hafenstadt. Außerdem wird Mäkeln von einigen (s.o.) schnell mit Rassismus gleichgesetzt.

Wird das jetzt langweilig? Also, Stettin meine ich, das war ja hier schon mehr als einmal Thema.

Nein, diesmal ist es leicht anders. Leicht neu.

Frau Hiob überredet mich zu einem Kurzurlaub. Im Buchungsportal meines Vertrauens hat sie ein schnuckeliges Apartment entdeckt. Und es gibt, trotz eigentlich Arbeit, keinen Grund, sie nicht nach Stettin zu begleiten. Seit dem Beitrag „PolenOffice“ wissen wir, das „HomeOffice“ auch mobil funktioniert, daher dann „MobileOffice“.

Stettin hat sich an vielen bekannten und versteckten Ecken farbig herausgeputzt. Das grüne Gebäude ist das Rathaus

Natürlich hat Frau Hiob hier etwas vor, es geht wie immer um geschäftliche Dinge, die in der „Heimat“ Deutschland nicht so locker und preiswert zu bauen sind. Und natürlich war ihr beim letzten Stettin-Besuch wieder ein Malheur passiert. Das ist üblich, sonst hieße sie nicht Frau Hiob.

Frau Hiob also vermisst seit dem letzten Trip ein T-Shirt. Das kam so, und muss hier thematisiert werden, weil mein voreiliges Lob der Unterkunft auf dem Buchungsportal meines Vertrauens nicht mehr zu ändern ist:

Ankunft: niemand da. Telefon: niemand da. Wegen eines Termins zog sich Frau Hiob in einem Nebenraum des zugehörigen Restaurants um. Wie üblich vergaß sie was, ein edles T-Shirt. Und niemand ging je ans Telefon. Um sie über das Schicksal ihres T-Shirts aufzuklären. Alle polnischen Bitten aufs polnische Tonband und SMS wurden ignoriert.

Womit der Inhaber natürlich nicht rechnet: das leibhaftige Auftauchen der erbosten Frau Hiob! Und das soll heute stattfinden. Showdown! Ich bin gespannt.

Das Vergessen von Frau Hiobs T-Shirts ist Tradition. Aus dem „Hotel Alpina“ in Zernez hatte ich es ihr nach einigen Telefonaten wiedergeholt. Es waren nur ca. 30 km von St. Moritz. Wir haben’s ja. Außerdem spreche ich sehr gut schweizisch. Was die Rückholaktion erleichterte.

In Polnisch bin ich nicht so versiert, kann durchaus ein Bier bestellen. Das nützt aber Frau Hiob nichts, die Rotwein bevorzugt. Den kann ich auch auf Polnisch bestellen. Aber übertreiben wir jetzt mal nicht.

Nun sind wir erst mal in der Wielkopolska gelandet, eine der Ringstraßen, die vor Langem kreisförmig um die City angelegt wurden. Da diesen Teil der Wielkopolska aber keine Sau kennt und die Autos , wie in allen Städten, ja doch unbeirrt Richtung City streben, ist es angenehm ruhig.

Der Besitzer ist dermaßigst von unserem Charme, unserer Ausstrahlung, unserer Schönheit angetan (ja, ich hör schon auf), dass er uns seine Privatnummer gibt. Für künftige Besuche. Er hat nämlich noch ein Appartement. Und das an unserem Zweit-Lieblingsplatz, gegenüber unserem Zweit-Lieblingsrestaurant.

Alles gut also. Bis auf die Arbeit. Die muss auch morgen sein, obwohl ich eigentlich frei hätte. Ein Krankheitsfall im Büro. Oder sagen wir, einer Mitarbeiterin. Denn im Büro war die ja noch gar nicht.

Eine einzige Kollegin sitzt da nun, die kann man eigentlich nicht alles allein machen lassen.

Nun kommt die große Stunde von Computer, Internet, Smartphone und WhatsApp. Mit der zweiten Kollegin, die im Urlaub in Dänemark weilt, verabrede ich eine Arbeitsteilung für diesen harten Tag. Als verantwortungsbewussste EU-Bürger haben wir das Dienst-Notebook natürlich dabei. Und ebenso das Smartphone, um ggf. eine WLAN-Verbindung („mobiler Hotspot“) aufzubauen.

Ich bin mächtig stolz auf uns. Sch … auf Urlaub oder Dienstplan. Und ganz, ganz leise kommt mir der ketzerische Gedanke, dass das alles ohne die Corona-Pandemie so gar nicht möglich gewesen wäre. Ja, in einem Dutzend Jahren vielleicht. Nun aber hat das Teufels-Virus ein rapides Umdenken in den Unternehmen (nein, nicht der Berliner Verwaltung) beschleunigt, die allseitige „Transformation“ ermöglichte das „Homeoffice“, nun also das „Mobile Office“.

Und ich richte mir im 3. Stock eines Altbaus an der Wielkopolska ein „PolenOffice“ ein.

Vorher ist aber noch Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang in dem mir noch unbekannten Stadtquartier. Einige Fotos gibt’s schon weiter oben, da ich dem geneigten Leser keine solche „Bleiwüste“ bis hierhin zumuten mag.

Papst Johannes Paul II. dreht dem Rathaus den Rücken zu. Es ihm selbst aber auch. So viel muss zur Gerechtigkeit gesagt werden. Und überhaupt: Was geht ihn weltlicher Kommunal-Kram an? (Foto: dreamstime.com)

Zunächst mal zum prächtigen Rathaus. Zuletzt war ich vor etwa einem Jahr hier, als Frau Hiob ihren heimatlichen Führerschein abholte. Bekanntlich kommt ihr immer mal irgendwas abhanden (s.o.).

Ehrfurchtsvoll betrete ich den großen Park dahinter. Wie die große Allee, die zum Rathaus führt, heißt er „Jana Pawla“. Das ist keine polnische Musikantin, sondern der Name des Papstes Johannes Paul II. Solche Feinheiten sind mir natürlich schon aus Zgorzelec bzw. Görlitz bekannt.

So bin ich nicht überrascht, im Park auf Herrn Wojtyla zu treffen. Aus Stein natürlich, gütig, väterlich, nahezu päpstlich. Und immer mit frischen Blumen versorgt.

Ein weiteres Denkmal fordert Aufmerksamkeit. Wenn ich richtig verstehe, symbolisiert es eine Art „Dreifaltigkeit“: das Streben und Wirken des polnischen Volks in Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft. Wobei die natürlich keiner voraussagen kann. Stichwort nur mal die Kaczynski-Partei „PiS“.

Der „Park Kasprowicza“ dahinter ist noch größer und hat einen ansprechenden See. Nachdem mich eine seltsam gesprenkelte Taube intensiv bewundert hat, beschließe ich, auf einem Hügel selbst was zu bewundern. Große Kunst.

Der Sinn der Installation erschließt sich mir nicht recht. Aber eine Info-Tafel erklärt zumindest, wann die „Flammenden Vögel“ von Wladyslaw Hasior entstanden und wie sie herkamen.

Frau Hiob, der ich später das Foto zeige, kennt den Künstler natürlich. Es ist eine kleine Aufmunterung für sie. Sie hat in unserem vorherigen Apartment weder den Inhaber noch ihr T-Shirt angetroffen. Und ein Rückruf kommt auch nicht.

Selber schuld. Frau Hiob schreibt jetzt eine vernichtende Kritik auf einem polnischen Hotelportal, und wir sind uns beim abendlichen Rotwein aus der „zabka“ einig: Da jehn wa nimmer hin.

Ach ja: „Mobile Office“ lief tadellos, auch am eigentlich freien Tag. Das mache ich bestimmt mal öfter, demnächst zum Beispiel vom Nordpol aus. Oder so.

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