Von Erz zu Erz

Von Eisenerz nun ins Erzgebirge. Geniale Analogie, die in der Steiermark eher verständnislos quittiert wurde. Weiter also auf der „Eisenstraße“. Was sonst. Ennstal, Steyr, Mauthausen. Mauthausen wäre mal wieder ein Ort zum Innehalten. Es ist auch unsere, die deutsche, diese unsägliche Geschichte. Aber ein pfeilschneller ICE, wohl unterwegs zwischen Wien und München, erinnert mich, dass noch etwas Weg vor mir liegt.

Die tschechische Grenze, unbeeindruckt von Corona, Inzidenzzahlen oder Impfbescheinigungen, liegt unscheinbar und unbesetzt in den Feldern von Wullowitz.

Rasch nordwärts, an Budweis und Pilsen vorbei, ohne an Bier zu denken. Hinter Komotau, Verzeihung: „Chomutov“, die große Südrampe des Erzgebirges hinauf.

Deutschland. Olbernhau. Wieder Erinnerungen. Hier ist die Heimat von Udo, verstorbener Gastronom aus Hamburg, einige Male nach der „Wende“, also der (für die jüngeren Leser) deutsch-deutschen Wiedervereinigung war ich hier. Was mag sich verändert haben?

Erste Überraschung: Das „Hotel Stadt Olbernhau“, ist der einstige „Löser’s Gasthof“. Hier wohnte ich schon mal vor Langem, es kostete 70 D-Mark (so viel zu „vor Langem“). Jetzt sind es 38 Euro. Man kann also nicht sagen, dass der Kapitalismus mit Macht Einzug hier in die Sieben-Täler-Stadt Einzug gehalten hat. Angenehm.

Zweite Überraschung: Die Wirtin, eine sympathische Bulgarin mit Akzent (den ich zunächst, „nahe“-liegend, für tschechisch hielt), hat eigentlich zwei Tage „Ruhetag“, also geschlossen. Da ihr das, inzwischen vernünftig gewordene, Buchungsportal meines Vertrauens, außer mir aber noch andere Gäste beschert hat, kümmert sie sich trotzdem vorbildlich und liebevoll um uns. Das lässt den etwas tristen „Biergarten“ vergessen..

Olbernhaus Nachtleben hat sich in den letzten 30 Jahren auch nicht recht verändert. So gelingen stilvolle Fotos wie zum Beispiel im Harzdörfchen Wieda.

Natürlich muss es anderntags wieder eine kleine Bergwanderung sein. Von Grünthal, hart an der tschechischen Grenze, soll es zum „Gnade Gottes Erbstollen“ gehen. Vielleicht finde ich ja Silber, das mich bis in alle Ewigkeit reich macht, sodass ich nicht mehr arbeiten muss. Gerade so wie das Nazi-Gold am Walchensee.

Natürlich kommt es anders. Ich gerate auf einen Weg, der mit bewegenden Gedichtzeilen einer Ballade bestückt ist. Es sind aber immer nur vier, man muss dem Weg folgen, um die komplette tragische Geschichte des „Hüttenmaths“ zu erfassen:

“ … immer schöne Kleider tragen;
möcht so reich sein wie der Zar;
warum nicht den Teufel fragen?
Gott macht selten Wünsche wahr …“

Das riecht nach faustischem Unheil, das dem „Hüttenmaths“ da droht. Eine weitere Tafel lässt erschauern:

Bravo, das kann was werden. Mir wird himmelangst

Und dann steht der Teufel leibhaftig vor mir, im Hochwald, an einer Wegkreuzung:

Der weitere Weg nach Sayda droht teuflisch zu werden. Ich verzichte


Das ist zu viel. Ich biege ab in einen Waldpfad. Jetzt ist der Weg weg, keine Gedichtzeilen mehr. Ich weiß nun nicht, wie die Ballade endet, dafür hätte ich dem Weg noch einige Kilometer folgen müssen. Aber Recherchen zufolge soll es für den „Hüttenmaths“ absolut nicht gut ausgehen.

Für mich schon. Ich erreiche den, natürlich stillgelegten und versperrten „Gnade Gottes Erbstollen“. Und finde gleich noch einen, versteckt auf einer Anhöhe, durchs Unkraut kaum erreichbar.

Beinah sieht es so aus, als wollte dieser alte Bergbau-Stollen gar nicht gefunden werden. Natürlich zwecklos, wenn TarzanUnterwegs ist

Die massive Holztür vor dem Stollen ist mit einem dicken Schloss gesichert, für die Fledermaus-Öffnung bin ich etwas zu groß. Drinnen sieht es jedenfalls so aus:

Kein Silber für mich. Ich werde noch etwas arbeiten müssen. Aber nicht sofort. Zuerst gilt es, hier oben am Hang, journalistisch knallhart, brutale Lügen aufzudecken. Ein recht verwittertes Schild lobt den Ausblick auf den Bahnhof Grünthal und die daneben liegenden Reste der einstigen Erzförder-Seilbahn ins tschechische Dörfchen Brandov.

Bahnhof Grünthal, okay. Seilbahn, nie gehört. Aber beides ist von hier oben gar nicht (mehr) zu sehen. Neue Gewerbebauten überall.

Dort oben, zwischen Wiesenblumen und Himbeeren, mit diesem Anblick oder eben dem Nicht-Anblick wird mir symbolisch klar, wo der Unterschied zwischen meinen Erinnerungen und dem heutigen Olbernhau liegt: Früher lebten Menschen im, sagen wir „strukturschwachen“ Olbernhau, fuhren zur Arbeit in umliegende Städte. Heute ist Olbernhau etwas entvölkert, aber die Menschen kommen zur Arbeit hierher. Eine ziemlich „autogerechte“ neue Straße von Grünthal zum etwas höher liegenden „Bahnhof“ Olbernhau verdeutlicht das recht hässlich.

Der Bahnhof mag „ostig“ wirken. Aber von hier geht es in die Welt hinaus. Bis nach Chemnitz. Oder auch „Korl-Morx-Stott“. Mit drei „o“

Vielleicht tue ich Olbernhau Unrecht. Ich kenne die Ortsteile Rothenthal oder Blumenau nicht. Viel verlangt nach bald zwanzig Jahren, und viel verlangt bei einem Zweitages-Besuch.

Wo sind meine Erinnerungen? Ich stapfe zur Töpfergasse, zum Haus des verstorbenen Hamburger Kult-Gastwirts Udo. Eine wüste Fete gab es da mal, vermutlich war es der 70. Geburtstag seines Assistenten und „Maskottchen“ Helmut. es war noch alles im Rohbau, es war sehr lustig, Fotos datieren das vom Oktober 2009.

Bald 12 Jahre. Hm. Das Haus ist fertig, am Türschild ein fremder Name, aber noch zwei weitere, bekannte. Der von „Maskottchen“ Helmut. Auch er lebt nicht mehr. Und der von Udo. Dem doppelstaatlichen Hamburger Gastwirt. Seine Witwe fand meine Telefonnummer, erzählte mir von seinem Ableben. Ich eilte an die Elbe, traf sie am Grab. Wohnt sie jetzt hier? Ich klingele. Nichts.

Die große Kneipe, die Udo einst hier betrieb, ist weiß getüncht, alles Wohnungen darin. Wie haben sie das gemacht? Wohl mit Zwischenwänden, der Gastraum war doch so groß? Glaube ich.

Wo sind meine Erinnerungen? Vielleicht in einer Gästepension ein Stück weiter? Ich klingele bei Herrn R., zu DDR-Zeiten „HO-Chef“ des Bezirks, also natürlicher Feind des freigeistig-zweistaatlichen Gastwirts Udo, den ich hier oft nach der „Wende“ besuchte. Und ebenso oft bei jenem Herrn R. wohnte. Unvergesslich dessen Kommentar damals Anfang der 90er: „Ich kann Sie ja nicht danach beurteilen, was für Leute Sie kennen.“

Herr R. öffnet. Viele Jahre sind es her, er ist grau geworden, der Schnauzbart unverkennbar. Und die dritte Überraschung: Er erkennt mich! Etwaige Nachwende-Querelen wegen der „Wessis“ sind vergessen, wir schwatzen an der Tür über alte Zeiten und meinen Südtirol-Urlaub. „Beachtlich“, sagt er. „Ihr Auto hat’s ja nicht so mit Bergen.“

Zack. Der hat gesessen. Die Stasi vergisst nichts. Mein alter Diesel hatte sich einst auf Herrn R.s steiler Auffahrt im Schnee festgefahren. Ja, auch er hat Erinnerungen.

Bierchen im „Fuchsbau“ gegenüber ist nicht. Olbernhau-gemäß hat er nur wenige Stunden in der Woche auf, das Zeitfenster ist vorbei.

Und wenn Jahrzehnte vergehen: Die Flöha fließt



Aber es gibt noch jemanden, der in Olbernhau wohnt. Den ich kenne. Der nicht weggezogen ist.

Die erste „Wessi“-Feier in Udos Kneipe, heute ein Wohnhaus, an der Töpfergasse. Direkt gegenüber wohnte das Mädel, war begeistert von uns „Wessis“. Deutsch-deutsche Kontakte wurden geknüpft. Vermutlich, weil ich am wenigsten betrunken war, ließ mir das Mädel von, im doppelten Wortsinn, „drüben“ einen Brief in Udos zweite, Hamburger Kneipe zukommen, „dass man sich mal wiedersehen müsste“.

Klar, machen wir. Sind ja ohnehin längst über WhatsApp und Facebook verbunden, die neue Zeit. Wir treffen uns in der „City-Bar“, von der meine Madame zunächst denkt: „Die haben doch nur Döner.“ Nein, ich habe schon recherchiert. Eine Bierbar ist nach Umbau entstanden, von der Madame dann doch recht angetan ist. Sie arbeitet zwei Dörfer weiter, war lange nicht hier. Ja, ich war auch lange nicht hier. Bier trinken. Erinnerungen.

Gar nicht gute Erinnerungen, also an Berlin, hat meine Hotelwirtin. Am Morgen meiner Abreise erzählt sie mir schaudernd von einem Besuch am, ausgerechnet, Alexanderplatz. „Menschen suchten in Abfalleimern nach Flaschen oder Essen, es war entsetzlich!“

Ich verschweige ihr, dass das dort Standard ist, druckse etwas herum von vielen anderen Bezirken, wo es viel schöner sei, weiß aber im Hinterkopf, dass sie recht hat. „Nie wieder Berlin!“, ist ihr Fazit.

Wie recht sie hat, weiß ich nach 276 Kilometern. Anders als z.B. in Tolmezzo, verfahre ich mich nicht, biege in „meine“ Straße ein. Auf 400 Metern, binnen einer Minute, entdecke ich so viel Borniertheit, Schmutz, Verwahrlosung, Dummheit und Verbrechen, wie ich es in ganz Italien und Österreich nicht gesehen habe. 400 Meter. Eine Minute. Berlin. Eindeutig.

Na gut. Dann bin ich halt wieder da.

Ein Gedanke zu “Von Erz zu Erz

  1. Pingback: Auf St. Pauli trinkt man Astra – TarzanUnterwegs

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