Blockstelle Eggwald

Eine SMS erreicht mich: „Nun mal konkret: Welche 2000er hast Du bezwungen?“

Muss er gerade sagen. Mit Strandurlaub in St. Peter-Ording und so.

Nein, nicht ungerecht sein. Auch im nicht ungebirgigen Hintersee ist er mit mir umhergelaufen, seinen Zielort im Tiroler Pustertal habe ich auf einer meiner Alpentouren mal spontan aufgesucht, großes Hallo.

Alters-witzig (er ist Rentner, ich arbeite dran) sagte ich ihm zum Spaß, dass ich in der späteren „passiven Phase“ der Altersteilzeit endlich alle 2000er der Schweiz bezwingen könnte.
Ein Scherz, natürlich, da die Schweiz weit Höheres zu bieten hat.

Kein Scherz, wie ich nun bitter feststellen muss. Einige meiner waghalsigen Ideen, gigantische Rundtouren, gar Gipfelüberquerungen, sind nicht zu verwirklichen. Die Wegzeiten reichen nicht. Doch, sie reichen. Aber eben nicht mehr für mich.

Wie kann man so aus der Übung sein? Natürlich ist es kein Kinderspiel, aus einem 600 Meter hoch liegenden Dorf mal eben am Vormittag 1400 Meter aufzusteigen. Aber das hat mich doch vor wenigen Jahren nicht gestört! Das waren Spaziergänge!

Aber da wusste ich noch nichts von Altersteilzeit. Ist das jetzt was Psychologisches? Das plötzliche Wissen um die eigene Endlichkeit? Das Schielen zum Grat hinauf, die Unsicherheit, ob es für den Rückweg reicht? Gar unbekanntes Gelände dahinter? Nennt sich das „erwachsen werden“? Oje.

Nein, ich hab’s. Hier in Intschi, im steilen Reußtal, wird klar: It’s the topography, stupid!

Es ist einfach zu steil, zu viele Pausen sind nötig. Genau das wird es sein.

It’s the topography, stupid!

Ferne und Nähe (s.u., Thomas Wolfe). Aber es
braut sich was zusammen. Runter hier!

Natürlich schaue ich auf dem 2034 hohen Sunniggrat vorbei. Hatte ich ja dem vorlauten SMS-Schreiber angekündigt.

Ein Klacks für Helden, auch wenn es gerade gewittert und ich das stählerne Gipfelkreuz nicht anfassen will. Ja, man hat bei Gewitter dort oben nichts zu suchen. Aber das Unwetter kam rasch und harmlos, die letzten 60 Höhenmeter vom Berggasthaus sind doch zu verlockend.

Nach 30 Minuten bin ich zurück. Es regnet. Die Hüttenwirtin bietet mir einen Gummi-Poncho an, lässt sich aber nicht dazu herab, mich mit der Materialseilbahn herabzulassen. Vorschriften.
Flink bin ich unten am Arnisee, läppische 700 Meter tiefer, nehme einen anderen Abwärtssteig nach Intschi. Interessante Industriedenkmale sind hier im Wald zu bestaunen.

SAM_4815
Was mag einst auf diesem Gleis zum 1360 m hohen Arnisee geschleppt worden sein?

Alles halb so schlimm, 2000er sind ja eine Fingerübung für mich.

Trotzdem geht’s am nächsten Tag ins Maderanertal, das sich sanft ansteigend zum Ende der Welt hinzieht. Ein Marsch zum Füße-Schonen.

Das rechte Bild zeigt klar, was das linke soll

Wieder unten in Amsteg stelle ich fest, dass Amsteg gar keinen Bahnhof hat. So gibt es logischerweise auch keine Wurstbude am Bahnhof.

Es waren feine Tage. Das nächste Ziel ist nicht weit, nur einige Kilometer bergauf. Hospental bei Andermatt, abgelegen wie  Intschi. Aber 1450 Meter hoch. Das eröffnet einem geschwächten Gipfelstürmer andere Möglichkeiten.

Vorher aber noch ein Stopp in Wassen.

Wassen. Berühmtester Ort der alten Gotthardbahn. Mit der berühmtesten Kirche aller Bahnreisenden. Dreimal können sie das Gotteshaus sehen. Dreimal führt die Strecke durch Wassen, klettert durch Kurven und Kehrtunnel am Dorf vorbei. Jedes Mal eine „Etage“ höher.

Man ahnt, dass ich als Eisenbahn-Freak hier früher oft herumgeklettert bin. Viele Jahre her. Und nun noch mal ein Stopp.

Ich halte kurz hinter dem Bahnhof, auf der „zweiten Etage“ der Strecke. Eine kurze Kletterei erwartet mich, ich will zur „dritten Etage“.

Dort oben, hoch überm Dorf, müsste ein Bahnwärterhaus stehen. Direkt an der schrecklichen Rohrbach-Schlucht, an der Einfahrt des Naxbergtunnels.

Die „Blockstelle Eggwald“.

Ich bin auf der Suche nach einer Erinnerung. Und einem Schlüssel.

Bestimmt über 20 Jahre ist es her. Ich war über Stock und Stein, durch Wald und Abhänge auf dieses einsame Wärterhaus am Gleis gestoßen. Natürlich war niemand mehr dort, längst hatte Elektronik auf der Strecke Einzug gehalten. Ich schaute durch die milchigen Scheiben, entdeckte Bücher und Pläne herumliegen. Gewiss spannende Dinge über die Bahnstrecke. Ob man reinkönnte? Abgeschlossen.

Sinnend blickte ich auf die Blechleisten im Eingangsbereich der kleinen Hütte. In zwei Meter Höhe liefen sie dort. Einer Eingebung folgend tastete ich sie ab.

Da war er. Der Schlüssel.

Ich weiß nicht, wie lange ich in dem muffigen Häuschen über den Eisenbahn-Büchern brütete. Ich nahm mir eine vergilbte Streckenkarte mit, Meereshöhen, km-Angaben, Tunnellängen, auch einige Waldwege eingezeichnet. Ein Schatz. Ich stahl ihn.

Ich schloss hinter mir wieder ab. Kurz überlegte ich, den Schlüssel einfach mitzunehmen. Aber was hätte das gebracht? Der Berechtigte hätte es irgendwann gemerkt, das Schloss ausgewechselt. Sinnlos also. Ich legte den Schlüssel wieder oben auf die Leiste. Genau dort, wo ich ihn ertastet hatte.
Dann entdeckte ich den Trampelpfad nach unten, zur Kantonsstraße, zur „zweiten Etage“. Dornig, überwuchert, kaum zu erkennen. Aber ich kam heil an, mit einem braun vergilbten Streckenplan in der Tasche.
Ich bin nie wieder dort oben am Gleis gewesen.

Bis heute. Es ist Sommer 2020. Unten an der Straße erkenne ich den Weg. Und nach wenigen Metern wird klar: Viel, sehr viel Zeit ist vergangen. Was ist das hier für ein Schild?

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Was fällt denen ein? Es ist MEIN Weg, MEIN Geheimtipp, dornenüberwuchert, kaum zu finden. Nun nicht mehr. Er ist Teil des www.gottardo-wanderweg.ch

Über mir taucht die gewaltige Kellerbachbrücke auf, es ist jetzt nicht mehr weit.

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Da steht das Häuschen. War das schon immer zweistöckig? Und es sieht so neu aus.

Wieder stehe  ich im Vorraum an der Eingangstür der Blockstelle. Verschlossen. Da oben sind die Blechleisten. Immer noch. Aber neu gestrichen. Ist das jetzt Stahl? Mehrfach sehe ich mich ängstlich um, bevor ich wieder den Arm ausstrecke, wie schon vor so vielen Jahren.

Nichts.

Eigentlich war es zu erwarten. So viele Jahre. Hier ist umgebaut worden, keine milchigen Uralt-Glasscheiben mehr, es sind große, saubere Fenster, ein Gärtchen, ein Brunnen. War der schon damals hier? Unendlich viele Möglichkeiten, wo der Schlüssel liegen könnte. Gibt es ihn überhaupt noch? Trägt ihn irgendjemand jetzt bei sich? Und ist das überhaupt wichtig?

Zurück, durch den Wald bergab zur brummenden Kantonsstraße, zum Wagen. Eine Kurzgeschichte von Thomas Wolfe fällt mir ein. „Ferne und Nähe“, ganz zufällig hat auch sie mit der Eisenbahn zu tun. Und mit vielen vergangenen Jahren:

„Er  wusste, dass die ganze bannende Gewalt des hellen, verlornen Schienenwegs, der Blick auf die gleißenden Geleise und jene Wahnbild gewordne Ecke seines kleinen, guten, von Wünschen und Hoffnungen bewegten Weltalls auf immerdar und unwiederbringlich vergangen war.“

Ein Gedanke zu “Blockstelle Eggwald

  1. Pingback: Die härteste Bergtour aller Zeiten – TarzanUnterwegs

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