Intschi, ach Intschi !

Letztes Tanken in Überlingen. Am Bodensee. Sensationell, wo so ein Tank hinreicht, wenn man nicht rast wie ein Irrer.

Von Gailingen am Hochrhein führt eine alte Holzbrücke hinüber ins schweizerische Diessenhofen. Hatte ich hier nicht vor vielen Jahren meine allerersten Millionen-Kontoauszüge heimgeschmuggelt? Bevor ich darauf kam, sie mir selbst per Post zu schicken? Ach was. Sicher ein Irrtum des Chronisten.

Auf der Landstraße nach Winterthur kommt richtig Genuss auf. Auch wenn ich keinerlei Geschäftsbeziehungen mehr hier habe, spielt vermutlich ein blödes beseeltes Lächeln um meine Lippen. So lange nicht mehr hier gewesen. Und dann scheint noch die Sonne fett und liebevoll herunter, als hätte sie auf meinen Besuch gewartet.

Das tragbare Navi im Auto bekam ich 2008 (!) zur Ankunft in Berlin geschenkt. Es macht sich immer noch sehr gut, würde mir außer in Europa sogar in Neuseeland und Australien helfen. British Commonwealth.
Die Schweiz dagegen kennt das Navi nicht, obwohl die durchaus leichter als Neuseeland zu erreichen ist. Dann eben nicht. Auf das Handy-Navi verzichte ich auch lieber. Die Internet-Kosten.

Egal, die Schweiz ist so winzig, da kenne ich eh jeden Meter.

Hinter Rapperswil der ersehnte Abzweig. „Gotthard Luzern Schindellegi“.

Auf geht’s, also rauf geht’s. Die betagte Automatik eine Stufe herunter, gut, dass noch wer vor mir klebt, so merkt keiner hinter mir, dass ich kaum schneller kann. Wie peinlich wäre das denn, bei dem hübschen Wagen?

Das Dorf Schindellegi, oben am Berg, erlangte vor Jahren eine gewisse Berühmtheit, als Paris Hilton dort ihren Wohnsitz anmeldete:
https://www.zsz.ch/obersee/paris-hilten-ist-feusisbergerin/story/29075060

Sie kennen Paris Hilton nicht? Die ist aber berühmt. Erstens durch ein uraltes, nicht jugendfreies Privatvideo, und zweitens überhaupt.
„Überhaupt“ schlägt sowieso alles und duldet keinen Widerspruch. Paris Hilton ist berühmt für ihre Bekanntheit. Oder bekannt für ihre Berühmtheit. Damit ist das wohl klar.

Nicht klar dagegen sind Ursache und Wirkung: Sind diese überaus hässlichen Glas- und Beton-Luxus-Appartements entstanden, während und weil SIE hier war? Oder gefiel Frau Hilton, neben ihrem hier sesshaften Gefährten, dieses unansehnliche USA-Flair?

Mir egal, bloß weiter. Schindellegi ist kein Ort zum Bleiben, auch wenn man den Zürichsee sehen kann. Das kann man von Horgen aus auch, und das war, als ich dort mal kurz lebte, nicht so hässlich.

Die tolle Axenstraße am Steilufer des Urner Sees geht viel zu schnell vorüber. Bei Erstfeld gähnt das Portal des Gotthard-Basistunnels. 57 finstere Kilometer. Der längste Eisenbahntunnel der Welt.

Pfui. Dabei beginnt gerade hier der schönste Teil der alten Gotthard-Bahnstrecke. Wegen der ich schon früher hier war. Und nun, na ja, ein bisschen, auch wieder bin.

Im engen Tal der Reuß hängt alles  dicht beisammen: die Autobahn, die legendäre Bahnlinie, die Kantonsstraße. Und das Gasthaus „Schäfli“.

Bei Regenwetter könnte man auf die Straße gucken.
Aber seit wann regnet’s am Gotthard?

Ich bin da.

Nach drei Minuten die erste Überraschung. Ein einsamer Parkplatz an den Bahnschienen. Ein Holzkasten, völlig offen, mit abgeteilten Fächern. Mittelmäßige bis  hübsche Bergkristalle  darin. 50 Rappen, 1 Franken, 2 Franken, 3, 5. Und ein Kästchen mit Münzschlitz: „Vielen Dank“.

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Zum Mitnehmen. Wenn Sie bitte was  einwerfen? Danke

Was ist das denn?

Ich frage eine abseits stehende Dame: „Verkaufen Sie die Kristalle?“

„Nein, nein, ich mache nur Rast mit dem Auto.“

Das ist seltsam. zumal bisher nicht überliefert ist, dass jemand die Kristalle zusammengerafft, die Münzkassette geknackt und das Holzgestell in Brand gesetzt hätte.
Allmählich wird deutlich, dass ich nicht mehr in Deutschland bin.

Eine uralte Erinnerung taucht auf, natürlich auch von
hier aus der Schweiz. Beim Abstieg vom Wilerhorn im Kanton Bern
entdeckte ich auf einer Almwiese einen ähnlichen Kasten. Köstliche
riesige Käselaibe darin, für 10 Franken, daneben ein weiteres
Gefäß mit Geldscheinen drin.

Mitnehmen und zahlen im Vorbeigehen sozusagen. Der Käse sah
so lecker aus, und ich hatte nur einen 20-Franken-Schein, also
klingelte ich am Bauernhof.

Freundliches Lächeln: „Sie haben Glück, dass ich da bin, hier ist
Ihr Zehner. Aber Sie hätten sich doch auch einen Schein aus dem
Geldkasten zurücknehmen können.“

„Wie, der ist auch offen?“ – „Ja, sicher.“

Für jemand, der „nur“ aus Deutschland kommt, mag das überraschend sein. Für jemand, der dazu noch aus dem schlimmsten gesetzlosen Drecksloch der Republik kommt, ist es völlig unfassbar.

Aber es kommt noch besser: Der erste größere Spaziergang soll mich auf die andere Seite der Reuß führen. Mangels geeigneter Übergänge nehme ich die Eisenbahnbrücke. Für Wanderer ist da ein seltsamer Tunnel im Betonkörper angelegt worden.

Im Brücken-Hohlraum geht es klappernd über die rauschende
Reuß. Hoffentlich hält der Eisenrost

Nach emsiger Kraxelei erreiche ich das „Bristenstäfeli“. Eine Alm vor dem gewaltigen Bristen-Gipfel. Mit 3073 Metern für mich alten Sack vermutlich ebenso unbezwingbar wie der Eiger. Ja, alles schon versucht.

„Strang, gell?“, lächelt ein Herr vor seinem Häuschen.

Strang? O ja, ich hätte mich schon gern an einem Strang hochgezogen. Ach so, „streng“ meint er. Ja, das war ein strenger Weg.

„Da vorn an der Hütte ist Wasser“, fährt der Alm-Öhi fort. „Die Hütte ist für jeden offen, die hier entlangkommen.“

Schaun mer mal. Okay, der plätschernde Brunnen mit Bergwasser ist nichts Besonderes. Eher schon der bereitstehende Trinkbecher. Aber wäre er geklaut, sprich: wäre hier Deutschland, hätte ich ihn ja gar nicht erwähnen  können.

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Luxus für alle. Unverschlossen. Unglaublich

Drinnen trifft mich dann der Schlag: Alles, nahezu alles gibt es hier. Frei zugänglich, ohne irgendeinen Menschen. Einen Ofen, eine Axt, Blasebalg. Aschenbecher. Funktionierende Feuerzeuge. Schränke voller Gläser und Geschirr. Auf dem Bord eine PET-Flaschen-Galerie von Getränken, Cola, Saft, Bier, in den Schränken noch mehr, sogar eine Flasche Sekt liegt dort kühl. Das Radio funktioniert, der Fernblick ist, anders als die Getränke, kostenlos.

Zitternd vor Begeisterung kritzele ich etwas ins Hüttenbuch, als Erster heute. Vor einigen Tagen haben zwei „bei schlimmem Nebel“ hier oben übernachtet. Keine ganz schlechte Vorstellung, angesichts des Komforts.

Euphorisiert renne ich noch 360 Meter höher, zur Alp „Blacki“, wo mir ein nebelfreies Fernsicht-Foto gelingt.

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„Wie gemalt“, kommentierte die Hamburgerin Frau S. eine exklusive Vorschau. Was daran liegen mag, dass der Herrgott diesen Teil der Alpen tatsächlich „gemalt“ hat. Wir sehen Silenen, Erstfeld, Flüelen und den Urner See. Ja, Verzeihung, wohl auch Altdorf

Und jetzt wird es Zeit für die Rückkehr ins Gasthaus „Schäfli“. Sehr demotivierend ist, es einige Millionen Kilometer entfernt tief im Reußtal zu erkennen. Das wird heute ein frühes und tiefes „Schläfli“.

Und die Schuhe, die Schuhe! Thüringen war wohl die schmerzhafte „Generalprobe“, das „Einlaufen“ schien  erfolgreich. Keine Beschwerden. Muss auch mal erwähnt werden. Wie schon hier und hier gesagt: Es läuft gut.

 

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4 Gedanken zu “Intschi, ach Intschi !

    1. Freut mich, dass das Bild gefällt. Es ist Ehrenwort ohne Photoshop oder sonstwas, manchmal gibt’s solch Glücksfälle.
      Ebenso freut mich, dass es in MeckPomm noch solch Stände gibt, wusste ich nicht. Wahrscheinlich bin ich total Berlin-geschädigt. 🙂

      Gefällt 1 Person

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