Oh. Die „Wilde Gera“!

Ein weiterer Tag in Oberhof.
Er beginnt so ausnehmend freundlich, dass ich meine müden Knochen und Füße vergesse. Nach dem Frühstück könnte es mal wieder auf eine Tour gehen.

Die Corona-Katastrophe – oder sagen wir optimistisch: ihre Nachwirkungen – verhindern ein üppiges Frühstücksbüfett. Ich habe bei Anreise meine Vorlieben auf einer Liste angekreuzt, und das kommt nun jeden Morgen, Sonderwünsche natürlich je nach Laune machbar. Man weiß sich eben zu helfen. Soll das Hotel etwa ganz geschlossen bleiben?

Nein, Thüringen hat (nach großen Diskussionen) mächtig „aufgemacht“. Alles im Ort nachzulesen:

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Sie wissen jetzt Bescheid, ja?
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Um den Rest zu lesen, ist der Urlaub leider etwas kurz

Ich bin nicht für amtliche Verlautbarungen hier, sondern um zu schauen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Beiden Tieren begegne ich nicht, nicht mal zweibeinigen auf meinem Weg nach Norden zur Talsperre. So soll es sein.
Bei den neuen Wanderstiefeln weiß ich leider nicht, welche von drei Möglichkeiten nun gerade zutrifft:

Habe ich mich mit dem gestrigen Marsch (inkl. Eisenbahn-Schotter) übernommen?
Sind die „Neuen“ einfach noch nicht richtig eingelaufen?
Sind sie doch falsch für mich, ein brutaler Fehlkauf?

Schon bald bin ich unangenehm berührt, und zwar im Wortsinn. Beim festen, also für alpines Gelände „richtigem“, Zuschnüren drückt eine winzige (und sinnlose) Stoffschnalle millimetergenau auf einen bestimmten Nerv am Fußrücken. Es fühlt sich nun links an, als sei der Fuß verstaucht. Was er definitiv nicht ist.

Also locker schnüren. Sofort ist der Reiz am Fußrücken weg. Die Fußsohlen – na ja, mal sehen.

Auch hier verirre ich mich, kann dank genialer Orientierung und freundlichem Gelände doch noch das Seeufer finden.
Hinterm „Mardertal“ (keins dieser Tiere da) erreiche ich das Gasthaus „Wegscheide“ (viel zweibeinige Tiere da). Biker, Ansehnliche Schlange für Bratwurst. Bah, ich verzichte.

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„Wer alleine ist, der hat es gut, weil niemand ihm was Böses tut.“ Ich wandere weiter

Die „Lütschetalsperre“ wird von vielen Wanderern und einem Eiswagen frequentiert, dessen Besitzer sich hier dumm und dämlich verdient. Aber es ist wirklich lecker, bestimmt echt italienisch, auch wenn der abgeschabte Van ein hiesiges Kennzeichen hat.

Die 7 Kilometer nach Oberhof zurück sind nicht mehr wirklich hart, auch wenn sich die Füße deutlich bemerkbar machen.

Und morgen wartet die „Wilde Gera“!

Der Weg ist wieder mal länger als erwartet. Die Pfade am Waldrand sind teils kilometerweit einzusehen, und mit DEN Füßen nervt es, zu sehen: DORT HINTEN wirst du mit Glück in sieben Minuten sein.

Da lobe ich mir die Schweizer Alpen, wo alle 20 Meter Neues hinter der Felsspitze wartet. Obwohl: Auch hier gibt es bösartige optische Phänomene, siehe Blümlisalphütte.

Also immer auf dem Flößgraben-Wanderweg nach Osten. Ein früherer, tatsächlich, Flößgraben, auf dem im 18 Jahrhundert Holz geflößt wurde. Durch starrsinnige einstige Grenzen und hohe Flößgebühren der damaligen Oberen hat er einen komplizierten Verlauf.

Zwei Steine liegen am Weg, eigentlich sind es mehr, nennen wir die wichtigsten: Der „Hohe Stein“ ist vermutlich hoch, ich beachte ihn nicht, da es bergauf geht. Spannender ist da der „Ausgebrannte Stein“.

Wegen der erwähnten starrsinnigen Grenzen musste der Flößer-Kanal unbedingt durch eine Felsspitze geführt werden, durch Ausbrennen und Abschrecken mit kaltem Wasser barst das Gestein.
Ein mir bisher unbekanntes Verfahren. Wie lange hätte damit wohl der „Brandleitetunnel“ gedauert? Na ja, es wirkte: Irgendwann war ein 38 Meter langer Tunnel durch den Felssporn fertig, durch den heute unerschrockene Wanderer, nun ja, tapern können.

Weiter, die „Wilde Gera“ wartet. Hoch über der Autobahn-Einfahrt zum Rennsteigtunnel sieht man die gewaltige Brücke.

Tief, tief geht es runter in den Canyon, und da ich wie immer den Weg abkürze, ist es mühsam, steil und gefährlich. Bin ich nicht zu alt für diesen Scheiß? Offenbar nicht.

Eine meiner nicht perfekten Wanderkarten auf dem Handy zeigt einen Trampelpfad zu einem weiteren Eisenbahntunnel. Er heißt „Zum Zwang“, wohl weil hier zwanghaft ebenfalls ein Felssporn durchstoßen werden muss, und er ist wirklich niedlich. Da wandere ich flugs hindurch.

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So was sieht für den Bahn-Adrenaliner vergleichsweise harmlos aus

Endlich sehe ich auch die „Wilde Gera“. Wer bis hierhin auf dramatische Abenteuer mit einem leichtlebigen Landmädel gehofft hatte, dem sei gesagt: Es ist ein Fluss, also eine Flüssin. Die „Zahme Gera“ fließt hier auch nicht weit entfernt. Aber schon die „Wilde Gera“ scheint heute nicht richtig in Form, da kann ich mir die „Zahme“ auch sparen.

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Das ist sie: wild, ungezähmt, tobend

Meine sportliche Form verlässt mich ebenfalls. In Gräfenroda. Das Handy zeigt einen Getränkemarkt, aber ich habe meine Corona-Maske vergessen. Da wird man mich nicht reinlassen. Nicht in diesen Zeiten. Der Brunnen vorm „Forsthaus“ rettet mich, kaltes Quellwasser, lecker.

Und nun mag ich nicht mehr. Taxi. Ein Taxi. Google nennt ein Unternehmen 100 Meter weiter. Genial. Eine Holzwerkstatt, daneben ein Privathaus. Ein Taxi-Unternehmen kennt niemand dort. Google halt.

Ein Anruf führt zu einem äußerst netten Thüringer: „Dort sind wir lange weg, haben die Telefonnummer für unsere Stammkunden behalten. Und wissen Sie was? Ich kann hier wegen einer Baustelle nur mit einem Riesen-Umweg zu Ihnen kommen, große Anfahrkosten. Rufen Sie in Oberhof an, das wird günstiger.“

Das nenne ich mal sympathische Ehrlichkeit. Noch mehr könnte ich sparen, indem ich einfach den Brunnen am Forsthaus leertrinke und mich dann auf die steilen 9 Kilometer zu Fuß nach Oberhof begebe. Aber was nutzt das eingesparte Geld, wenn dann meine Füße amputiert werden müssen?

Der angekündigte graue Van kommt pünktlich, ich muss dem Fahrer eine Maske abkaufen, für günstige 2 Euro jetzt endlich türkisgrün. Immer nur weiß und schwarz war ja auch nicht mehr schön.

Im Hotel gibt’s ein großes Bier, die Inhaberin gibt nuschelnd hinter ihrer Maske etwas Geschichtsunterricht. Ich habe die Maske ab, ich muss ja Bier trinken.

Letzte Kriegstage 1945. Oberhof ist Lazarett-Stadt, voller Verwundeter, die den „Endsieg“ dann doch nicht vollenden konnten. Und einige Schüler, so 13 bis 15 Jahre alt, die noch „eingezogen“ werden sollten, um das Großdeutsche Reich gegen die anrückende Rote Armee doch noch zu retten.

Da machte ein Lehrer nicht mit. Er versammelte die Buben und marschierte mit ihnen durch dunklen Tann zum erwähnten „Ausgebrannten Stein“. Hier im Stollen, geschützt vor Entdeckung und Granat-Treffern, harrte die Gruppe aus, bis alles vorbei war.

Die Hotel-Chefin war da noch gar nicht geboren. Aber kurz nach der Wende, so um 1991 herum, kam ein älterer Herr zu ihr. Es war einer der Jungs von damals, erzählte ihr die ganze Geschichte.

Und so werde ich wieder, wie schon in Halbe und Auschwitz, mit unserer deutschen Geschichte konfrontiert. Mit dieser unser aller, unauslöschlichen Geschichte.

Und da klage ich über ein Paar wund gelaufene Füße?
Oh doch, es wird schon besser.

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Ein Gedanke zu “Oh. Die „Wilde Gera“!

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