Das Lächeln hinter der Maske

Berlin, 15. Mai 2020.

Es ist etwas geschehen. Etwas Außerordentliches, schon halb Vergessenes.

Ich sitze beim Vietnamesen um die Ecke, wie das gelegentlich so meine Art ist. War. Wie lange ist das her? Forschen. Es war am 20. März. Zwei Monate ist es her, auch jener Tag war ein Freitag. Schwer getadelt wurde ich fernschriftlich auch, von jemandem, der diesen Lokalbesuch gar nicht gutheißen mochte.

Nun bin ich wieder hier. Es wurde von höchster Stelle erlaubt, den Laden wieder zu öffnen. Schon einmal war er Monate wegen eines Wasserschadens geschlossen. Und machte und machte nicht wieder auf.
Und überlebte dann doch. Ein Beweis für die Zähigkeit der Asiaten. Ja, Rassismus, geschmacklos, unpassend, gerne alles in die Kommentare. Jetzt bin ich wieder hier.

Schon gestern lief ich vorsichtig vorbei, in Erwartung der möglichen Öffnung am nächsten Tag. Noch deutete nichts darauf hin, aber über dem üblichen Schild „Nur Mitnehmen“ stand rätselhaft „Wiedereröffnung Menü heute“. Ohne irgendein Menü. Na ja, Sprache kann holpern. Und die Außenlampen brannten.

Am Mittag reiße ich mich kurz vom Home-Office los und eile hin. „Wiedereröffnung Menü heute“. Nun klebt ein großer Zettel mit den (zumindest mir bekannten) üblichen Verhaltensregeln auf der Tafel. Ich trete ein.

„Sie haben wieder geöffnet?“ Freudig reiße ich die Arme hoch.

„Aber ja!“, strahlt die zierliche Dame hinter dem Tresen hinter ihrer bunten Gesichtsmaske. Fast ist sie versucht, auch die Arme hochzureißen. Das wäre eine stilvolle virtuelle Umarmung gewesen. Im Abstand von 1,5 Metern.

„Schauen, so viel Platz“, deutet sie in den Hinterraum, und ihre Augen lachen.
„Wunderbar“, lobe ich sie. „Ich muss noch arbeiten, komme am Abend vorbei.“

Nun ist es Abend, und ich bin da. Suppe und Ente sind köstlich, ich kröne das Saigon-Bier mit einem Hefeweizen obendrauf, heute soll es an nichts fehlen.

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Vor lauter Gier: Suppe halb leer, bis die Kamera auslöste
Viet2
Limette ja, Chili lasse ich noch. Erst mal wieder ans Leben gewöhnen

 

 

 

Ein nachdenkliches Zurückblicken zwischen zwei Schluck Bier von „meinem“ Platz am Fenster. Nein, nicht auf die Straße. Auf die zwei Monate, die hinter uns liegen.

Das Stadtleben, das schlagartig und „knirschend wie ein Rennwagen im Kiesbett“ zum Erliegen kam. Die unzähligen privaten Hilfs-Aktivitäten, die aus dem Boden schossen wie Krokusse im Frühling. Prügeleien um Klopapier. Die herrlich leeren Straßen. Der Autoverkehr minus sagenhafte 54 %. 

Auch Einbruchdiebstähle gingen merklich zurück. Kein Wunder, wenn alle zu Haus sind.
Fahrraddiebstähle ebenso. Kein Wunder, wenn alle draufsitzen.
Der Kottbusser Damm wurde (als nur ein Beispiel von vielen) binnen weniger Stunden mit einer beidseitig sicheren Radfahrspur versehen. Ohne Corona hätte das Jahre gedauert. Nur mal so nebenbei. Berlin kann. Plötzlich. Doch.

Verschwörungstheorien kursierten: Corona ist nur eine Erfindung böser Mächte, die das Bargeld abschaffen wollen (Scheine und Münzen könnten infiziert sein).
Ausgangsbeschränkungen kündigen ganz klar das Vierte Reich an.
Bill Gates will allen Menschen Überwachungs-Chips einpflanzen (George Orwell).

Die spannendste (und gewiss plausibelste) schickte sogar der Publizist und Ex-„Bild“-Boss Kai Diekmann per Twitter weiter. Und der muss es ja wissen:

Wenn man im Wort „Corona“ diverse Buchstaben durch andere
ersetzt und weitere hinzufügt, kommt man auf … Na?
„Illuminati“!

Ja, da staunt Ihr. Und später will’s wieder keiner gewusst haben. Wehret den Anfängen. Illuminati. Sonnenklar.

Und Kanzlerin Merkel fürchtet offenbar, bis zum Jüngsten Tag mit ihrem „Wir schaffen das“ in Verbindung gebracht zu werden. Jetzt, in der vermutlich größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, wäre das ein netter, Mut machender Satz. Allerdings hat sie ihn schon in anderem Zusammenhang verbraucht. So kreierte sie flugs „Öffnungsdiskussionsorgien“. ein Wort, das womöglich bald dudenreif ist. „Googeln“ hat das ja auch da hinein geschafft.

Die „Orgien“ sind zumindest für Berliner Restaurants beendet. Also jene, die überlebt haben. Und in einem davon, das überlebt hat, sitze ich. Wie das gelegentlich so meine Art ist. Während draußen auf der Straße langsam der Alltag wieder hochgefahren wird.

Ist die Corona-Pandemie jetzt besiegt? Sind wir noch einmal davongekommen?

Nein. Zweimal Nein.

Die schrittweisen Öffnungen sind ein Versuch. Eine Wette auf die Zukunft. Eine Wette auf vernünftiges Verhalten der ach so gebeutelten Menschen, die seit heute wieder Restaurants und Cafés besuchen dürfen.

Eine Wette auf Menschen, die Abstand anmahnende Polizisten bespucken und mit Steinen bewerfen.
Auf Menschen, die sich um Klopapier prügeln.
Auf Menschen, die Unmaskierte anpöbeln, aber sich zu acht um einen Mini-Café-Tisch am Kurfürstendamm drängen.
Auf Menschen, die sich seit Wochen in Parks übereinanderstapeln, sodass kein Grashalm mehr zu sehen ist.

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„Ist hier noch frei?“ – Aber klar, setz dich.“

Eine hochriskante Wette.

Aber auch wenn alles gut geht, gut gehen sollte: Ich bin nicht sicher, ob ich die „präcoronale Zeit“ (tolles Wort, oder?) in der bekannten Form wiederhaben möchte. Diese altbekannte Form heißt für Berlin: Schmutz, Chaos, Asozialität, Verbrechen, Dauerstau, brüllende Touristenhorden in Wohnkiezen, Mieter-Vertreibung, Senats-Inkompetenz, machtlose Polizei …

Ja, da kommt wieder das Misanthropische durch. Aber eigentlich läuft’s ganz gut so, wie es ist. Okay, die muffige Gesichtsmaske stört etwas im Supermarkt, auch die Kneipen könnten mal wieder öffnen. Der Innensenator befürchtet zurzeit noch Alkoholkonsum dort, mit daraus folgender Abstandsregel-Verletzung. Nun, er muss es ja wissen.

Oder es kommt alles ganz anders. Und die Krise wird, auch wenn sie vorbei ist, einen grundlegenden Wandel in Gesellschaft und Zusammenhalt hinterlassen. Man kann ja mal träumen. Und es wäre schade, diesen Traum begraben zu müssen.

Es steht Urlaub an. Zwar ist die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes noch nicht aufgehoben, zum Leidwesen von Frau Hiob ist auch ihre einstige Heimat Polen vorerst „dicht“. Aber das Staatsoberhaupt eines südlichen Freistaats gibt sich kooperativ, südlich von München oder Memmingen soll es nach meiner Erinnerung Berge geben. Nettes Pendant zur Hohen Tatra. Ich ziehe das in Erwägung.

Aber vorher ein Schlemmer-Wochenende. Beim Vietnamesen um die Ecke. Wie das gelegentlich so meine Art ist. Und die kleine Frau hinterm Tresen wird hinter ihrer Maske strahlend lächeln. Wie das gelegentlich so ihre Art ist.

Nein, nicht gelegentlich. Immer. Jetzt wieder.

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4 Gedanken zu “Das Lächeln hinter der Maske

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