Vom Suchen und Finden der Panke

CORONA.

Wer wäre je darauf gekommen, einen Blog mit diesem Wort zu beginnen? Besonders reißerisch ist es wohl nicht, daher wäre es kein Wunder, wenn Leser, die sich hierher verirren, sofort entnervt weiterklicken.

„Corona ist toll“ würde die Voraussetzungen für ein Verweilen eher erfüllen, ist aber irgendwie echt unpassend. Aber: Das Corona-Drama (wahlweise Epidemie, Pandemie, Katastrophe oder so einsetzen) hat auch sein Gutes. Natürlich mal komplett abgesehen von den Erkrankten, den Toten, dem Überlebenskampf der Einzelhändler, den globalen wirtschaftlichen Folgen.

Berlin hat sich entschleunigt. Touristenmassen sind nicht mehr da, wüstes Gebrüll und Gehupe sind verstummt, aus „Szenebezirken“ wurden über Nacht einfach „Bezirke“. In denen man „erstmals seit 20 Jahren“, wie eine Twitter-Userin schrieb, „wieder bei offenem Fenster schlafen kann“. Ganz zu schweigen von den unzähligen nachbarlichen Hilfe-Netzwerken, die sich gegründet haben.
Und der neuerdings effizienten Behörden-Arbeit. Abgelaufene Genehmigungen? Egal, machen wir später. Nötige neue Genehmigungen? Gern, rasch und online.

Ein Online-Friseur ist dagegen noch nicht möglich. Da muss ich mich noch etwas gedulden, bis mich wer, vom Gesetz geduldet, anfassen darf. Bis dahin verzichte ich im Home-Office auf die Aktivierung der Webcam-Funktion. Was sollen die Kollegen denken? Ein bissl unordentlich sind die Haare schon.

Zahnarzt online? Auch so eine Sache, über die man erst mal nachdenken müsste. Man weiß aus diesem bewegenden Blog, dass der Allmächtige (der Corona schuf?) auch einen dritten Zahnwurzelkanal vorsah, der sich bei meinem letzten Besuch feige versteckte. Der aber nun, bei diesem Folgetermin, gefunden werden soll.

In den letzten vier Wochen ist ja einiges passiert. Ich rufe also die Zahnärztin an, ob sie mich überhaupt sehen mag. Wobei das Sehen alleine wohl gar nicht das Problem wäre, aber ähnlich wie bei Friseuren gibt es hier ja eine gewisse intime Nähe, die in diesen Zeiten so gar nicht opportun ist.

Doch, ich bin willkommen. Die Zahnärztin lässt mir die Wahl, ob ich zum Termin kommen mag oder ihn aus Angst lieber auf St. Nimmerlein verschiebe. Witzig. Zahnarzt heißt immer Angst. Gut, hier ist noch eine andere, neuere Angst gemeint.
Ich bezwinge meine Furcht und radle los, durch angenehm leere Straßen.

BerlinLeer
Nanu? Ist das hier Berlin?

Die Zahnärztin ist auch unängstlich, freut sich auf ihren Osterurlaub und empfängt mich vermummt. Ich bestätige ihrer vertrauten Stimme, dass ich keine Infizierten geküsst habe und auch nicht mit dem Rad aus Italien kam, schon geht es los.

Der einst vermisste dritte Zahnwurzelkanal wird gefunden, der Entzündungsherd neutralisiert, die Öffnungen versiegelt, „das muss jetzt bitte aushärten“, alles schaut gut aus, und im Mai dann machen wir mich total mund-gesund. Entlassen, schönen Urlaub.

Wenn doch alle Bauvorhaben in Berlin so vonstatten gingen …

Der helle Mittag lockt mich dann zu einer Entdeckungstour. Auch wieder so ein Corona-Effekt: Statt in die Schweiz oder nach Polen zu reisen, sucht man nahe Dinge auf, die schon immer erforschenswert schienen (siehe Heidekrautbahn). Und mich trieb seit einiger Zeit die Frage um: Wo fließt die Panke?

Klar, das wird man wissen: Nördlich des Invalidenfriedhofs mündet sie in den Nordhafen, kann sich dann je nach Strömung nicht entscheiden, ob sie in die Spree fließen soll oder westwärts durch den Hohenzollernkanal. Diese Unschlüssigkeit ist typisch für Berlin, dass es in beiden Fällen ohnehin zur Havel, also Elbe und Nordsee geht, so weit denkt man hier nicht im Voraus. Ein Fluss schon gar nicht.

Aber um diesen Flussteil geht es mir auch nicht. Die „alte“, die „echte“, die heutige „Südpanke“ (die durch „Ost-Berlin“ fließt) will ich suchen. Oder sagen wir aufsuchen. Denn vorhanden war sie schon immer.
Aus drei Gründen aber bin ich nie auf sie gestoßen.

1. Mauerbau: Der ursprüngliche Panke-Lauf wurde versperrt. Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands wollte verhindern, dass ein Republikflüchtling durch den 17 Meter tiefen Düker noch unter der U-Bahn hindurch in den Westen taucht. Absurd zwar, aber der paranoide Generalsekre … lassen wir das, also die DDR, hielt es wohl für denkbar.

2. Große Teile der alten „echten“ Panke waren unterirdisch verrohrt.

3. Ich kenne diese Gegend der Berliner Mitte kaum.

Und nun will ich sehen, ob ich das vergessene Flüsslein finde. Wäre doch gelacht.

Eine gigantische Baustelle nahe der Chausseestraße bringt mich auf die Spur: Hier muss das Flüsschen fließen. Oder geflossen sein. Sandwüste, große Rohre. Fotoverbot, das Bundeswehrkrankenhaus und der Bundesnachrichtendienst sind nah.

Berlin-Kenner mögen mir verzeihen: Ich stoße auf den „Südpanke-Park“, der gewiss nicht neu ist, aber für mich völliges Neuland. Es wird jetzt recht spannend, dem alten Flusslauf zu folgen, der sich wie zu Mauerzeiten immer noch teilweise  „verrohrt“ versteckt.

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Und hier verschwindet die alte Panke wieder

Das Gelände des Charité-Krankenhauses ist frei beradelbar, auch ohne Schutzmaske hält mich niemand auf. Warum auch, ich könnte ein verunsicherter Bürger sein, der, wenn auch ganz symptomfrei, Corona-Hilfe oder Beratung sucht.

Suche ich aber nicht. Ich suche die Panke. Da, in einer versteckten Ecke auf dem Gelände, ist sie wieder.

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Jaaa! Es gibt sie noch: die alte Panke! Man muss schon durch die Hinterhöfe streifen, um den gewaltigen brausenden Strom meerwärts ziehen zu sehen
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Gesucht, gefunden: ein kleines Stückchen Panke im Charité-Gelände

Weit ist es jetzt nicht mehr zur Spree, der alten einstigen „richtigen“ Mündung der Panke. Da sie schlagartig wieder „verrohrt“ ist, navigiere ich nach dem Sonnenstand südwärts. Komme durch Sträßchen, die ich nie sah. Auch das wieder ein netter Corona-Nebeneffekt. Man kann nicht immer nur durch ferne Länder gondeln. Jetzt schon gar nicht.

Ah, da sind wir. Eine riesige Berlin-übliche Baustelle trennt mich von der Spree. Irgendwo unter mir, unter dem Kopfsteinpflaster vorm „Berliner Ensemble“ fließt die uralte Panke. Hier ist die Stelle. Genau hier.

Okay, hier ist noch einiges zu tun. Vielleicht wird der kleine Grünzug „Südpanke-Park“ von der einstigen Sektorengrenze bis hierhin als Fußgängerpassage ausgebaut. Das Charité-Krankenhaus und diverse andere Eigentümer müssten in ein solches Projekt involviert werden. Und die unterirdische Panke neben dem Naturkundemuseum wieder aufgegraben werden.

Wäre eine hübsche Idee. Wenn man dann in Berlin nach Jahrzehnten wieder schwungvoll sagen könnte:

„Schiffbauerdamm Numma zwee/
fließt die Panke in die Spree“

 

 

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