Wildschwein (lebend) inbegriffen

Doch, Krakau ist eine Reise wert. Architektur, Lokalitäten, Oskar Schindler, Weichsel, Drachen

Auch E-Scooter gibt es hier, und sie stehen genauso wirr auf dem Weg herum wie in anderen Touristen-Metropolen wie z.B. Berlin. Wäre schade, wenn Krakau dadurch seinen Status als UNESCO-Welterbe verlöre, aber was kümmert denn das die Spaß-Touris? Zumal sie hier auch durch die „Planty“, den grünen Parkring um die Altstadt herum, fahren dürfen. Sie sind auch recht zivilisiert und, wo nötig, langsam, nur mit dem Abstellen hapert es eben etwas.

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Vielleicht besser seitlich an die Hauswand? – Nee, wieso, bin doch Tourist. – Ach so.

Frau Hiob sieht angesichts der Roller-Flut ihren größten Wunsch in greifbare Nähe gerückt, also greifen wir uns zwei greifbare Roller. Natürlich nicht per App, sondern persönlich bei einem Verleiher in einem Hinterhof der Altstadt, wo wir die Gefährte dann auch artig wieder hinbringen, sodass niemand darüber fällt.

Ich bin erstaunt, wie problemlos das Umher-Rollern geht, sogar ohne zu stürzen, und gleichzeitig beschämt, dass ich nun selbst auf einem dieser verhassten Dinger stehe. Natürlich war das nur, um Frau Hiob einen Gefallen zu tun. Und nun verlieren wir kein Wort mehr darüber.

Es soll jetzt richtig in die Berge gehen, ins etwa 100 Kilometer südlich gelegene Zakopane. Hier ist sozusagen das Ende der Welt, dann kommen nur noch Hohe Tatra, Bären und die Slowakei.

Viele Gründe sprechen für Zakopane:
Frau Hiob war schon oft dort.
Ich war noch nie dort.
Mein Knie ist so gut wie wieder heil.
Ich will den dortigen Hausberg „Giewont“ bezwingen
Frau Hiob war „schon 20-mal“ auf dem „Giewont“.
Und ich gar nicht.

Also wenn Frau Hiob da oben war, dann will ich auch dahin. So was geht ja gar nicht. Männliche Eitelkeit oder so.

Beim Gang durch den Skiort (noch nicht, ist ja erst September) kommen wieder Erinnerungen bei meiner Begleiterin hoch: „Das hier war doch mal ein Hotel? Und das da vorn auch!“ Tja, nach dem EU-Beitritt regiert auch hier der Konsum. Modeläden, Restaurants, eine fast echte „Mall“ in der Mitte der Krupowki-Fußgängerzone, die sich längs des Flüsschens stetig aufwärts schiebt, Richtung Nationalpark. Nette Übung.

Ganz unangemeldet finden wir ein Hotel-chen zu einem Spottpreis. Im Stadtzentrum und nah am Gebirge. Zwar müssen Handtücher erst erfragt werden („die Touristen klauen uns alle“), die TV-Fernbedienung ist nicht auffindbar (wohl auch geklaut), und ein kauziger angestellter Hotel-Gnom lauert uns bei Rückkehr abends um zehn auf, um schon mal den vollen Preis für drei Nächte zu kassieren.

Aber was soll’s.

Ein schreckerstarrter Schrei von Frau Hiob, als sie den Fenstervorhang beiseitezieht. Nicht, weil die Vorhangstange gleich mit herunterkracht (das tut sie noch zweimal, am Ende montiere ich sie erst gar nicht mehr neu).
Nein, es ist die füllige braun-rote Hauskatze, die draußen auf der Fensterbank sitzt, um endlich die „Neuen“ zu begrüßen.

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Knips doch, Du Penner. Aber heute Nacht …

Frau Hiob hasst Katzen, fast eine Allergie, wohl ein Kindheitstrauma. Schon oft beschwichtigte ich sie, dass ich ja selbst eine sei (Sternzeichen Löwe), aber das macht es nicht besser. Als die rot-braune neugierige Mieze auch noch in einer sehr warmen Nacht durch das geöffnete Fenster auf mein Bett plumpst (gottlob liege ich auf jener Seite), ist natürlich die Hölle los. Aber es soll noch schlimmer kommen …

Nun ist aber der „Giewont“ dran. Zakopanes „Hausberg“. 1894 Meter. Lächerlich. Wie oft war ich auf dem gleich hohen „Jenner“, der Hausberg von Königssee bei Berchtesgaden. Ein Klacks. Ein Spaziergang.

Um 8.30 Uhr bin ich bereits beim Eingang des Nationalparks. Kostet Geld, anders als am Königssee, aber nicht wirklich schmerzhaft. 5 Zloty, falls mir wer folgen will.
Flott bin ich am Ende der „Dolina Strazyska“ auf 1029 Meter angelangt, ein Schild am Abzweig warnt, dass der letzte kleine Aufstieg zum Giewont-Gipfel „bis auf Weiteres“ gesperrt ist.

Ja, es hat dort vor Kurzem ein böses Unglück gegeben, hier nachzulesen. Ich geh trotzdem mal weiter, vielleicht hat man ja oben das Schild vergessen?

Zuerst wird’s mühsam, dann wird’s richtig mühsam. Eine Bergwanderung wie so viele andere, die ich meisterte. Oder auch nicht (Eiger). Aber ich will doch sehen, ob ich’s noch kann. Nach so langer Zeit. Und dem unangenehmen Erlebnis mit dem linken Knie. Und natürlich, weil Frau Hiob dort schon „20-mal“ oben war. Männliche Eitelkeit oder so.

Belohnt wird die Strapaze mit sagenhaften Aussichten und Aufstiegen.

Okay, hochkommen werde ich da nicht mehr. Aber dort rechts, o Du mein grünes Tal, werde ich herunterkommen. Weiter Weg? Na ja. Wozu ist man Tarzan?

Und auf sagenhaften 1765 Metern ist Schluss. Der Rest des Weges ist wie angekündigt gesperrt. Vielleicht will die Nationalpark-Verwaltung die Drahtseile dort oben mit Gummizügen versehen, wegen des Unglücks. Soll mir recht sein. Man geht ja auch nicht bei Gewitter am Drahtseil auf den Giewont.

Gerade erst in Oswiecim (Auschwitz) gewesen, blicke ich zum Klettersteig hoch und will mir lieber nicht vorstellen, was dort an jenem Tag los war. Der noch gar nicht so lange her ist.
Auch wenn es heute keinen Gipfel gibt, das kleine Plateau am Pass ist voll von Leuten, Polen, Slowaken, natürlich Engländer, auch Französisch höre ich. Wie beruhigend, hätte ich mir auf den nassen Steinen weiter unten doch noch das Knie gebrochen. Handy- oder Internet-Empfang ist hier nämlich, am Südrand des „Giewont“, nahe null. Hinter mir, wie gesagt, nur noch Hohe Tatra und Bären.

Zwar sagt Frau Hiob, es gebe auch noch einen Weg von Norden her, ich finde den auch auf meiner (wie immer sauguten) topografischen Karte, aber das halte ich für ein hoch pubertäres Abenteuer. Und, wie sagte ich schon mal: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“

Abstieg Richtung „Dolina Malej Laki“. Der ist mörderisch, aber hin und zurück finde ich langweilig, ich bevorzuge Rundwege, wenn machbar. Und wenn der dann noch zu einer „Orlen“-Tankstelle führt, die vorzügliches „Zubr“-Bier in der 650-ml-Flasche hat – ja, was braucht des Wanderers Herz und Magen mehr?

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Der rechte Gipfel ist der Giewont. Kam ich da wirklich erst gerade heruntergekraxelt? Freude auf den Bus

Ich habe noch nicht mal den Busfahrplan studiert, da hält er schon neben mir. „Zakopane Zentrum?“ – „3 Zloty.“ Also 70 Cent. Wahnsinn. Das wäre mal eine Idee für die Berliner BVG. Das wäre ein Beitrag zum Klimaschutz pur. Wo wir doch gerade so aktuell sind …

Gemach. Andere Emissionen, nämlich akustische, gibt es vorm Hotel-chen-Fenster. Zwei Hunde beknurren sich wütend. Oder ist es nur einer, der sich über irgendwas ärgert? Ich schaue raus zur riesigen Hundehütte, und mir stockt der Atem: Der knurrend-grunzende Bewohner ist ein Wildschwein!

Frau Hiob ist entsetzt, sie glaubt mir nicht, starrt fassungslos auf die Hütte, wo das eklig fette Borstenvieh jetzt wieder ganz ruhig liegt.. Hinaus, also zur Hütte, traut sie sich nicht, nie im Leben, zumal dort auch die Katze sitzt, die sich offenbar bestens mit dem Schwein verträgt.

In der Hundehütte hinterm Hotelzimmer: eine unglaubliche Sauerei!

Ob dieser Schweinerei beschließen wir, im Ort eine fette „Golonka“ zu verspeisen, das entspricht einer Schweinshaxe. Natürlich gehört ein Maß Bier dazu, auch das gibt es in Zakopane, ganz unabhängig vom Oktoberfest, das nun beginnt. Der Preis einer Maß Bier liegt übrigens ca. 200 Prozent unter dem Münchner Niveau.

Die „Golonka“-Knochen nehme ich  in einer Serviette mit, bewerfe damit morgens das grauenvolle Wildschwein vom Fenster aus. Daneben. Stattdessen befasst sich nun die Katze damit.
Na, lassen wir die beiden sich doch zanken. Der Urlaub nähert sich dem Ende. Wir müssen nordwärts. Gerne noch einmal Krakau, booking.com hat ein sehr nettes Appartement im Zentrum bereit.

Aber einen solchen Schweinkram erlebt man echt selten.

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