Wo ist die alte Welt geblieben?

Ich schäume.

Ich zittere vor Wut, ich bin entsetzt, erschüttert, bestürzt, ich bin erschöpft, ich schwitze, und ich bin sehr erbost und ärgerlich.

Man könnte sogar sagen, dass dieser Tag nicht nach meinem Geschmack war.

Der Besuch bei der Bank erwies sich, wie mir allerdings auch von diversen über Deutschland verstreuten Filialen per Telefon angekündigt wurde, als komplett ergebnislos. Welche Bank das ist und warum ich da gottlob nicht meine Haupt-„Geschäfte“ tätige, steht hier.

Eine prozentuale Gewichtung der „fondsgebundenen Rentenversicherung“ wollte ich ändern, das geht auf Wunsch mehrfach im Jahr kostenfrei und „völlig problemlos“.

Wirklich problemlos, da ich genau weiß, welche drei Ziffern ich auf dem Formular ändern will und keinerlei langwierige Beratung brauche. Nur drei Ziffern ändern und das Formular unterzeichnen, denn da könnte ja jeder kommen.

Und da liegt das Problem. Dieses Formular muss ein geschulter Bankkaufmann ausdrucken bzw. vorrätige aus seinem Schreibtischfach hervorholen. Und es ist keine dieser Personen verfügbar, diese Termine werden, ähnlich wie im Gesundheitswesen, mehrere Monate im Voraus vergeben.
Auch von Warten, um meine drei Ziffern ins Formular zu setzen, rät die nette Dame am Info-Schalter ab, die Bankhalle ist voll von Wartenden.

Da ich schon mal da bin, könnte ich etwas Geld holen, um Frau S., die hier in der Nähe bald Feierabend hat, mit einem Erdbeereis, gern auch Zitrone, zu trösten. In der Filiale sind jedoch zwei von drei Geldautomaten defekt.

Zum Schalter gehe ich nicht, da ich in diesem Institut, mit dem ich sonst nichts zu schaffen habe und haben will, nur über 6,21 Euro verfügen kann. Die sind aus Versehen dort geblieben, damit das nötige „Verrechnungskonto“ überhaupt am Leben bleibt.

Mega-Schlange am einzigen funktionierenden Automaten. Also erst mal raus, eine rauchen, WhatsApp an Frau S.

Was ist das??!!

Auf dem Super-Windows-Smartphone ploppt eine Nachricht von Microsoft auf:

Display.handy.de
Sehen Sie doch zu, wo Sie bleiben (Foto: handy.de)

Ich bin erschüttert. Ebenso erschüttert bin ich, als ich in der Bank sehe, dass die Schlange vorm einzigen Geldautomaten noch länger geworden ist.

Das stört jetzt erst mal weniger. Wenn die Massen nicht fähig sind, andere Automaten zu besuchen bzw. dort gebührenfrei Geld zu holen – ich bin es durchaus. Nach fünf Minuten ist das erledigt, gebannt erwarte ich Frau S., deren neues Android-Handy ich nun bewundern will.

Zitternd erhebe ich vor einer nahen Gaststätte das große kühle Bier. 
Nein, das Zittern kommt nicht vom Alkoholentzug.
Es ist das Entsetzen, dass der Weltkonzern Microsoft mich plötzlich feuert.

Meine Gedanken schweifen zurück zu meinem ersten „richtigen“ Smartphone“, es war ein LG, natürlich mit WinPhone-Betriebssystem, damals wohl noch 7 oder 8. Es folgte der Aufstieg in die Königsklasse, das unvergleichliche Lumia 510, gefolgt vom 535, mit einem problemlosen Update auf WinPhone10.

Display.amazon.de
Wie soll ich denn nun jemals ohne dieses geniale Menü auskommen? (Foto: Amazon.de)

Frau S. (wo bleibt sie jetzt eigentlich?) hatte sogar das Meisterstück Lumia 640, bis sie es fallen ließ, Displaysprung, unbrauchbar. Seltsam übrigens, alle Frauen lassen ihre Handys fallen, sodass sie unbenutzbar werden. Hab ich nie gemacht, alle bis heute heil.

Würden nicht alle Frauen ihre Handys fallen lassen, hätte ich sicher schon das ein oder andere gebraucht günstig abnehmen können, egal ob Windows- oder Android-Betriebssystem. Aber sie lassen sie grundsätzlich fallen, sodass sie kaputt sind, und dann brauche ich es nicht. Ich brauche ein heiles, deshalb lasse ich es nicht fallen, und deshalb ist es bis heute heil.

Und wie dankt Microsoft mir das? „Achtung, Tarzan, beachten Sie, dass ab dem …“

Rausgekegelt. Tschüs. Ade. Good-bye. Ende.

War der Schock absehbar? Ja, wohl schon. Nur, ich wollte die Zeichen nicht sehen.

Die Leute, die sagen: „Ein Scheiß-Auto hast du“, bis sie rasch mal damit wohinmüssen.

Die Leute, die sagen: „Eine Scheiß-Armbanduhr hast du“, bis sie rasch mal wissen wollen, wie spät es ist.

Die Leute, die sagen: „Ein Scheiß-Handy hast du“, bis sie es rasch mal ganz kurz benutzen müssen.

Ich gehöre zur alten Welt. Wohl einer anderen Welt. Und die anderen haben bereits die neue geentert. Eine neue Welt. Jene Gestalten, die hirnbefreit in der U-Bahn und auf der Straße Gigabyte-weise Filme glotzen. Abgesehen davon, dass der Prozessor meines alten Lumia mit langen Filmen kaum zurechtkäme, ist es auch überflüssig, denn dafür wurden schon vor Längerem größere Bildschirme erfunden.

Nicht Microsoft ist schuld an meinem Schock, den ich durch die unerwartete Nachricht erlitt. Nein, it’s the economy, stupid!
Die Marktanteile.
Die Marktanteile von WindowsPhone.

Oft schon ärgerte ich mich, dass in App-Tipps einschlägiger Zeitschriften (früher: „gibt’s für Windows und Android“) zunehmend nur noch steht „für Android und iOS“.

Frechheit. es waren durchaus sinnvolle Apps erwähnt, die ebenso für Windows angeboten wurden oder auch werden. Böse Diskriminierung?
Nein. It’s the economy, stupid!

Markta t3n.denews
0,05 Prozent !!! Die Meldung ist schon älter. Bevor Frau S. ihr WindowsPhone auf den Boden geworfen hat, waren wir zu zweit. Nun bin ich vermutlich der letzte Nutzer auf der ganzen Welt. Sozusagen das letzte Einhorn, auch eine Art Ehre (Foto: tn3.de/news)

Ich werde mich damit anfreunden müssen, ein neues Gerät zu erstehen. Nicht zwingend wegen WhatsApp (haben seltsamerweise viele immer noch nicht), auch die nicht so tolle  Lumia-Kamera könnte man mal Richtung Vergangenheit verabschieden.
Zumal nun auch noch beide Speicherkarten der „echten“ Kamera bockig sind, hat sich hier alles gegen mich verschworen? Eins kommt zum anderen.

samsungkameradisplay
Ja, danke schön! Auch der PC liest die Karte nicht mehr

Und da kommt Frau S. auch schon. Die kriegt gleich mal ein Eis. Ihr Smartphone ist dasselbe Modell wie das von Frau Hiob, die es auf den Boden warf, und Frau Hiobs Tochter, die es ebenfalls auf den Boden warf.

Frau S. wird ihres sicher auch demnächst auf den Boden werfen, sie hat es noch nicht so lange, alle Frauen werfen ihr Smartphone auf den Boden.

Aber dreimal dasselbe Modell? Seltamer Zufall. Es scheint wirklich gut zu sein, auch ich hatte es schon im Visier, der Hersteller ist, glaube ich, Marktführer.

Ja, ich gedenke, bald wohl den Schritt in diese neue Welt zu machen. Bevor mir Microsoft den Saft zur alten abdreht. Schade dennoch.

Wohltuend auffallend ist bei meinem Besuch im alten Westen Berlins: Die Kinder wälzen sich nicht hysterisch kreischend auf dem Boden herum, sondern essen Pizza.
Und von fünfzig vorbeiwandernden Menschen haben nicht fünfzig „eine kleine Frage“ (nach was wohl?), sondern sage und schreibe zwei.

Einer fragt nach der Uhrzeit, der andere nach dem Weg zur U-Bahn.

Wie gesagt, ein Besuch in der alten Welt. Angenehm. Könnte man öfter machen.

Bevor sie dort auch noch neu wird.

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Ein Gedanke zu “Wo ist die alte Welt geblieben?

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