Nicht nur Bayern musste Federn lassen

Am nächsten Morgen geht’s noch früher raus, wieder nach Eibsee, diesmal mit der weiß-blauen Zugspitzbahn. Emsig müht sie sich längs der Straße bergan, etwas schneller als zu Fuß geht es doch.

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Vorne dran steht „Zugspitze“. Ja, was sonst? Das Zugende ist es sicher nicht. Sorry, der musste sein. Noch bin ich fröhlich …

Noch einmal will ich zur Station „Riffelriß“, von dort führt ein Steig zur „Riffelscharte“, hoch in der Todeszone, mit Tiefblick ins Höllental.
Was nun ein „Riß“ und was eine „Scharte“ sein soll, darüber können sich Geologen streiten. Ich will da rauf.

Aber die Todeszone kommt ja viel früher.

Die Landkarte zeigte einen weiteren Weg nahe der Bahnlinie hinauf. Hurtig ist er entdeckt, und hoch oben wieder verloren.

Seltsam. Von vor zwei Tagen kenne ich diese Gegend wie meine Westentasche. Ein sanft ansteigender grüner Hang zwischen großen Felsbrocken sollte hier sein. Statt dessen Latschenkiefern und Geröll.

Ich mag Latschenkiefern. Sie sind sehr elastisch, können am Hang tonnenweise Schnee tragen, und eine davon wird mir sehr bald das Leben retten. Hier aber sind sie im Weg, ich werde also auf dem Geröll hochlaufen, oben an der Abbruchkante nach rechts, dann finde ich schon die Bahnstation.

Schwieriges Unterfangen. Das Geröll, dieser Gletscher-Schuttstrom wächst sich zu einem kapitalen 45-Grad-Hang aus, auf dem man nicht vernünftig vorwärtskommt. Also gehe ich auf dem „Wannenrand“ entlang, das heißt, eher krieche ich, denn hier ist es nicht weniger rutschig und bröselig. Heilige Sch …, ist das schwierig. Und die Zeit verrinnt. Warum konnte ich nicht wieder die Skipiste nehmen? Da wäre ich jetzt schon da.
Zunächst gilt es mal, hier wegzukommen, hoch zum Hangabbruch, da ist alles schon grün. Und sicherer.

Sicherer wäre schon schön. Wie eine Spinne klebe ich an der Böschung und merke: Das wird nix mehr. Der massive Stein vor mir beginnt unter meinen Händen im losen Erdreich zu wackeln, der zweite Stein, auf dem mein rechtes Bein ruht, tut es ihm gleich.
Nichts mehr zu machen. Abwärts. Grad noch kann ich mich auf den Hintern drehen, so sieht man das Verderben besser kommen.

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Man könnte friedlich um den See spazieren. Aber nein, Tarzan muss die unmögliche Geröllhalde hinauf

An sich ist es kein Problem, eine Böschung drei Meter hinunterzurutschen. Macht jedes Kind gern mal. Etwas anderes ist es, wenn diese Böschung nicht nur eine Quer-, sondern auch noch eine brutale Längsneigung von 45 Grad hat. Da potenziert sich dann die Rutschstrecke, bis an einem größeren Stein polternd Schluss ist.

Aua. Mehrere Minuten sitze ich erst mal so da rum. Fern höre ich einen Hubschrauber. O je. Sollte mich jemand von der Zugspitze wenige Meter über mir mit einem Fernglas gesehen, Hilfe geholt haben? Wäre mir unangenehm. Ich will niemandem zur Last fallen, bin mir selbst gerade Last genug.

Schön an Höhe verloren, mühsam wieder rauf. Umkehren ist keine Option, schließlich geht es gleich über der Abbruchkante besser weiter.

Vor dem zweiten Sturz, der noch mehr wehtun würde, bewahrt mich eine Latschenkiefer, die mir hilfreich den Stamm reicht. Gerade rechtzeitig: Dicke Felssteine, auf denen ich eben noch stand, poltern samt Erdreich talwärts. Alles Schrott hier. Doch „meine“ Latschenkiefer hält. Danke. Wie kann man nur den Weg verlieren?

Hochhangeln, uff, gerettet. Immer noch ein Riesen-Schuttkegel weiter hinauf, aber mit Gras durchsetzt und weniger steil. Und als ich noch höher oben an der Steilwand eine Hütte erblicke, ist die Bahnstation „Riffelriß“ vergessen. Sie liegt irgendwo rechts, laut Höhenmesser bin ich ohnehin schon über sie hinaus.

Nun ist diese Hütte interessant. Vielleicht ein Notausgang bzw. Eingang in den Bahntunnel, der ähnlich wie am Eiger hier dicht hinter der Wand verlaufen müsste?

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Spannend. Was verbirgt sich hinter diesem Menschenwerk in der Todeszone?

Es ist bloß eine dumme Materialseilbahn, eine Leiter führt zur Handkurbel im Obergeschoss. Ich kurbele nicht. Wer bin ich denn. Wie käme ich dazu.

Einige Meter weiter finde ich dann den Klettersteig zur „Riffelscharte“. Hierhin wollte ich ohnehin schon den ganzen Vormittag, mein präziser Orientierungssinn führte mich dann auch genau her. Wer lacht denn da?

Nun ja, durch die Sinnlos-Abenteuer in der Geröll-Rinne ist es nun zu spät geworden. Aber ein kleines Stückchen könnte man ja mal am Stahlseil hinauf, so 100 bis 150 Höhenmeter, bis zu einem Platz an der Sonne, für eine Brotzeit.

Am Seil komme ich gut voran, freundliche Fels-Trittgelegenheiten überall, hin und wieder ein Stahlrohr als Tritthilfe, eine wahre Wohltat nach dem Geröll- und Sanddrama. Doch „Lia“ hat das alles nichts genützt.

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Beklommen stehe ich vor ihrer Gedenkplakette, die in den Fels genagelt ist. Rein anatomisch hat „Lia“ die Drahtseile nicht verwenden können. Und an einen Karabinerhaken für ihre Leine hat Herrchen oder Frauchen wohl nicht gedacht. Ich habe auch keinen Karabiner, hatte ich schon am Watzmann nicht. Ich weiß, schlimmer Leichtsinn, um nicht zu sagen bodenloser. Haha.

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An genau dieser Stelle war für „Lia“ die Bergtour beendet. Gedenken an einen kleinen unbekannten Hund

Aber ich habe zwei Hände. „Lia“ hatte keine einzige. Und hier, in dieser Wand, war ihr junges Leben dann vorbei. Ekliges Bergdrama.

Auf dem Rückweg begleitet mich noch lange Zeit das Drahtseil am Fuß der Riffelwand. Nicht so sehr, um gefährliche Abstürze zu vermeiden, sondern um in diesem scheußlichen Geröll nicht den Halt zu verlieren. Ach, hätte ich den Pfad doch früher gefunden.

So kommt es also, dass ich schwer verletzt, zerschunden, zerzaust und eingesaut im „Cafe Nuss“ sitze, den PC bediene und mich selbst bedienen lasse.
Dem Wirt sind meine schmerzenden Haxen nicht entgangen. Verschwörerisch weiht er mich ein, dass morgen letzter Öffnungstag vor einer langen, langen Betriebspause ist. Letzte Gelegenheit, mit einer fetten Schweinshaxe nebst Kartoffelknödel zu sündigen.

„Im Moment haben wir fünf Haxen. Sagen Sie Ja? Letzter Tag?“

Auch für mich ist es der letzte Tag. Ich sage Ja.
Wenige Minuten später verkündet er: „Nun sind acht Haxen bereit. Morgen Ihr Lieblingstisch, der hier?“

Ja. Ein lieber Service.
Nun plötzlich acht Haxen? So schnell? Halte ich für übertrieben.

Aber man kann ja nie wissen.

Der letzte Spaziertag also ganz vorsichtig. Mal die andere Seite der Loisach erkunden, vielleicht hinauf zum „Kramerspitz“?
Wieder mal verlaufe ich mich mehrmals im Hochwald. Forststraßen, die an einem Holzladeplatz enden, Pfade, die plötzlich verschwunden sind oder über einer Steilwand enden, sind eine Frechheit.

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Die Natur gibt noch mal alles. Aber der Herbst ist zu Ende

Immerhin entdecke ich herrlich gefärbte Bäume, Ziegen, Schafe und schließlich den „Kramerplateauweg“, der mich nach Garmisch führt. Er hat keine Höhenunterschiede und ist sehr deutlich für Rentner geeignet. Meine Knochen danken das.

Ein Naturlehrpfad sollte es sein, aber alles, was ich erfahre, dass Richard Strauss in einem der Häuser dort vorn wohnte und, ergriffen von der Umgebung, die „Alpensinfonie“ schrieb.
Ach ja, hier, eine Kiefer. Neben dem gemalten Bild derselben Kiefer ist zu erfahren, dass ihr Holz sehr harzreich ist und daher gern für Fensterrahmen benutzt wird. Der Zusammenhang leuchtet mir nicht ein, ich bin aber auch kein Tischler. Zumal ich morgen richtig viel Harz haben werde. Es geht nämlich in den Harz.

Garmisch ist erreicht. Der Zug zurück nach Grainau ist pünktlich.

Letzter Tag. Meine Haxen tun mal wieder weh.
Letzter Tag auch für das „Cafe Nuss“. Es gibt Haxe.

Pfüat eich!

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Ach ja: Die Jeans hat die hässliche Geröll-Rutschpartie …
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… nicht so gut überstanden wie ich. Aber ich bin noch nicht im Müll
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