Hart(z) auf der Grenze

Nein, es hat nichts mit Peter Hartz oder irgendwelchen Transferleistungen zu tun.

Es geht um eine recht harte Grenzerfahrung, die sich auch noch mitten im Harz abspielt. Also wirklich, wie anders genial ist dies sprachlich zu lösen? Ich bin immer wieder sprachlos über meine Genialität. Wie klingt denn „Harz auf der Grenze“? Völlig seltsam, mit der bekannten Phrase „Hart auf der Grenze“ so gar nicht in Verbindung zu bringen. Einen klitzekleinen Moment erwog ich auch, vielleicht das „t“ statt des „z“ in Klammern zu setzen. Aber hätte dann der Sinn nicht vielleicht …

Äh, was sagten Sie?

Ach so, ich schweife ab. Ist ja ein „Unterwegs“-Blog, und ich bin unterwegs.
Im Harz. Ziemlich hart.
Oh.

Meine größere Wandertour über die monströsen Gebirgsmassive westlich von Wieda soll zur Odertalsperre führen. Da ich die Oder eher östlich von Berlin verorte und einen massiven Tippfehler auf der Landkarte vermute (es kann doch eigentlich nur die „Okertalsperre“ sein), will ich dies unbedingt klären. Vor Ort.

Ja, es gibt einfachere Wege, das festzustellen: ein Smartphone oder einfach einen Bewohner in Wieda fragen (es gibt noch ein paar). Aber ist das eines Tarzan würdig? Tarzan wird übrigens im Genitiv nicht gebeugt, da es nur einen gibt, deshalb muss es eigentlich auch heißen „des Tarzan“.
Außerdem heißt der Blog hier „TarzanUnterwegs“ und nicht „Weichei prüft am Schreibtisch“. Für künftige Lebensabschnitte vielleicht eine Option.
Jetzt aber erst mal los.

Um die unerträgliche Spannung zu lösen: Es heißt tatsächlich „Odertalsperre“, hat nichts mit dem deutsch-polnischen Grenzfluss zu tun. Warum auch, siehe Frankfurt. Jedem das Seine, oh, das war ganz großer Mist, ich wollte sagen: gibt es in  West- und auch Ostdeutschland. Puuh, das war knapp.

Leider ist „Odertalsperre“ so ziemlich das Einzige, das auf meiner Karte stimmt. Zwar lerne ich auf dem stetig steigenden Weg durch die waldigen Höhen an Infotafeln so manches, aber die Topografie in diesem Harzteil ist so verzwickt, dass auch die Wanderwege große Probleme haben, das Gelände zu durchqueren. Manche Abzweige stehen auf der Karte, es gibt sie aber nicht. Andere, sehr freundliche bequeme Abzweige wiederum sind nicht verzeichnet.

Als echter Tarzan bemerke ich am Sonnenstand, dass ich zu weit südlich abdrifte, das aber durch die Topografie und mangelnde Wege nicht korrigieren kann. Ein Wegweiser lässt mich meinen Plan dann völlig ändern: Ich werde nach Bad Sachsa laufen, einen Zug ins thüringische Ellrich nehmen und schauen, ob die innerdeutsche Grenze noch da ist.

Es ist den meisten bekannt, dass sie seit November 1989 nicht mehr da ist, ich kann das ja täglich in Berlin bemerken. Aber hier ist nicht Wedding oder Treptow, hier ist wilde Natur. Ich muss doch mal gucken.

Wer, in Wieda wohnend, aus dem Hochwald kommend, den Kurort Bad Sachsa erreicht, muss sich vorkommen wie in Dubai oder Tokio, nur die Wolkenkratzer fehlen.
Menschen! Autos! Restaurants! Geschäfte! Trubel und Tamtam! Wie am Kurfürstendamm! (Reimt sich, war aber Hildegard Knef).

Natürlich ist Bad Sachsa ruhig, friedlich und idyllisch, aber für mich als entsetzten Kurzzeit-Bewohner des sterbenden Wieda ist hier schon ein Mutter-Ruf auf der Straße („Melanie, komm weiter“) wie eine mittlere Detonation.

Zu solch Trubel passt natürlich auch ein Bahnhof mit einer Würstchen-Station oder so. Wäre nett jetzt.

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Irgendwo zwischen Nordhausen und Göttingen steht dieser verschlossene Bahnhof herum

Der Bahnhof jedoch liegt weit draußen in der Feldmark und ist ebenso verschlossen und tot wie alle Häuser in Wieda. Zum Regio, der mich für 2,90 Euro binnen zehn Minuten ins zehn Minuten oder 73 Jahre entfernte Thüringen bringt, ist noch etwas Zeit. Umgebung erkunden, Saxenstein sehen, Südharz, der Karst, oha.

 

 

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Karst im Harz: der Saxenstein

Versetzte Bahnsteige; als sich mein Zug nähert, senken sich die Schranken. Ein Mädel auf der anderen Seite nähert sich entspannt, will sicher Richtung Westen. Als mein Zug losfährt, sehe ich sie doch auf „meiner“ Bahnsteigseite. Noch immer entspannt, aber mit frustriertem Gesicht, schlendert sie, weiß sie doch, dass sie den bereits fahrenden Zug nach Osten ohnehin nicht mehr entern kann.
Offenbar sieht sie der Fahrer aber auch – im Außenspiegel. Bremsen, Türöffnen, Madame kommt doch mit. Also, das finde ich ja supersympathisch in dieser nach wie vor „strukturschwachen Grenzregion“.

Wieder mal im Tunnel unter dem Gebirgsmassiv „Himmelreich“. Diesmal mit ca. 50 km/h, nicht so spannend wie zu Fuß. Ellrich ist erreicht. Thüringen. Das „andere“ Deutschland. Das jetzt gemeinsame. Einig Vaterland. Es ist früher Nachmittag.

Emsig schnatternde Schüler, die schon im niedersächsischen Bad Sachsa, vielleicht schon ab Herzberg oder gar Osterode im Zug waren, verlassen den Zug und verschwinden im Dorf. Schule in Niedersachsen, Wohnort in Thüringen? Ja, einig Vaterland. Halt „strukturschwache Region“. Nun bin ich allein am Bahnhof Ellrich, in Thüringen, hübsch anzusehen (der Bahnhof), aber verschlossen. Nix los. Doch, es war mal was los, ganz heftig muss es gewesen sein.

 

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Ja, da war was los in Ellrich. Das Schild am längst verschlossenen Bahnhof hängt innen, daher noch gut erhalten

Das war wohl das letzte Mal, dass hier am Bahnhof außer Bremsen und Anfahren was passierte. Vier Jahre her. Man darf gespannt auf den November 2039 sein. Da sollte man dringend Ellrich besuchen.

Nach Westen, zur Demarkationslinie. Ich will zur Rotbuche, da ist alles geschehen. Damals. Damals, vor 1961, vor der brutalen Grenzziehung. Schmuggel, Fluchten, Tränen. Es muss ein magischer Ort sein.

Kein Weg führt hinter dem letzten Supermarkt im Ellricher Gewerbegebiet neben der Landstraße auf die Anhöhe hinauf. Lkws brettern an mir vorbei, Dutzende Pkws, sicher aus Wieda, sie wollen Lebensmittel kaufen.

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Grenze. Wildnis. Ödnis. Hier war sie

Ein schmuckloser sandiger Parkplatz auf der rechten Seite, schwarz-rot-goldener Grenzpfahl, das übliche braune Großformat-Schild, das man von jedem „Zonenübergang“ kennt, draußen in Berlin-Spandau oder am Wannsee, von der Ostsee herunter, über Hessen bis nach Bayern hinein. „Hier waren bis zum … (meistens sind es Daten zwischen dem 10. und 12. November 1989) Deutschland und Europa geteilt“. Warum sind diese Schilder eigentlich alle braun? Eine Remineszenz an das „braune“ Hitlerreich, dem wir diese 40 Jahre Todeszone zu verdanken haben?

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Die Buche ist echt, aber zu jung
Grenze
Foto: jahrestageszeiten.wordpress.com

Hier steht dann auch die Rotbuche, legendärer deutscher Schicksals- und Grenzbaum. Merkwürdig klein und zart ist sie noch, sie wurde erst 2002 gepflanzt. Die alte war wohl zu morsch, drohte auf die Straße zu stürzen. Alles Fake also.
Merkt aber kein Fahrer der vorbeiheulenden Wagen, unterwegs sicher zum Edeka-Markt nach Ellrich, wo es, anders als im Wiedaer Kiosk, alles gibt, auch „Harzer Grubenlicht“

Kein Fake ist der alte Kolonnenweg, der in sozialistischer Beton-Tristesse als „Grünes Band“ direkt nach Norden führt. Folgen wir ihm doch mal ein Stück, bis zur Ostsee oder so. 

 

 

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Hart auf der Grenze. Der Kolonnenweg …

 

 

 

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… beherrscht auch idyllische Kurven

Auf dem Weg lerne ich, dass man die damalige Grenzaufteilung zwischen Sowjets und Alliierten sehr oft entlang ganz früherer, sehr historischer Grenzen festgelegt hat.
Ein Beispiel ist der „Carlstein“, knapp hundert Meter westlich des Kolonnenwegs über eine breite Wiese, wohl der einstige verminte „Todesstreifen“. Wenn das mal gut geht …

 

Der „Carlstein“ ist kein Bergmassiv wie der Saxenstein, sondern wie der Name schon sagt, ein Stein. Verrottete Bänke und Tische vor einer verkrüppelten Baumreihe, hier stand sicher der letzte große Zaun, der vor dem imperialistischen Westen schützen sollte. Und tatsächlich, genau hier, war schon einmal eine Grenze.

 

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Dieser illegale Grenzübertritt ging einigermaßen gut aus …

 

Etwas fantasielos, die deutsche Teilung gerade hier zu vollziehen. Weiß man doch, dass auch Preußen ebenso wie das Herzogtum Braunschweig nicht mehr existieren. Leute, ihr hättet ahnen können, dass es nicht funktioniert. Und nun ist es vorbei. Hat aber gedauert.

 

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… der verwitterte Carlstein erinnert daran

Der „Zirkeltag“ fällt mir ein. Letzten Monat feierte man ihn. Am 5. Februar 2018 war die Mauer so lange weg, wie sie da war: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage.
Gott, wie die Zeit vergeht. Auch für mich wird es Zeit, zur Ostsee reicht es heute nicht mehr, und als der Kolonnenweg die Straße nach Zorge kreuzt, warnt ein Schild außerdem noch vor „Antipersonenminen“, die leider noch immer nicht alle geräumt werden konnten.
Eine solche Sprengfalle würde also aus mir höchst liebenswerten Person im Fall des Falles, so verstehe ich die Warnung, eine „Antiperson“ machen. Schlimme Vorstellung. Man soll also im Bereich Thüringer Harz auf dem Betonpfad bleiben.

 

Ein Grund mehr, nun die Grenze zu verlassen. Ein Fehltritt meinerseits (da kriegt das Wort „Austreten“ gleich eine ganz neue Bedeutung) könnte einen mächtigen Knall zur Folge haben. Einen Knall, den man noch bis Wieda hören würde. Dann wäre da mal was los. Man hätte Gesprächsstoff. Aber nix da.

Ich will ja noch weiter.

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6 Gedanken zu “Hart(z) auf der Grenze

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