Von Dorfsterben und Grubenlicht

Wie geplant, bin ich also wieda in Wieda.

Immer diese dämlichen Kalauer. Mit diesem Pfund könnte das kleine Harzdorf richtig wuchern (*Sie waren noch nie da?“). Aber es tut sich nicht viel.
Dass hier nicht unbedingt der Bär tobt, ist bekannt. Dass es stattdessen die Wildschweine tun, ebenfalls. Aber viel mehr ist wirklich nicht.

Beim Dorfrundgang stelle ich erstaunt fest, dass das lange verwaiste „Hotel Krone am Park“ zu verkaufen ist. Verhandlungssache.

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Zugreifen! Wieda wartet auf Sie! Es gibt auch ein Kneipp-Wassertret-Becken. Man ist Kurort
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Wer möchte dieses herrliche Kleinod im Harz haben?

 

Ganz konkrete Preise dagegen für zwei Ferienwohnungen oben am Hang, Sonnenaufgangslage, jeweils eigener Pkw-Stellplatz. 75 qm kosten 19.000 Euro, die kleinere mit 65 qm 12.000 Euro. Wie bitte?

Ich trete näher. Nein, da ist keine Null verwischt oder verblichen (wenn es der Schreiber des alten zerfetzten Zettels nicht schon ist). Im geplanten Turm am Berliner Alexanderplatz wird man für diesen Preis einen einzigen Quadratmeter bekommen, wobei allerdings „Mikro-Apartments“ derartiger Größe bzw. Kleine dort nicht geplant sind. Auch gibt es unter dem „Alex“ einen U-Bahn-Knotenpunkt, hier unter dem Hang finden sich allenfalls Stollen der einstigen Silberminen.
Vielleicht nicht so recht vergleichbar.

 

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Doch, die Post kommt. Imma wieda. Sonst läuft nicht so viel

 

Und doch: Wieda ist groß im Kommen, bzw. am Wieda-Kommen, hach, war der wieder lustig … Die Minigolf-Anlage ist wieda eröffnet! Pro Schläger und Stunde drei Euro, die etwas vermoderten Bahnen bewunderte ich ja schon im Vorjahr.
Nun kann man natürlich nicht einfach hingehen und Schläger mieten, vom verwaisten „Hotel Krone am Park“ gegenüber ist auch nicht viel Zustrom zu erwarten. Aber die Bekanntmachung am Rathaus verweist auf eine Handynummer, die man für seinen Spielwunsch anrufen kann. Bestimmt läuft dann was, die Wege in Wieda sind nicht weit.

Auch das Glas- und Hüttenmuseum hat keine Öffnungszeiten, wer es mal anschauen will, findet ebenfalls eine Handynummer. Und das Handynetz geht in Wieda, kannze echt nich meckern.

In der von meiner Unterkunft relativ weit entfernten Bäckerei erkenne ich erstaunt meine Pensionswirtin hinter dem Ladentisch, was ein bezeichnendes Licht auf die Gewerbesituation in Wieda wirft.

Doch halt! Wir dürfen den Kiosk nicht vergessen, nebenbei oder hauptsächlich DHL-Packstation (Hermes-Pakete bitte beim Friseur nebenan). Hier gibt es Papierwaren, Schokolade, Chips, Zigaretten und Schnaps, z.B. den tollen Kräuterlikör „Harzer Grubenlicht“. Okay, den gibt’s am dritten Tag auch nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte …
Wer was anderes essen will, womöglich sogar Bier kaufen, fährt tunlichst mit dem Wagen ins nächste Bundesland Thüringen. Milch gibt’s in Wieda nur zum Kaffee.

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Erinnerung: An verschiedenen Info-Tafeln wird Wiedas gemächliches Sterben historisch aufgearbeitet, nicht nur das des Silberbergbaus.

Anlaufstelle für die Dorfgemeinschaft (also in diesen drei Tagen ich) ist das „Schützenhaus“. Meine Freunde, mit denen ich abends das ein oder andere Glas „Harzer Grubenlicht“ leere, sind erstaunt, dass es immer noch existiert. Sie waren seit dem x-ten Pächterwechsel vor knapp fünf Monaten noch nicht wieder (wieda, haha) da.

Bedauerlich. Mindestens das „Schnitzel Hawaii“ ist hoch zu loben und preiswert. Muss man einfach mal an dieser Stelle in die Rest-Welt posaunen (www.wiedaer-schützengesellschaft.de/gaststaette.htm).

Jeden Sonntag ist „Bratentag“, da gibt’s was Spezielles, ein Zettel im „Foyer“ bittet um Reservierung. Wieder so ein Brüller.

Im Berliner „Borchardt“ oder „Grill Royal“ stehen die aufmerksamen Kellner mit hinter dem Rücken verschränkten Händen irgendwo parat, sehr aufmerksam, sofort zur Stelle, wenn sie irgendwo eine Frage oder einen Missstand erahnen.

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Okay, ein‘ nehm wa noch. Entgegen anderslautenden Gerüchten macht er nicht blind. Foto: http://www.weinquelle.com

Der weißbekittelte Koch Pino hat diese Haltung auch perfekt drauf, allerdings im völlig leeren Saal. Irgendwo in einer Ecke lümmele ich bei einem Bier und der Zeitung, aber das kann’s nicht sein. Nennt man das nun kafkaesk oder Loriot-like?
Aber ich will nicht unfair sein. Manchmal waren tatsächlich außer mir noch andere da. Und wer weiß, wie es sonntags, am „Bratentag“, ist?

Doch, in Wieda geht wieder was. Am letzten Abend bemerke ich im Südabschnitt des „Bohlwegs“, früher das Gleis der Südharz-Eisenbahn neben dem Fluss, dass die bisher toten Kugellampen wieder brennen. Toll, ich brauche keine Taschenlampe mehr für den Weg. Ein erster Lichtblick?
Licht auf jeden Fall. Ob sich das langfristig auf das halb tote Dorf auswirken wird?

Darauf erst mal ein „Grubenlicht“.

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