Kein Schwein greift mich an

Der nächste Tag bietet dann Zeit, die Überreste von Wieda im Südharz zu erforschen.
Großartige Gebirgsmassive gibt es hier natürlich nicht, dennoch nehme ich angesichts der verheerenden Wühlarbeiten der Wildschweine (siehe Beitrag „Im Südharz“) die stabilen Wanderstiefel.

Der „Kurpark“ bietet ein trostloses Bild. Die Kugellampen sind moosbedeckt, abends leuchten immerhin einige davon. Das „Hotel Krone am Park“, recht moderner Bau, hat sicher mal bessere Zeiten gesehen. Dass es geschlossen ist, muss man kaum erwähnen, der Vergilbungsgrad der Speisekarten draußen erlaubt Schätzungen, wie lange schon.

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Beleuchtung: Ungenügend …

Am hübsch renovierten Rathaus (funktionslos, da die Samtgemeinde von Walkenried aus regiert wird), gibt es einen Zimmernachweis. Eine ganz vergilbte Notiz verweist auf das „Bergfried“ gegenüber. Das ist aber ebenso wie das Lokal „Harzklause“ längst geschlossen.

… und Minigolf? Vielleicht später WIEDA mal …

Gegenüber vom Gasthof „Conny’s“ ein stillgelegtes Bahnhofsgebäude. Da der höher gelegene Bahnhof „Stöberhai“ außerorts lag, verlangten die Einwohner für diesen die Bezeichnung „Wieda Hbf“. Ganz schön selbstbewusst, trotzdem ist die Strecke seit August 1963 stillgelegt, von der einstigen Trasse gibt es nicht mal mehr versteckte Spuren zu entdecken.

Ganz deutliche Spuren aber hat eine Rotte Wildschweine hinterlassen, offenbar erst gestern Nacht. Ja, das kommt davon, wenn man bei „Conny’s“ seine Pommes frites nicht aufisst.

So ist mir etwas mulmig, im Nebel, auf den einsamen Wegen im bunt gefärbten Hochwald. Immer wieder meine ich, irgendwo das Schnaufen der Schwarzkittel zu hören. Aber es bleibt alles friedlich, kein Schwein greift mich an.

Harz-Herbst. Wo stecken die Wildschweine?

Auf dem Berg „Stöberhai“ dann volle Sonne, ich erkenne den schneefreien (!) Brocken in der Ferne. Nun mal eine Stärkung im alten Bahnhof „Stöberhai“, heute eine einsame „Historische Waldgaststätte“, noch mal 260 Meter abwärts.
Yeah! Berlin grüßt. Es gibt Currywurst, „VW-Currywurst“. Die bestelle ich.
„Was bitte heißt VW?“
„Na, Volkswagen.“
Klar, dumme Frage. Schließlich sind wir ja in Niedersachsen. Und was soll das?
„Das ist die gleiche wie in der Werkskantine in Wolfsburg. Der Konzern möchte bald der größte Currywurst-Produzent der Gegend werden.“

Aha. Ich dachte, dass Golf, Audi und Skoda auch ganz gut laufen. Na, wieder was gelernt. Probieren kann man ja mal.
Während ich auf den PS-Brummer warte, gucke ich mal in ein Naturkunde-Büchlein. Es geht um die „Entstehung, Gefährdung und Pflege von Kalkhalbtrockenrasen“. Na, endlich mal Infos über dieses Thema! Ganz vorne grüßt mich ein sehr jugendlicher Sigmar Gabriel als Ministerpräsident. Häh? Ach so, das Büchlein ist von 2001. War zu erwarten.
Die „VW-Currywurst“ ist frischer, aber nicht besonders. Ob’s dem Tourismus nutzt?

Berlin hat in dieser Hinsicht keine Sorgen. Aber wie wäre es mal mit einer „Siemens-Currywurst?“

Diese geniale Marketingidee wird bei Dennis am Abend mit einem „Harzer Grubenlicht“ gefeiert. Dabei fällt mir im Radio auf, dass alle Sender hier, sei es MDR Jump, Niedersachsen oder RTL, sich kaum vom heimischen „Spreeradio“ unterscheiden. Überall dasselbe Geheule, hilflose Mädel, vom Text überfordert, die ihre Schnappatmung direkt ins Mikro keuchen, immer wieder der jämmerlich winselnde James Blunt … und dann alles wieder von vorn.
Ist das hier Deutschland? So gar keine Vielfalt, so weit weg von zu Hause?

Am nächsten Tag nun endlich der nur halb illegale Besuch der „Himmelreichhöhle“, die ohne Kriecherei und Abseilen vom Eisenbahntunnel bei Ellrich zu erreichen ist. Wie schon zu Jugendzeiten ist der Eingang vom Tunnel offen, wir staunen wie damals, aber allzu heftige Kletterei machen wir nicht. es gibt doch dies schöne Filmzitat „Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“
Aber ein glitzerndes Steinchen nehme ich mit: Schließlich ist es ein Stück vom Himmelreich.

Noch mal zur Tankstelle. Die kluge Hausfrau Sibylle riet, heute dort zu tanken, es sei die billigste der ganzen Region, und morgen schon wieder teurer. Aber wir wollen nur etwas Bier, da Wieda jetzt, um kurz nach 16 Uhr, schon geschlossen hat.
Tatsächlich: Die Cent-Unterschiede sind relativ deutlich, eine mittelgroße Limousine mit komplett leerem Tank könnte durchaus 1,50 bis 1,80 Euro sparen, das bedeutet praktisch fast annähernd 1,5 Liter Benzin geschenkt.
Die Folge: Die Autokonvois versuchen von beiden Seiten auf die Tankstelle zu fahren, wildes Hupen, Geschrei, die Bundesstraße blockiert, alles ist heillos ineinander verkeilt.

Ich möchte heute kein Benzin. Aber ich habe keine Zweifel mehr:
Doch, ich bin mitten in Deutschland.

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3 Gedanken zu “Kein Schwein greift mich an

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